Zustandsbericht 2017
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    Verbreitete Arten werden häufiger, Zugvögel seltener

    Der Swiss Bird Index SBI® dokumentiert seit 1990 mit einfachen Kennzahlen die Bestandsentwicklung von 174 regelmässig in der Schweiz brütenden Vogelarten. Die diesjährige Aktualisierung des SBI® für alle Vogelarten zeigt einen Wert von 111%. Damit bestätigt sich das Niveau von plus 10% gegenüber dem Bestand von 1990 (= 100%), welches seit 2012 gehalten wird. Bis 2009 schwankte der Wert jeweils noch um 100%.

    Die Kerngrössen des Swiss Bird Index SBI® von 1990–2016: Der SBI® für alle Arten (blau) steigt leicht an; nach einem lange ungebremsten Rückgang scheint sich der Teilindex für Arten der Roten Liste auf tiefen 60% einzupendeln (rot).
    Die Kerngrössen des Swiss Bird Index SBI® von 1990–2016: Der SBI® für alle Arten (blau) steigt leicht an; nach einem lange ungebremsten Rückgang scheint sich der Teilindex für Arten der Roten Liste auf tiefen 60% einzupendeln (rot).
    Während sich der Swiss Bird Index SBI® für Kurzstreckenzieher (blau) positiv entwickelt, nimmt der SBI® für Langstreckenzieher (rot) über den Untersuchungszeitraum 1990–2016 ab.
    Während sich der Swiss Bird Index SBI® für Kurzstreckenzieher (blau) positiv entwickelt, nimmt der SBI® für Langstreckenzieher (rot) über den Untersuchungszeitraum 1990–2016 ab.

    Im Gegensatz dazu sind beim Teilindex der Rote-Liste-Arten heute nur noch 60% der Bestände von 1990 vorhanden. Während dieser Teilindex in den Neunzigerjahren um 80% pendelte, erfolgte zu Beginn dieses Jahrhunderts ein erneuter Rückgang. Seit 2008 verharrt der Rote-Liste-Index auf einem Niveau von rund 60% des Bestands von 1990. Das bedeutet, dass der eigentlich erfreuliche Anstieg des Gesamtindex auf 111% zu einem grossen Teil darauf zurückzuführen ist, dass verbreitete Arten häufiger, seltene und bedrohte Arten jedoch über den untersuchten Zeitraum noch seltener wurden.

    Transsaharazieher haben es schwer

    Anhand ihres Zugverhaltens unterscheiden wir zwischen Standvögeln und Kurzstreckenziehern (zusammengefasst als Kurzstreckenzieher; 120 Arten), die bis in den Mittelmeerraum ziehen, und Langstreckenziehern, die über die Sahara weit nach Afrika hinein ziehen (54 Arten). Diese beiden ökologischen Gruppen zeigen frappante Unterschiede in ihrer Entwicklung seit 1990. Die Kurzstreckenzieher schwankten lange um 100%, ab 2003 erfolgte eine Zunahme. Seit 2007 hat sich der Index bei rund 120% eingependelt. Die Langstreckenzieher nahmen in den Neunzigerjahren vom Ausgangswert von 100% auf rund 90% ab. Seit 2006 bewegt sich ihr Index zwischen 85 und 90%. Von den Langstreckenziehern weisen 30% langfristig eine negative Entwicklung auf. Bei den Kurzstreckenziehern sind es nur 18%.

    Habitatverluste hüben wie drüben

    Die Gründe für diese negative Entwicklung sind mannigfaltig und die jeweilige Hauptursache ist wohl artspezifisch. Habitatverlust im Brutgebiet, in den Rastgebieten oder im Überwinterungsgebiet ist jedoch bei vielen Arten entscheidend. Eine britische Studie bei 26 Langstreckenzieherarten identifizierte Habitatverlust im Überwinterungsgebiet als wichtigsten Grund für ihren Rückgang. Jährlich wird südlich der Sahara die natürliche Vegetation auf einer Fläche grösser als die Schweiz neu kultiviert. Mit dem Habitatverlust nimmt die Zahl der Insekten ab, was durch Pestizideinsatz noch verstärkt wird.

    Die illegale wie auch die legale Jagd sowie Auswirkungen des Klimawandels fordern ebenfalls ihren Tribut. Die Anzahl der Zugvögel, die im Herbst von Europa nach Afrika zieht, wird auf über 2 Milliarden geschätzt. Eine Studie von BirdLife International schätzt die Zahl der illegalerweise getöteten Vögeln im mediterranen Durchzugsgebiet auf 11 bis 36 Millionen. Unabhängig von moralisch-ethischen Aspekten und legalen Fragen sind die Auswirkungen der Jagd auf gesamteuropäische Populationen artabhängig zu beantworten. Es wird vermutet, dass beispielsweise bei Turteltaube und Ortolan Jagd neben dem Lebensraumverlust die Hauptursache ihres starken Rückganges ist. Der Ortolan ist in der Schweiz praktisch verschwunden.

    Wegen klimatischen Veränderungen entwickeln sich die Vegetation und somit Insekten in unseren Breiten tendenziell früher als bisher. Das kann bei Langstreckenziehern dazu führen, dass die Jungvögel schlüpfen, wenn das Nahrungsangebot für die Nestlinge nicht mehr maximal ist. Das reduziert die Überlebenschancen des Nachwuchses. Die Zugzeiten vieler südlich der Sahara überwinternder Singvögel sind stärker genetisch fixiert, als bei Kurzstreckenziehern und daher weniger flexibel. Neueste Forschung zeigt, dass diese Arten nur langsam auf Veränderungen im Nahrungsangebot reagieren.

    Die vielfältigen Ursachen für den Rückgang der Langstreckenzieher werden in absehbarer Zukunft wohl weder bei uns noch anderswo verschwinden. Deshalb ist bei dieser faszinierenden Gruppe die Hoffnung auf eine Trendwende leider klein.