Zustandsbericht 2017
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    ornitho.ch – die Datenmenge dient vielen Zwecken

    «Pro Natura erarbeitet ein neues Pflegekonzept für das Gebiet X. Könnten wir als Grundlage alle Beobachtungen von Vögeln beziehen?» Oder: «Wir sind an einem Modell, das die künftige Verbreitung der wichtigsten Waldarten im Alpenraum aufzeigen soll. Dürfen wir Sie um Nachweise zur Brutzeit von Waldund Raufusskauz sowie Schwarzspecht bitten?» Oder: «Im Rahmen eines Vernetzungsprojektes steht eine Erfolgskontrolle an. Dazu bräuchten wir die aktuellen Verbreitungsdaten von Landwirtschaftsarten in den Gemeinden X, Y und Z …».

    Meilensteine in der Geschichte von ornitho.ch
    Meilensteine in der Geschichte von ornitho.ch
    So und ähnlich lauten die Anfragen, die heute tagtäglich an die Datenzentren gerichtet werden. Allein 2016 gingen mehr als 300 solche Bestellungen von Ökobüros, NGOs, Dienststellen oder Wissenschaftlern bei der Vogelwarte ein. Die Anforderungen haben sich in den letzten 10 Jahren stark verändert und verstärkt findet ein Datenaustausch auch auf internationaler Ebene statt. Und dank ornitho.ch können wir diesen Ansprüchen heute deutlich besser gerecht werden, denn wir haben eine wesentlich höhere räumliche Abdeckung, örtlich präzisere und aktuellere Daten als früher.

     

    Mehrstufige Qualitätssicherung
    Die Nachweise, die in ornitho.ch gesammelt werden, dienen u.a. für wissenschaftliche Auswertungen und für planerische Zwecke. Einzelne Fehler bei der Eingabe von mehr als einer Million Beobachtungen sind unvermeidlich. Der Datennutzer soll jedoch versichert sein, dass wir alles Erdenkliche tun, um möglichst einwandfreie Daten bereitzustellen. Unser Ziel ist, durch eine mehrstufige Qualitätssicherung eine hohe Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit zu erzielen. Die eintreffenden Meldungen durchlaufen zuerst den sogenannten Autofilter. Dieser prüft, ob ein Nachweis zeitlich, örtlich oder punkto Anzahl aus dem Rahmen fällt. Trifft dies zu, wird der Melder automatisch darauf hingewiesen und muss seinen Eintrag bestätigen. Tut er dies, so werden die rund 30 Regionalkoordinatoren auf die Meldung aufmerksam gemacht und zur Prüfung aufgefordert. Bei den Regionalkoordinatoren handelt es sich um erfahrene Feldornithologen, die eine Durchsicht der Meldungen vornehmen und im Zweifelsfall Rückfragen auslösen oder Präzisierungen anfordern. Bei der Übernahme in die Datenbanken der Vogelwarte werden weitere Schritte der Qualitätssicherung durchlaufen. Schliesslich werden den Datennutzern im Regelfall nur Daten geliefert, die von eingeschriebenen freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stammen, also von Leuten, die mehrjährige feldornithologische Praxis haben. Diese übermitteln rund zwei Drittel aller in ornitho.ch erfassten Nachweise.

     

    Avifaunistische Daten helfen Schutzgebieten und der Artenförderung

    Grundsätzlich ist es zu begrüssen, dass ornithologische Daten heute viel öfter für Planungen und wissenschaftliche Analysen Verwendung finden. So kommen sie Schutzbemühungen und der Artenförderung direkt zugute. Der Artenförderung helfen sie, indem schutzbedürftige Individuen umgehend angezeigt werden (z.B. Wachtelkönig), künftige Fördergebiete besser eingegrenzt werden können (z.B. Wendehals) oder Erfolgskontrollen unterstützt werden (z.B. Wiedehopf). Der einzelne Melder hat somit die Genugtuung, dass seine Nachweise nicht bloss auf einem riesigen Datenhaufen landen, sondern dass sie laufend auch für verschiedenste praktische Zwecke Verwendung finden. Für die Datenzentren besteht heute allerdings die grosse Herausforderung darin, im Spannungsfeld zwischen den Schutzinteressen sensibler Arten, der Rücksichtnahme gegenüber den einzelnen Meldern und den Wünschen der Kunden die Daten optimal zu selektieren. Sie müssen diese so aufbereiten, dass sie ihren Hauptzweck erfüllen, ohne dass Pseudogenauigkeit suggeriert wird (Vögel haben auch bei punktgenauen Meldungen ein artabhängiges Raumbedürfnis) oder Anlass zu Fehlinterpretationen entsteht. Das bedingt, dass nach wie vor die selektierten Daten gesichtet und individuelle Anpassungen vorgenommen werden und dass in heiklen Fällen Rücksprachen mit den Meldern erforderlich sind.

     

    10 Jahre ornitho.ch 
    Anfang 2007 ging ornitho.ch für die ganze Schweiz ans Netz. Zuvor war die von der Biolovision S.à.r.l. in Ardon VS entwickelte Meldeplattform schon in Genf und später in der Westschweiz ein Renner. Mittlerweile haben sich fast 15 000 Leute eingeschrieben, die mehr als 13 Millionen Beobachtungen eingegeben haben. Die Anzahl Meldungen pro Jahr hat sich zwischen 2007 und 2016 mehr als verfünffacht. Die Jahre 2013– 2016 brachten zusätzlichen Schub, weil sämtliche Daten für den Brutvogelatlas über ornitho.ch gesammelt wurden. Auch die Summe der monatlichen Seitenzugriffe hat stetig zugenommen – inzwischen erfolgen pro Monat 1–2 Millionen Seitenzugriffe. Im Frühjahr 2016 wurde ornitho. ch zudem für Säugetiere, Reptilien, Amphibien und gewisse Insekten geöffnet. Auch diese Erfassungsmöglichkeit wird seither rege genutzt. Ornitho.ch spielt dank 400 000 Bild- und Tondokumenten auch beim autodidaktischen Studium eine nicht zu unterschätzende Rolle. Mittlerweile gibt es in Europa in der ornitho-Familie über 40 Meldeportale, bei welchen rund 100 Millionen Beobachtungen eingegeben worden sind.