Förderung Prioritätsarten
    zurück
    Seite teilen

    Kiebitz

    Ursprünglich bewohnte der Kiebitz in der Schweiz Riedwiesen. Nach dem Trockenlegen vieler dieser Feuchtgebiete zur Gewinnung von Kulturland brach der Bestand ein. Doch gelang es der Art in der Folge, Äcker und Wiesland zu besiedeln. Der Bestand erholte sich wieder: Um 1975 wurde er auf über 1000 Brutpaare geschätzt. Die Mechanisierung und die daraus folgende Intensivierung der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung führten allerdings wieder zu einem starken Rückgang des Kiebitzes in der Schweiz. Heute brüten bei uns nur noch 100–120 Paare und der Kiebitz wird in der Roten Liste von 2010 als vom Aussterben bedroht (CR) geführt.

    Ziele

    Der Kiebitz nimmt in ganz Europa ab. Dies wird hauptsächlich auf die moderne Landwirtschaft zurückgeführt. In der Agrarlandschaft schlüpfen heute so wenige Gelege dieser Bodenbrüter, und es sterben so viele ihrer Küken bevor sie flügge sind, dass der Nachwuchs die Sterblichkeit der Brutvögel nicht auszugleichen vermag.

    Die erschreckend geringe Nachwuchsrate der Kiebitze von weniger als 0,4 flügge Junge pro Paar und Jahr im Schweizer Kulturland soll mit Förderungsmassnahmen auf ein bestandserhaltendes Mass von 0,8 flügge Junge pro Paar und Jahr gesteigert werden.

    Der Kiebitz ist eine von 50 Prioritätsarten im Rahmenprogramm "Artenförderung Vögel Schweiz", welches gemeinsam von der Schweizerischen Vogelwarte, dem Schweizer Vogelschutz/SVS BirdLife Schweiz und dem Bundesamt für Umwelt BAFU durchgeführt wird. Im Rahmen dieses Programms werden die Gründe für den Rückgang untersucht und daraufhin geeignete Massnahmen zur Förderung ausgetestet.

    Vorgehen

    Fördermöglichkeiten für die Art werden erarbeitet und gemeinsam mit Landwirten und Behörden umgesetzt. Vordringlich geht es darum, einerseits Nester und Küken vor Landmaschinen und Bodenprädatoren zu schützen. Andererseits werden Massnahmen zur Aufwertung des Lebensraums geprüft, welche die Lebensbedingungen für den Nachwuchs, insbesondere die Nahrungsgrundlage, verbessern.

    Im Projektgebiet in der Wauwiler Ebene, Kanton Luzern, begleitet die Schweizerische Vogelwarte die traditionsreiche Kiebitzkolonie seit 2005 wissenschaftlich, um die Effizienz von Massnahmen zu testen.

    Vereinbarungen mit den Bewirtschaftern sollen die Zerstörung der Kiebitzbruten durch die Landwirtschaft verhindern. Zum Schutz vor Prädatoren werden Felder mit Kiebitznestern und seit 2008 auch Felder mit nahrungssuchenden Familien mit einem Elektrozaun umgeben. Im weiteren versuchen wir, in der Nestumgebung ein geeignetes Mosaik aus kurzrasigen Feuchtgebieten zu schaffen, damit die Familien nach dem Schlüpfen der Küken in geeigneten Habitaten aufwachsen und überleben können. Als Erfolgskontrolle werden Brutbestand und Schlupferfolg dokumentiert, die Überlebensraten der Jungen bis ins flügge Alter überwacht und die Todesursachen ermittelt.

    Bedeutung

    Die in der Wauwiler Ebene gewonnenen Erfahrungen werden zeigen, ob und wie der Kiebitz als bodenbrütende Vogelart der offenen, mehrheitlich intensiv bewirtschafteten Kulturlandschaft durch angepasste Massnahmen gefördert werden kann. Damit soll dem Kiebitz auch in anderen Regionen zum Aufschwung verholfen werden.

    Ergebnisse

    Ausgangsbestand der Kolonie in der Wauwiler Ebene waren 15–25 Brutpaare. Seit 2005 konnten Gelegeverluste durch die Bearbeitung der Felder dank dem Entgegenkommen der Bauern weitgehend verhindert werden. Durch Einzäunen der Brutkolonie wurden vor allem nachtaktive Raubtiere ferngehalten. Ca. 5 % der eingezäunten Kiebitzgelege fielen Prädatoren zum Opfer. Im Gegensatz dazu verschwanden 68 % der nicht eingezäunten Gelege. Das Einzäunen ist also eine erfolgreiche Massnahme zum Schutz der Gelege.

    Nach dem Schlüpfen verlassen die Kiebitzküken das Nest für immer. Sie werden von den Eltern gewärmt und betreut, suchen aber selbst nach Nahrung. Seit 2008 wurden nicht nur alle Nester, sondern auch alle Nahrungsflächen der jungen Kiebitze mit in der Landwirtschaft gebräuchlichen Elektrozäunen (für Schafe oder Ziegen) umgeben. Zudem wurden im Rahmen des Vernetzungsprojekts Wauwiler Ebene Massnahmen festgelegt, so dass die Bauern Felder mit Kiebitznestern erst nach dem Schlüpfen bearbeiteten, das heisst frühestens Ende Mai. Inzwischen konnte im Rahmen des Vernetzungsprojekts auch die Wirkung von bis Ende Juni brachliegenden Felder mit Nestern getestet werden – diese Felder werden nach dem Schlüpfen der Jungen von den Kiebitzfamilien als Nahrungsgebiete genutzt und dienen auch anderen bodenbrütenden Arten als sicheres Brutgebiet (Schafstelze und Feldlerche). Seit auch Nahrungsflächen eingezäunt werden, wurde im Mittel jeweils ein Jungvogel pro Brutpaar flügge, so dass das für die Erhaltung der Kolonie nötige Ziel von 0,8 Flügglingen pro Brutpaar übertroffen wurde. Inzwischen hat sich auch der Brutbestand in der Wauwiler Ebene mehr als verdoppelt.

    Projektleitung

    Petra Horch, Reto Spaar

    Partner

    Bundesamt für Umwelt BAFU
    Schweizer Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz
    Landwirte im Wauwilermoos LU
    Kanton Luzern, Dienststelle für Landwirtschaft und Wald LAWA, Abteilungen Landwirtschaft und Natur, Jagd und Fischerei
    Lokale Ornithologinnen und Ornithologen

    Donatoren

    Raymund und Esther Breu-Stiftung
    Stiftung Dreiklang
    Ernst Göhner Stiftung
    Steffen Gysel-Stiftung
    Marion Jean Hofer-Woodhead-Stiftung
    Stiftung Yvonne Jacob
    Natur- und Vogelschutzverein Reigoldswil
    Dr. Bertold Suhner-Stiftung
    Schiller Stiftung, Lachen
    Stiftung für Suchende
    Vontobel-Stiftung
    Zigerli-Hegi Stiftung
    private Donatoren

    Publikationen

    Horch, P., D. Ramseier & R. Spaar (2012):
    Artenförderung Kiebitz im Wauwilermoos LU. Jahresbericht 2012.
    Rickenbach, O., M.U. Grüebler, M. Schaub, A. Koller, B. Naef-Daenzer & L. Schifferli (2011):
    Exclusion of ground predators improves Northern Lapwing Vanellus vanellus chick survival.