August 2017
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    Die Steinfräse – eine Gefahr für die Juraweiden

    Die extensiv genutzten Juraweiden gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Schweiz. Die generelle Intensivierung der Landwirtschaft und insbesondere der Einsatz von Steinfräsen bedrohen jedoch dieses wertvolle Habitat.

    Typische Juralandschaft mit einem Mosaik aus Wald und reich strukturiertem, extensiv genutztem Weideland am Chasseral, BE .
    Typische Juralandschaft mit einem Mosaik aus Wald und reich strukturiertem, extensiv genutztem Weideland am Chasseral, BE .
    Foto © Anatole Gerber
    Die Heidelerche ist eine typische Bewohnerin der Juraweiden.
    Die Heidelerche ist eine typische Bewohnerin der Juraweiden.
    Foto © Zdenek Tunka
    Bestockte Juraweide nach Steinfräseneinsatz. Dieser wirkt sich unabhängig von der betroffenen Flächengrösse verhängnisvoll auf die örtliche Biodiversität aus. Er banalisiert die Struktur der Bodenoberfläche und trägt zur Trivialisierung des Landschaftsbildes bei (Pierre Pertuis, BE).
    Bestockte Juraweide nach Steinfräseneinsatz. Dieser wirkt sich unabhängig von der betroffenen Flächengrösse verhängnisvoll auf die örtliche Biodiversität aus. Er banalisiert die Struktur der Bodenoberfläche und trägt zur Trivialisierung des Landschaftsbildes bei (Pierre Pertuis, BE).
    Foto © Anatole Gerber
    Die glättende und vereinheitlichende Wirkung der Steinfräse: Im Vordergrund gefräster und mit einer Kunstwiese angesäter Teil einer Weide, im Hintergrund die ursprüngliche, struktur- und artenreiche Weide.
    Die glättende und vereinheitlichende Wirkung der Steinfräse: Im Vordergrund gefräster und mit einer Kunstwiese angesäter Teil einer Weide, im Hintergrund die ursprüngliche, struktur- und artenreiche Weide.
    Foto © Anatole Gerber

    Wenn man vom Jura spricht, denkt man unwillkürlich an langgezogene Höhenzüge mit zahlreichen Waldweiden. Diese für das Bild des Juras so charakteristische Landschaft ist durch die jahrhundertelang betriebene, gemischte forstliche und bäuerliche Nutzung entstanden. Die extensiv genutzten Weiden lassen genügend Raum für zahlreiche Kleinstrukturen wie Felspartien, Steinhaufen und Geländebuckel mit niedriger, sehr typischer Bodenvegetation. Zusammen mit Gestrüpp, Einzelbäumen und verrottenden Baumstubben sorgen sie für ganz unterschiedliche Lebensbedingungen und eine hohe Artenvielfalt. Deshalb kommen hier noch diverse Arten vor, die im Mittelland heute bedroht oder selten geworden sind, so etwa die Heidelerche.

    Trügerisches Idyll

    Obwohl die Juralandschaft immer noch intakt und ursprünglich wirkt, geht ihre Artenvielfalt seit den 1990er-Jahren stark zurück. Laut verschiedenen Biodiversitätsindikatoren ist der Verlust bei den Tagfaltern, den Heuschrecken und der Flora der trockenen Jurawiesen und –weiden besonders ausgeprägt. Bei den zwei zuletzt erwähnten Organismengruppen ist diese Tendenz im Jura in den letzten 20 Jahren schlechter als in den anderen biogeographischen Regionen der Schweiz, sogar im Vergleich mit dem Mittelland! Gezielte Untersuchungen im Rahmen der Feldarbeiten für den neuen schweizerischen Brutvogelatlas bestätigen, dass die Heidelerchenbestände im Jura in den letzten zehn Jahren erneut abgenommen haben. Als Hauptursache dafür gilt der Technologiewandel in der Landwirtschaft, der nicht nur in grossen Teilen des Schweizer, sondern auch des französischen Juras zu intensiverer Nutzung vieler Weiden und Waldweiden geführt hat.

    Steinfräsen zerstören die Weiden

    Die Tendenz zur intensivierten landwirtschaftlichen Nutzung ist im gesamten Jurabogen erkennbar. Die dabei zum Einsatz kommenden Methoden sind eher fragwürdig, greift man hier doch auch relativ bedenkenlos zu massivem Maschineneinsatz: Steinfräsen heissen die Geräte, die Felsen und Feldsteine zertrümmern und den Boden bis in eine Tiefe von 25 cm aufbrechen und zermahlen können. Auf diese Weise beseitigen sie alle Felspartien und anderen Terrainunebenheiten, die auf Juraweiden bisher noch häufig sind. Die «verbesserte» Bodenstruktur und das eingeebnete Terrain versprechen aus landwirtschaftlicher Sicht höhere Erträge und erleichtern die maschinelle Bearbeitung. Die Folge ist normalerweise die Einsaat einer Kunstwiese, die pro Jahr zwei- bis dreimal gemäht werden kann. Durch die Zerstörung vieler Kleinlebensräume wie etwa der Felspartien mit ihrer spezialisierten Pflanzenwelt trägt der Einsatz von Steinfräsen zu einer grossflächigen Banalisierung der Landschaft bei. Die Veränderun- gen sind irreversibel, denn eine Wiederherstellung der ursprünglichen Verhältnisse ist praktisch unmöglich. Wo eine Steinfräse zum Einsatz kam, sind artenreiche Juraweiden also für immer verloren!

    Rechtslage und Umfang des Einsatzes

    Dass Steinfräsen zu diesem Zweck verwendet werden, ist seit Mitte der Neunzigerjahre bekannt. Mehrere Kantone mit Anteil am Faltenjura haben die Notwendigkeit erkannt, in dieser Angelegenheit rechtliche Grundlagen zu schaffen. Erste Vorschriften traten ab etwa 2005 in Kraft. Sie unterscheiden sich allerdings von Kanton zu Kanton; in Bern und Neuenburg sind sie besonders grosszügig. Im Kanton Bern ist der Einsatz der Steinfräse nicht völlig verboten, erfordert aber in gewissen Fällen ein Baugesuch. Pro Jahr werden drei bis vier solche Anträge gestellt. Im Kanton Neuenburg kann der Einsatz einer Steinfräse ausschliesslich für Einzelobjekte oder Flächen von wenigen Quadratmetern und nur auf Dauerwiesen und –weiden ausserhalb von Schutzgebieten bewilligt werden, nicht aber auf Waldweiden. Im Mittel erhält der Kanton fünf Gesuche pro Jahr. In den Kantonen Solothurn und Waadt gibt es keine spezifischen Vorschriften; hier wird die Frage mit Hilfe anderer Gesetze oder Verordnungen geregelt.

    Obwohl das Thema seit mehr als 20 Jahren bekannt ist und mittlerweile konkrete Rechtsgrundlagen dazu existieren, sind mehrere Fälle von Steinfräseneinsätzen gemeldet worden, sowohl vor als auch nach dem Erscheinen der Vorschriften. Während Steinfräsen in den Kantonen Solothurn und Waadt nur selten verwendet werden, spielen sie im Berner und Neuenburger Jura sowie im Kanton Jura eine deutlich wichtigere Rolle. Weil es zu diesen Einsätzen aber keine statistischen Erhebungen gibt, lässt sich ihr Umfang leider nicht abschätzen. Trotzdem hat es in praktisch allen genannten Kantonen schon Einsätze in grossem Stil gegeben, bei denen Flächen von 1–13 ha betroffen waren. Generell dürften Steinfräsen wohl nur punktuell verwendet werden, aber da eine Gesamtübersicht fehlt und die Grösse der Dunkelziffer nicht quantifiziert werden kann, ist diese Aussage mit Vorsicht zu geniessen. Dies umso mehr, als bis heute nur wenige unbewilligte Steinfräseneinsätze zur Anzeige gelangt sind. Die Anwendung der Vorschriften wird leider allzu oft durch langwierige Rechtsverfahren verzögert. Ohne wirksame Sanktionen bleiben die Risiken für einen unrechtmässigen Einsatz aber vernachlässigbar gering. Mehr als 20 Jahre nach dem Aufkommen der Steinfräse ist es höchste Zeit für eine Verschärfung der Vorschriften und für ein Verbot der Verwendung dieser Geräte für landwirtschaftliche Zwecke. Die Umsetzung der Vorschriften ist dringend voranzutreiben, um weiterem Missbrauch vorzubeugen!

    Juraweiden – wie weiter?

    Um anspruchsvolle Arten wie die Heidelerche im Jurabogen auch weiterhin erhalten zu können, muss der Schutz und die Förderung der extensiv genutzten, arten- und strukturreichen Jurawiesen und –weiden mit hoher Priorität vorangetrieben werden. Dieser Schutz darf sich nicht nur auf die aktuelle Qualität der Bodenvegetation an einem bestimmten Ort beschränken, sondern muss auch die kleinstrukturelle Vielfalt und den Abwechslungsreichtum der Landschaft einbeziehen, denn auch dies sind Schlüsselfaktoren der Biodiversität. Nur die Wiesen und Weiden zu erhalten, die im Inventar der Trockenstandorte von nationaler Bedeutung figurieren, reicht erfahrungsgemäss nicht aus, weil diese oft zu klein sind und ihre Qualität bereits beeinträchtigt ist.

    Heutzutage ist eine umfassendere und nachhaltigere Bewirtschaftung der mageren Juraweiden und Waldweiden erforderlich, denn neben Steinfräsen sind derzeit noch diverse andere Verfahren zur intensiveren Landnutzung im Einsatz. Integrierte Bewirtschaftungspläne zielen darauf ab, die vorhandenen Ressourcen besser mit den Ansprüchen der Land- und Forstwirtschaft, des Umweltschutzes und der Gesellschaft in Übereinstimmung zu bringen. Verschiedene gute Beispiele dafür gibt es im Jura bereits, darunter etwa der vorbildliche Mehrjahresplan Natur und Landschaft des Kantons Solothurn, aber weitere Fortschritte sind dringend nötig. Schliesslich spielen die mageren Juraweiden nicht nur eine wichtige Rolle bei der Erhaltung bedrohter Arten, sondern dank ihres Erholungswertes für die Bevölkerung auch bei der touristischen Förderung. Wenn sich der politische Wille der Industrialisierungstendenz in der Landwirtschaft in dieser Region nicht mit Macht entgegenstellt, sieht die Zukunft für die charakteristische Juralandschaft düster aus.