Zustandsbericht 2017
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    Das Ende des Goldenen Zeitalters beim Wanderfalken

    Der Wanderfalke ist weltweit zu einer Ikone des Naturschutzes geworden. In den Sechzigerjahren brachten ihn Umweltgifte an den Rand des Aussterbens, aber dank gesetzlichem Schutz und Verbot dieser Pestizide erlebte er danach eine einzigartige Bestandserholung.

    Bestandstrend des Wanderfalken in der Westschweiz (4993 km2) über 56 Jahre (1960– 2015). Die schwarzen Punkte zeigen die Anzahl der gefundenen Brutpaare. Die blaue Linie zeigt den geglätteten Bestandstrend.
    Bestandstrend des Wanderfalken in der Westschweiz (4993 km2) über 56 Jahre (1960– 2015). Die schwarzen Punkte zeigen die Anzahl der gefundenen Brutpaare. Die blaue Linie zeigt den geglätteten Bestandstrend.
    Bestandsentwicklung des Wanderfalken über 12 Jahre (2005–2016) im Nordjura (3270 km2).
    Bestandsentwicklung des Wanderfalken über 12 Jahre (2005–2016) im Nordjura (3270 km2).
    Der Verlust von sich erfolgreich fortpflanzenden Altvögeln durch Vergiftungen wirkt sich schnell auf Bestände ganzer Regionen aus.
    Der Verlust von sich erfolgreich fortpflanzenden Altvögeln durch Vergiftungen wirkt sich schnell auf Bestände ganzer Regionen aus.
    Foto © Michel Vincent

    Bis um 2005 hatte er auch die ganze Schweiz wiederbesiedelt. Sein Bestand wurde um 2010 auf rund 340 Paare geschätzt. Gleichzeitig begannen Wanderfalken in den Alpen immer höher oben und in den tiefen Lagen an immer kleineren Felsen zu horsten, und es gab vermehrt Bruten an Gebäuden.

    Unerwartete Trendumkehr

    Seit 2010 häufen sich allerdings Anzeichen, wonach nicht mehr alles in Ordnung ist: immer mehr langjährige, traditionelle Brutplätze wurden verlassen. Das war der Anlass, die Bestandsentwicklung des Wanderfalken im letzten Jahrzehnt genauer zu analysieren. Detaillierte Bestandszahlen gibt es aus der Westschweiz, wo eine Gruppe engagierter Vogelschützer um Gabriel Banderet seit 1960 Bestand und Bruterfolg an 90 Felsen kontrolliert, aus dem Nordjura, wo eine Gruppe um Marc Kéry seit 2005 Daten an etwa 100 Felsen sammelt, und im Kanton Zürich, wo BirdLife Zürich den Bestand seit 2002 dokumentiert. Die Analyse dieser Daten zeigte, dass der Wanderfalke in den drei Untersuchungsgebieten um 36%, 47% respektive gar 86% abgenommen hat. So gab es in der Westschweiz um 2008 51 Paare und um 2015 nur noch 33, im Nordjura um 2007 73 Paare und 2016 nur noch 38. Im Kanton Zürich nahm der Bestand von 2010 bis 2014 von 7 Paaren auf ein einziges ab.

    Ursachen und Schutz

    Als Ursachen für diese beträchtlichen Bestandsabnahmen kommen vor allem natürliche und «unnatürliche» Feinde infrage. Der Uhu ist der wichtigste Fressfeind des Wanderfalken, besiedelt genau dieselben Felsbiotope und hat ausserhalb der Alpen in den letzten 20 Jahren zugenommen. Im Nordjura gibt es mittlerweile vermutlich mehr Uhu- als Wanderfalkenreviere, und 22 traditionelle Wanderfalkenreviere (25%) hatten seit 2005 mindestens einmal revierhaltende Uhus. Wird ein Wanderfalkenbrutplatz durch den Uhu besiedelt, so wird dieser durch die Falken fast immer verlassen. Seit 2008 ist auch klar geworden, dass die menschliche Verfolgung von Greifvögeln noch nicht der Vergangenheit angehört: mehrere ehemals sehr erfolgreiche Brutpaare in Basel und Zürich verschwanden plötzlich, und 2011 wurde erstmals die Vergiftung eines Wanderfalken mutmasslich durch Taubenzüchter nachgewiesen. Seither wurden um Zürich, Basel und im Aargau weitere Vergiftungsfälle bekannt, und es muss mit einer beträchtlichen Dunkelziffer gerechnet werden. Dank des hartnäckigen Einsatzes der Kantonspolizei Zürich in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Wanderfalke konnten bereits zwei Täter überführt und verurteilt werden.

    Ausblick

    Die Reduktion des Wanderfalkenbestands durch den Uhu ist ein natürlicher Prozess und somit zu akzeptieren. Hingegen sind illegale Verfolgungen durch Taubenzüchter entschieden zu bekämpfen. Aus der jüngsten Geschichte des Wanderfalken können zwei Aspekte gelernt werden: (1) auch eine Art, die gerettet schien, kann plötzlich wieder beträchtlich abnehmen; (2) ein verlässliches Frühwarnsystem gerade für seltene Arten ist entscheidend für die Erkennung einer Trendumkehr. Die Vogelwarte wird die Anstrengungen zur Organisation von neuen und Unterstützung von bereits existierenden Monitoringprojekten von schwierig zu überwachenden Arten in den nächsten Jahren weiter verstärken.

    Literaturhinweis