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    Umgang mit Feuerbrand

    Die Vogelwarte fordert ein einheitliches, koordiniertes Vorgehen, das verhältnismässig ist und der ökologischen Bedeutung der Hochstammobstbäume und der Heckensträucher Rechnung trägt. Die Vogelwarte hat kein Verständnis für das Roden von wenig befallenen Hochstämmern und das Ausreissen von für den Vogelschutz wichtigen Wildpflanzen wie Weissdorn und Wildobstbäumen (z.B. Vogelbeere) entlang von Waldrändern oder in Naturschutzgebieten.

    Kurzfristige Massnahmen zur Eindämmung des Feuerbrands:

    • Die Massnahmen gegen den Feuerbrand beziehen den ökologischen Wert der Hochstämmer und Dornsträucher ein und werden schweizweit angemessen, konsequent und koordiniert umgesetzt.
    • Die Überwachung und Früherkennung von Feuerbrandbefall wird verbessert, leicht befallene Hochstämme werden sanft behandelt, alternative Behandlungsmittel werden zugelassen und die Regenerationskraft der Hochstammobstbäume wird getestet.
    • Alle in Gärten und Parks verwendeten exotischen Wirtspflanzen von Feuerbrand werden entfernt und durch einheimische, nicht anfällige Beeren- und Blütensträucher ersetzt.

    Langfristige Massnahmen zur Erhaltung der Landschaft und Lebensräume: Für die Erhaltung der Lebensräume für die Obstgartenvögel und von attraktiven, baumbestandenen Kulturlandschaften ist es notwendig:

    • für gefällte Einzelbäume Ersatz zu pflanzen.
    • dass Bund und Kantone Ersatzpflanzungen mit Obstbäumen oder Feldbäumen als Wert für die Allgemeinheit anerkennen und finanziell unterstützen.

    Hochstammobstgärten entsprechen ökologisch gesehen lichten Laubwäldern. Die Kombination von Bäumen und artenreichen Wiesen ist Lebensraum für viele Tierarten, die Bäume als Versteck oder Brutort und Blütenpflanzen oder Insekten in Bodennähe als Nahrung brauchen. Zu diesen gehören Vogelarten wie Gartenrotschwanz, Grünspecht, Wendehals und Steinkauz. Die Zahl der Hochstammobstbäume ist primär aus wirtschaftlichen Gründen seit 1960 stark rückläufig. Die Ausdehnung der Siedlungsgebiete trug ebenfalls massgeblich dazu bei. Damit verschwindet auch der Lebensraum der Obstgartenvögel, und diese Vogelarten sind dementsprechend selten geworden. Die bisherige Bekämpfungsstrategie gegen den Feuerbrand (Kasten «Informationen zum Feuerbrand») beschleunigt diesen Rückgang.

    Hecken und Waldränder bieten Vögeln sicheren Unterschlupf und einen geschützten Neststandort, besonders wenn darin Weissdorn und andere Dornsträucher vorkommen. Weissdorn blüht zudem sehr schön, ist eine gute Bienenweide und bildet im Herbst Beeren. Der Vogelbeerbaum wird wegen seiner Beeren im Herbst von 18 weitverbreiteten Vogelarten wie Amsel, Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke und Gimpel besucht. Beide Sträucher sind feuerbrandanfällig und werden deshalb in der Schweiz stellenweise rigoros entfernt.

    Neue Beobachtungen aus Deutschland1) zeigen, dass das Roden von befallenen Hochstämmern oder Weissdornsträuchern die Ausbreitung des Feuerbrands nicht verhindert. Nur sehr stark erkrankte Bäume und Dornsträucher sollen noch gefällt werden, damit sie nicht als Krankheitsherd wirken. Damit der Hochstammobstgarten erhalten bleibt, ist umgehend für Ersatz zu sorgen. Für die Ersatzpflanzung kommen Kernobstsorten mit geringer Feuerbrandanfälligkeit2), Steinobstsorten3) oder Feldbäume4) in Frage. Für Ersatzpflanzungen in Hecken sind Dornsträucher wie Schwarzdorn und Heckenrose oder Beerensträucher wie Schwarzer Holunder oder Traubenkirsche geeignet.

    Wenig befallene Hochstämme und Heckensträucher sollen nicht gerodet werden. Sie können durch fachgerechten Rückschnitt oder Rückriss der befallenen Stellen behandelt werden. Das infizierte Material ist vor Ort sofort zu verbrennen, damit die Bakterien sich nicht weiter verbreiten. Im Streuobstbau in Deutschland1) wird sogar empfohlen, von Feuerbrand befallene Hochstämmer in Ruhe zu lassen, weil sich Bäume von einem Feuerbrandbefall selbst erholen können. Solche Beobachtungen sollten wissenschaftlich untersucht werden, denn sie könnten zu einem schonenden Umgang mit vom Feuerbrand befallenen Hochstämmern führen.

    Informationen zum Feuerbrand

    • Feuerbrand ist eine bakterielle Erkrankung und befällt Baum- und Straucharten aus der Familie der Rosengewächse wie Apfel- und Birnensorten (Kernobst), Vogelbeere und Verwandte oder Weissdorn, welche wichtige Lebensraumelemente für Vögel und andere Tiere sind.
    • Feuerbrand gilt nach eidg. Verordnung über Pflanzenschutz vom 28. Februar 2001 als eine gemeingefährliche, meldepflichtige Pflanzenkrankheit.
    • Von der Krankheit nicht betroffen sind Steinobst (z.B. Kirsche und Zwetschge), Walnuss und unter den Dornsträuchern z.B. Schwarzdorn und Heckenrose (Hagebutte).

    Entflechtung von Niederstammanlagen und Hochstammobstgärten

    Zum Beispiel im Kanton Thurgau sind Bestrebungen im Gang, Niederstammanlagen und Hochstammobstgärten zu entflechten. Die Obstproduzenten verlangen, dass im Umkreis von 500 m um Niederstammanlagen keine Hochstammobstgärten und Wildhecken mit z.B. Weissdorn stehen. Dies bedeutet in den meisten Fällen, dass die wirtschaftlich weniger interessanten Hochstammobstbäume und Dornhecken entfernt werden. Damit gehen wertvolle Lebensraumstrukturen unnötigerweise verloren. Die Vogelwarte erwartet, dass Hochstammobstgärten und Hecken wegen ihrer längeren Entwicklungsdauer und ihrer hohen ökologischen Bedeutung geschont werden und lehnt die Bevorzugung von Niederstammanlagen ab.

    Auch eine Prophylaxe gegen den Feuerbrand in Obstanlagen und Hochstammobstgärten durch die Verwendung von Behandlungsmitteln wie z.B. Produkten mit Bacillus subtilis oder Hefe-/KupferPräparate ist angemessen. Diese Mittel zeigen eine Teilwirkung gegen den Feuerbranderreger und haben kaum Auswirkungen auf die Umwelt. Die Verwendung von Antibiotika-Präparaten lehnt die Vogelwarte ab, weil die breite Anwendung von Antibiotika zu Resistenzbildung der Bakterien führen kann.

    Obstproduzenten wollen Hochstammobstgärten und Dornstrauchhecken von Obstanlagen räumlich entflechten. Die Vogelwarte lehnt diese Forderung entschieden ab, denn sie bringt unnötige ökologische Einbussen mit sich (Kasten «Entflechtung von Niederstammanlagen und Hochstammobstgärten»). Im Hochstammobstbau darf es nicht zu einer Nutzungsintensivierung kommen, indem z.B. gefällte Hochstammobstbäume durch spindelartig gezogene Obstbäume ersetzt werden. Obstspaliere erreichen nie den ökologischen Wert eines Hochstammobstbaums.

    In Gärten und Parkanlagen im Siedlungsraum sind alle feuerbrandanfälligen, exotischen Ziersträucher (z.B. Cotoneaster, Rotdorn) zu entfernen. Vogelfreundliche Alternativen für Bodendecker sind Efeu (wichtige Bienenweide im Herbst), Immergrün, Fingerkraut, Thymian oder Blumenwiese (ebenfalls alles Pflanzen, an welchen die Bienen Nektar sammeln können). Diverse attraktiv blühende Heckenrosensorten oder Schwarzdorn ersetzen Rotdorn gleichwertig. Weitere blütenreiche und beliebte Sträucher im vogelfreundlichen Garten sind u.a. Schwarzer Holunder, Gemeiner Schneeball, Gemeines Pfaffenhütchen, Kornelkirsche, Traubenkirsche und Roter Hornstrauch.

    Die Ausbreitung des Feuerbrands in Europa zeigt, dass der Feuerbrand nicht mehr ausgerottet werden kann. Wir müssen damit leben lernen. Der Umgang mit dem Feuerbrand muss daher der ökologischen Bedeutung der Hochstammobstbäume und der Heckensträucher Rechnung tragen. Prämien für das Fällen von Hochstammobstbäumen, wie sie durch die Richtlinie zur Bekämpfung des Feuerbrands in der Schweiz festgelegt werden, sind daher aus der Sicht der Vogelwarte ein falsches Zeichen. Eine staatliche finanzielle Unterstützung von Neupflanzungen hingegen begrüssen wir.

    1. www.streuobst.de
    2. Die Agroscope Changins-Wädenswil veröffentlicht eine Liste, auf der die Feuerbrandanfälligkeit für Kernobstsorten dargestellt ist (www.acw.admin.ch/themen/00576)
    3. Steinobst sind z.B. Kirsche und Zwetschge. Auch die Walnuss ist nicht feuerbrandanfällig.
    4. Feldbäume anderer Arten (z.B. Feldahorn, Winterlinde, Stieleiche), die ökologische Zusatzbedingungen erfüllen, sind unbedingt als beitragsberechtigte ökologische Ausgleichselemente zu behandeln (analog Typ 8 DZV).
    5. Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil, Feuerbrandgruppe, Merkblätter 709–712; www.acw.admin.ch