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Interaktionen von genetischen, mütterlichen und entwicklungsbedingten Effekten auf Stressempfindlichkeit, Persönlichkeit und Überleben der Nachkommen

Spielen die genetische Herkunft und die Umweltbedingungen zur Zeit der Eiablage sowie während der Aufzucht der Jungen eine Rolle für deren Überlebensrate? Wäre es also möglich, dass Wildtiere, die unter möglichst natürlichen Bedingungen gezeugt und aufgewachsen sind, besser im Freiland überleben als solche aus Zuchten? Diese Fragen werden im Zusammenhang mit dem Wiederansiedlungsprojekt Rebhuhn untersucht.

Genetik und Aufzuchtbedingungen bei Rebhuhn-Wiederansiedlungen

Ziele

In dieser Studie sollen (A) eine offene Frage des Vogelschutzes und (B) eine wissenschaftliche Fragestellung in derselben Untersuchung angegangen werden.

(A) Im Vogelschutz ist es angezeigt, Vögel auszusetzen, wenn der Lebensraum wiederhergestellt ist, aber die Zielart natürlicherweise nicht einwandern kann, da sie grossflächig verschwunden ist. In diesen Fällen werden sehr oft in Gefangenschaft aufgezogene Tiere verwendet. Der Erfolg dieser Wiederansiedlungen ist oft gering, aber es ist unklar, weshalb die Tiere sich nicht halten können. Beim Rebhuhn (Perdix perdix) wird vielfach eine hohe Prädation für den Misserfolg verantwortlich gemacht. Unklar ist jedoch, ob Domestikationserscheinungen der gezüchteten Tiere einen negativen Einfluss haben, ob die Aufzuchtsbedingungen die Tiere nicht genügend auf das Leben im Freiland vorbereiten oder ob durch die Transporte und die Aussetzung (allenfalls auch durch die Aufzuchtsbedingungen selber) die Tiere so gestresst sind, dass lang anhaltende Beeinträchtigungen hervorgerufen werden. Tiere in Aussetzungsprojekten sind wohl oft grösserem Stress ausgesetzt als wildlebende Tiere. Zudem wird durch Züchtung und Aufzucht das Verhalten gegenüber Stressoren in einer Weise beeinflusst, die für die Bedingungen im Freiland nach der Aussetzung meist nicht adaptiv sein kann. Neuere Studien belegen, dass durch Translokation, Freilassung und andere Manipulationen die Reaktion auf Stressoren beeinflusst wird. Andere Studien belegen, dass durch Züchtung in Gefangenschaft Domestikationserscheinungen und eine verminderte Reaktion auf Stressoren bzw. eine grössere Unvorsichtigkeit auftreten. Es besteht somit eine grosse Wissenslücke, um Wiederansiedlungen zu optimieren.

(B) In der Ökophysiologie und Endokrinologie ist klar geworden, dass die Stress-Sensitivität zwischen Arten, Unterarten, Individuen, Jahreszeiten und Umweltbedingungen in adaptiver Weise variiert. Je nachdem, ob es sich lohnt, mehr oder weniger stark auf Stress zu reagieren oder nicht, wird die Stress-Sensitivität angepasst. So wird ein Vogel, der seine wohl letzte oder vorletzte Chance hat zu reproduzieren, weniger stress-sensitiv sein als ein Vogel, der noch viele Gelegenheiten zur Fortpflanzung hat. Die Anpassung der Stress-Sensitivität ist aus den folgenden drei zusätzlichen Aspekten ein wichtiger Faktor im Leben eines Vogels. (a) Die Stress-Sensitivität wird von Genen und Hormonen bestimmt. (b) Die Stress-Sensitivität von Jungen kann von der Mutter über Hormone im Ei beeinflusst werden. (c) Die Aufzuchtsbedingungen kurz nach dem Schlüpfen beeinflussen, wie ein Vogel später auf Stressoren reagiert und welchen Verhaltenstyp (Persönlichkeit) er entwickelt. Während die Forschung bei diesen drei Aspekten in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht hat, bleiben zwei Fragen weitgehend offen.

(1) Welche Interaktionen gibt es zwischen genetischen Voraussetzungen, mütterlichen Effekten via Hormone im Ei und Entwicklungsbedingungen der Jungen, die die Stress-Sensitivität beeinflussen?
(2) Welche Auswirkungen haben die verschiedenen Effekte auf die Fitness?

Der Wiederansiedlungsversuch des Rebhuhns im Kanton Genf erlaubt es, diese komplexen Fragen experimentell anzugehen und gleichzeitig die oben genannten offenen Fragen einer Wiederansiedlung zu behandeln.

Vorgehen

Um Interaktionen zwischen genetischen Voraussetzungen, mütterlichen Effekten via Hormone im Ei und Entwicklungsbedingungen der Jungen zu testen, sollen für jeden dieser drei möglichen Effekte zwei Gruppen gebildet werden, die sich in stressrelevanten Parametern unterscheiden.

(a) Genetik: Domestikation hat in der Regel eine verminderte Stress-Sensitivität zur Folge. Solche Domestikationserscheinungen treten schon nach wenigen Generationen in Gefangenschaft auf und sind zu einem grossen Teil genetisch bedingt (verminderte oder anders gerichtete Selektion). Es sollen deshalb zwei Gruppen von Rebhühnern verwendet werden: (W) Wildvögel oder Vögel, die nur eine Generation in Gefangenschaft waren und (D) Vögel, die über mehrere Generationen in Gefangenschaft gezüchtet wurden. In England gibt es einen Züchter, der mit Wildvögeln züchtet. Gefangenschaftszuchten sind in Frankreich vorhanden.

(b) Mütterliche Effekte via Hormone im Ei: Die Weibchen der Gruppe W und D sollen je unter zwei unterschiedlichen Bedingungen gehalten werden und Eier legen. Geplant ist eine stressvollere (S) und stressfreiere (F) Haltungsbedingung.

(c) Entwicklungsbedingungen der Jungen: Die Eier dieser vier Gruppen werden in die Schweiz importiert, von einer Züchterin im Engadin im Inkubator ausgebrütet und die Jungen werden unter zwei verschiedenen Bedingungen aufgezogen. Unter der einen Aufzuchtsbedingung werden die Jungen regelmässig verschiedenen Stressoren ausgesetzt.

Im Alter von ca. 4 Wochen werden die Jungen in Ketten von ca. 30 Tieren in Aussenvolieren gebracht. Jede Gruppe umfasst Tiere aller 8 experimentellen Gruppen. Insgesamt rechnen wir mit total 800 Jungvögeln in 24 Ketten.
An einer Stichprobe der 8 Gruppen von Jungvögeln sollen Daten zur Stress-Sensitivität, Personalität und Kondition erhoben werden:
Für die Freilassung wird ca. die Hälfte der Jungen besendert. Nach der Freilassung werden mit regelmässigen Peilungen der Tiere die Gruppenzusammensetzung und die Überlebensrate erhoben.

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