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    Bleivergiftung bei Steinadlern

    Kadaver von Wildtieren enthalten oft Fragmente von Bleimunition. Die Schweizerische Vogelwarte untersucht, ob tot gefundene Steinadler und andere Greifvogelarten erhöhte Bleiwerte in Organen aufweisen.

    Ziele

    Bleivergiftungen bei Steinadlern und Bartgeiern wurden im Ausland und in der Schweiz in den letzten Jahren vermehrt nachgewiesen. Ursache sind meist Fragmente von Bleimunition in Jagdwild wie Gämsen, Rothirschen und Steinböcken. Mit einer umfassenden Studie an tot gefundenen Steinadlern wurde untersucht, ob es sich bei bleivergifteten Greifvögeln um seltene Einzelfälle handelt, oder ob es eine Bleibelastung gibt, welche für die Bestandsentwicklung relevant sein könnte. Zudem wurde geklärt, woher das Blei stammt, und auf welchem Weg es in die untersuchten Vögel gelangt.

    Vorgehen

    Die Schweizerische Vogelwarte arbeitet eng mit der Wildhut und den kantonalen Jagdverwaltungen verschiedener Alpenkantone, insbesondere in Graubünden, zusammen. Diese stellen Organe von tot gefundenen Steinadlern zur Verfügung. Die Analysen von Leber-, Nieren-, Feder-, Blut und Knochenproben führte das Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit dem Institut für Veterinärpharmakologie und -toxikologie des Tierspitals Zürich durch. In einem ersten Projektteil wurden 36 tote oder sterbende Steinadler untersucht. Als Vergleich wurden zudem tote Uhus analysiert, welche kaum Kadaver fressen und gegenüber Blei aus der Jagdmunition wenig bis gar nicht exponiert sind. Im zweiten Projektteil wird die Stichprobe für die Bleianalyse auf weitere Vogelarten wie Rotmilan, Sperber, Habicht und Kolkrabe ausgeweitet und auch Regionen aus dem Mittelland berücksichtigt, wo andere Bejagungssysteme vorherrschen.

    Bedeutung

    Zwar beherbergen die Schweizer Alpen momentan ca. 350 Steinadler-Brutpaare und damit eine vitale Population, doch bleibt der Bestand verletzlich. Insbesondere kommt es laufend auch zu Ausfällen durch zivilisatorische Einrichtungen (z.B. Kollisions-Opfer an Transportseilen und Hochspannungsleitungen) oder zu Brutverlusten durch menschliche Störungen. Deshalb gilt es, Todesursachen, welche die Population schwächen könnten, im Auge zu behalten. Bleivergiftungen sind zudem auch eine Gefahr für andere Greifvogelarten wie den seltenen Bartgeier oder den Rotmilan. Die Ergebnisse der Studien unterstützen die Argumentation im Hinblick auf eine Umstellung auf bleifreie Jagdmunition.

    Ergebnisse

    Drei Steinadler wiesen Symptome einer akuten Bleivergiftung auf (Bleiwerte im Blut 32–108 µg/dl). Die Bleikonzentrationen in Leber und Niere waren bei toten Steinadlern signifikant höher als bei Uhus. In den Knochen lagen die Bleiwerte bei Steinadlern sogar zehnmal höher als bei Uhus. Die Bleikonzentrationen in den Knochen der Steinadler waren damit deutlich höher als die bisher aus der Literatur bekannten Werte.
    Zur Klärung der Frage nach der Herkunft des Bleis wurden Blei-Isotope bestimmt. Die Signatur des in den Steinadlerknochen gefundenen Bleis stimmte mit derjenigen aus der Jagdmunition überein, nicht aber mit jener aus Bodenblei, Blei in den Beutetieren oder Blei, das in den Uhus gefunden wurde. Daraus lässt sich schliessen, dass die Quelle für die hohen Bleiwerte in den Steinadlern mit grösster Wahrscheinlichkeit Jagdmunition war.
    Die Bleiaufnahme bei den Steinadlern wird am besten durch die Aufnahme von Bleifragmenten aus Tierkadavern oder jagdlichen Aufbrüchen erklärt. Die Innereien der erlegten Tiere sind meist mit kleinen bis winzigen, vom Geschoss stammenden Bleifragmenten durchsetzt. Erhebungen mittels Fotofallen während der Steinwildjagd in Graubünden zeigten, dass Steinadler solche Aufbrüche systematisch nutzen: An sechs Standorten mit Fotofallen fanden sich innerhalb weniger Stunden insgesamt fünf verschiedene Steinadler an den Aufbrüchen ein.

    Projektleitung

    David Jenny und Lukas Jenni

    Partner

    Jagdverwaltungen der Kantone Graubünden, St. Gallen, Glarus, Bern und Wallis
    Jacqueline Kupper, Institut für Veterinärpharmakologie und -toxikologie, Universität Zürich
    Thomas Krämer, Institut für Rechtsmedizin, Abteilung Forensische Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Zürich Stiftung Pro Bartgeier.

    Publikationen

    Madry, M. M., T. Kraemer, J. Kupper, H. Naegeli, H. Jenny, L. Jenni & D. Jenny (2015):
    Excessive lead burden among golden eagles in the Swiss Alps.