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    Der Weissrückenspecht im Wirtschaftswald

    Der Weissrückenspecht gilt als typische „Urwaldart“ und besiedelt naturnahe Waldbestände mit einem hohen Laub- und Totholzanteil. Diese Erkenntnisse wurden jedoch fast ausnahmslos in seit längerem nicht mehr bewirtschafteten Wäldern gewonnen. Über die Habitatansprüche dieser spezialisierten Spechtart in bewirtschafteten Wäldern Mitteleuropas ist kaum etwas bekannt.

    Ziele

    Vor der intensiven Nutzung der Wälder vom 15. bis 19. Jahrhundert ist diese Spechtart wohl auch in der Schweiz und anderen Teilen Mitteleuropas verbreitet vorgekommen. Heute ist der Weissrückenspecht die gefährdetste und seltenste Spechtart Mitteleuropas. Die Arealausdehnung im Raum Vorarlberg, Liechtenstein und der Ostschweiz seit den 1970er-Jahre eröffnet für den Naturschutz im Wald interessante Perspektiven. Das Projekt befasst sich mit folgenden Aspekten:

    1. Habitatwahl und Totholzkäfer

    Die Studie soll klären, welche Standorteigenschaften und Waldstrukturen die vom Weissrückenspecht besiedelten, meist bewirtschafteten Wälder im Raum Vorarlberg, Liechtenstein und Ostschweiz aufweisen. Dazu wird der Zusammenhang zwischen dem Vorkommen der Art und Faktoren wie beispielsweise Höhenlage, Exposition, Hangneigung, Kronenschlussgrad, Baumartenzusammensetzung oder Totholzanteil ermittelt. Ebenfalls untersucht wird, ob das Vorkommen dieser Spechtart mit der Häufigkeit von Totholzkäfern zusammenhängt. Diese Aspekte werden in Zusammenarbeit mit der BOKU, Wien, der WSL, Birmensdorf, der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL, Zollikofen, und der Universität Zürich untersucht.

    2. Raumnutzung

    Publizierte Untersuchungen über die Raumansprüche des Weissrückenspechts mittels Radiotelemetrie gibt es bisher nicht. In einem weiteren Projektteil versuchen wir deshalb, die Grösse von Streifgebieten und die effektiv genutzten Lebensraumstrukturen zu ermitteln. Dazu werden Weissrückenspechte gefangen, mit kleinen Radiotelemetriesendern versehen und die Aufenthaltsorte und Tätigkeiten der Spechte regelmässig erfasst. Der Einsatz der Telemetrie ermöglicht es, die Tiere jederzeit zu orten und so objektive Daten zur Raumnutzung und Streifgebietsgrösse zu sammeln. Die Kenntnis von Streifgebietsgrössen einzelner Spechte ist ein wichtiger Schritt zum Verständnis des Flächenbedarfs von Populationen.

    Vorgehen

    Die Untersuchung über die Habitatwahl und die Totholzkäfer fand auf 60 Flächen von 1x1 km Grösse in Vorarlberg, Liechtenstein und der Ostschweiz statt. In ca. der Hälfte der 60 Km-Quadrate wurde vor Beginn unserer Studie Weissrückenspechte nachgewiesen, in der anderen Hälfte wird von der Absenz der Art ausgegangen. In jedem Km-Quadrat wurden auf zwei Durchgängen mittels Abspielen von Klangattrappe die Präsenz bzw. Absenz der Art überprüft. Nach dem Laubaustrieb erfassten wir in den 60 Km-Quadraten verschiedene Habitatstrukturen, die basierend auf Literatur und Expertenmeinungen ausgewählt wurden. Für die Schätzung der Käferhäufigkeit wurden Schlupflöcher auf einem 20 cm breiten Streifen um liegendes und stehendes Totholz gezählt.

    Für die Untersuchung der Raumansprüche fangen wir die Spechte mit Hochnetzen und Klangattrappen. Sie werden dann beringt, vermessen und mit kleinen Radiotelemetriesendern versehen, welche 3% des Körpergewichts ausmachen. Die Sender werden auf die beiden mittleren Schwanzfedern geklebt und fallen spätestens mit der Federmauser im Sommer/Herbst wieder ab. Erste Beobachtungen zeigen, dass die Sender die Spechte weder beim Fliegen noch bei anderen Aktivitäten behindern. Jedes Individuum wird mehrmals wöchentlich gepeilt und anschliessend mehrere Stunden lang beobachtet.

    Bedeutung

    Auf der globalen Roten Liste der IUCN wird der Weissrückenspecht als nicht gefährdet (least concern), jedoch mit sinkendem Populationstrend, geführt. In der Roten Liste der Brutvögel der Schweiz wird die Art als verletzlich, in der Roten Liste Österreichs als gefährdet eingestuft. Des Weiteren ist der Weissrückenspecht im Anhang I der EU-Vogelschutzrichtlinie sowie im Anhang II der Berner Konvention zu finden. Untersuchungen zur Ökologie dieser spezialisierten Spechtart sind deshalb aus naturschutzpolitischen Gründen hochaktuell.

    Die Studie wird wichtige Informationen zum Verständnis der Faktoren liefern, welche das Vorkommen des Weissrückenspechts beeinflussen. Im Gegensatz zu anderen Studien an dieser Art wird unsere Untersuchung in Wäldern durchgeführt, die teilweise forstlich genutzt werden. Es wird sich zeigen, inwiefern die hier ermittelten Habitatansprüche des Weissrückenspechts mit bisherigen Befunden übereinstimmen. Wir erhoffen uns insbesondere Informationen über Schwellenwerte für das Vorkommen in den forstlich genutzten Wäldern hinsichtlich Totholzverfügbarkeit (stehend und liegend), Baumalter (lebende Bäume) und Baumdichten. Dies sind wichtige Angaben für eine Weissrückenspecht-freundliche Bewirtschaftung potenziell geeigneter Waldlebensräume. Dadurch würde nicht nur der Weissrückenspecht gefördert, sondern dank seiner Funktion als „umbrella species“ (Schirmart) auch zahlreiche andere Organismen totholzreicher Laubwälder.

    Ergebnisse

    Im Jahr 2015 wurden auf 20 der 60 Km-Quadrate Weissrückenspechte nachgewiesen. Erste Analysen zur Habitatwahl zeigen, dass die Vorkommenswahrscheinlichkeit der Art in einem Km-Quadrat zunimmt, je dicker im Durchschnitt die lebenden Bäume sowie die stehenden und liegenden toten Bäume sind. Auch die Häufigkeit von Totholzkäfern und eine eher mässige Meereshöhe scheinen dem Vorkommen des Weissrückenspechts zuträglich zu sein.

    Im Frühling 2016 wurden in Vorarlberg und Liechtenstein je drei Weibchen und Männchen gefangen und besendert. Sie streiften weitläufig umher, was mit früheren Beobachtungen übereinstimmt. Informationen über die Tätigkeit der Spechte zu gewinnen erwies sich jedoch als sehr schwierig, da die Vögel trotz Peilsendern nur selten zu beobachten waren.

    Projektleitung

    Michael Lanz, Gilberto Pasinelli

    Partner

    Thibault Lachat, Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL, Zollikofen
    Hanna Kokko, Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften, Universität Zürich
    Sabine Hille, Department für Integrative Biologie und Biodiversitätsforschung, BOKU Wien
    Ueli Bühler (Weissrückenspecht-Experte, Graubünden)
    BirdLife Vorarlberg

    Donatoren

    inatura, Dornbirn

    Publikationen