Artenförderung Kiebitz In 150 Jahren wurden Riedwiesen, der ursprüngliche Lebensraum des Kiebitzes, in Kulturland umgewandelt. Dies führte zum Zusammenbruch des Schweizer Bestands bis in die 1930er-Jahre. Seither brütet er im Wies- und Ackerland, was anfänglich zu einer Trendwende mit rund 1000 Brutpaaren um 1975 führte. Heute brüten bei uns jedoch nur noch 100-120 Paare.

Ziele

Der Kiebitz nimmt in ganz Europa ab. Dies wird hauptsächlich auf die moderne Landwirtschaft zurückgeführt. In der Agrarlandschaft schlüpfen nämlich so wenige Gelege von Bodenbrütern, und es sterben so viele ihrer Küken, bevor sie flügge sind, dass der eigene Nachwuchs die Sterblichkeit der Brutvögel nicht auszugleichen vermag.

Die erschreckend geringe Nachwuchsrate der Kiebitze von weniger als 0.4 flüggen Jungen pro Paar und Jahr im Schweizer Kulturland soll mit Förderungsmassnahmen auf ein bestandserhaltendes Mass von 0.8 gesteigert werden. Wir schützen Nester und Küken vor Landmaschinen und Bodenprädatoren und prüfen Habitatmassnahmen, welche die Lebensbedingungen für den Nachwuchs verbessern.

Vorgehen

Seit 2005 testet die Schweizerische Vogelwarte Sempach in Zusammenarbeit mit den lokalen Landwirten Schutzmassnahmen für den Kiebitz in der Ebene von Wauwil, wo eine traditionsreiche Brutkolonie von gegenwärtig 15-25 Paaren lebt. Vereinbarungen mit den Bewirtschaftern sollen die Zerstörung der Kiebitzbruten durch die Landwirtschaft verhindern. Zum Schutz vor Prädatoren werden Felder mit Kiebitznestern mit einem Elektrozaun umgeben. Im weiteren versuchen wir, in der Nestumgebung ein geeignetes Mosaik aus kurzrasigen Feuchtgebieten zu schaffen, damit die Familien nach dem Schlüpfen der Küken in geeigneten Habitaten aufwachsen und überleben können. Als Erfolgskontrolle werden Brutbestand und Schlüpferfolg dokumentiert, durch Radiotelemetrie die Überlebensraten der Jungen bis ins flügge Alter überwacht und die Todesursachen ermittelt.

Bedeutung

Die im Wauwilermoos gewonnenen Erfahrungen werden zeigen, ob und wie der Kiebitz als bodenbrütende Vogelart der offenen, mehrheitlich intensiv bewirtschafteten Kulturlandschaft durch angepasste Massnahmen gefördert werden kann. Damit soll dem Kiebitz auch in anderen Regionen zum Aufschwung verholfen werden.

Ergebnisse

2005 bis 2008 konnten Gelegeverluste dank dem Entgegenkommen der Bauern weitgehend verhindert werden. Durch Einzäunen der Brutkolonie wurden vor allem nachtaktive Raubtiere ferngehalten. Von 91 eingezäunten Kiebitzgelegen fielen 9% Prädatoren zum Opfer. Von 22 nicht eingezäunten Nestern verschwanden 46%. Dank dem erfolgreichen Nesterschutz vor Landwirtschaft und Prädation schlüpften 2005 bis 2008 zwei Drittel von 111 Gelegen. Ohne Nesterschutz gehen mehr als die Hälfte der Bodenbruten verloren.

Der Kiebitz brütet am Boden, sodass ohne Gegenmassnahmen viele Gelege unter den Pflug geraten würden (Foto: L. Schifferli). Im Wauwilermoos werden die Nester dank der ausgezeichneten Zusammenarbeit mit den Landwirten bei der Bodenbearbeitung geschont (Foto: L. Schifferli).Elektrozäune schützen die Gelege vor Nesträubern. Ohne Nesterschutz schlüpfen nur ein Drittel der Gelege (Foto: L.Schifferli).Ohne den schützenden Elektrozaun hat dieser Jungkiebitz schlechte Karten, denn 3/4 der Jungen fallen nachts und ausserhalb der Elektrozäune Prädatoren zum Opfer (Foto: R.Wüst).







Nach dem Schlüpfen verlassen die Kiebitzküken das Nest für immer. Sie werden von den Eltern gewärmt und betreut, suchen aber selbst nach Nahrung. Um das Schicksal der Küken zu dokumentieren, wurden 2006 und 2007 81 bzw. 78 Küken mit 0,6 g schweren Sendern versehen (3-4 % des Schlüpfgewichts) und 1-2 Mal pro Tag geortet. 6 % der geschlüpften Jungen wurden flügge. Drei Viertel wurden von Prädatoren gefressen, die meisten nachts, ausserhalb des schützenden Zaunes. 7 % starben bei Regenwetter, 5 % wegen Nahrungsmangel bei Trockenheit und 6 % wurden irrtümlicherweise übermäht. 2005 bis 2007 wurden bloss 0.35 Junge pro Paar flügge. Das ist zwar deutlich mehr als ohne Nesterschutz, reicht aber bei weitem nicht aus, um den Brutbestand im Gleichgewicht zu halten. 2008 wurden deshalb nicht nur alle Nester, sondern auch alle Nahrungsflächen der jungen Kiebitze mit elektrisch geladenen Schafzäunen umgeben. Erfreulicherweise überlebten 0.55 bis 0.77 Küken pro Brutpaar, so dass wir dank den zusätzlichen Schutzmassnahmen unserem Ziel - 0.8 Flügglinge - sehr nahe kamen.

Projektleitung

Luc Schifferli, Reto Spaar

Partner

Bundesamt für Umwelt BAFU
Schweizer Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz

Finanzielle Unterstützung

Bertold Suhner-Stiftung
Stiftung für Suchende
Vontobel-Stiftung
Zigerli-Hegi-Stiftung
private Donatoren

Publikationen

Schifferli, L., R. Spaar & A. Koller (2006):
Fence and plough for Lapwings: Nest protection to improve nest and chick survival in Swiss farmland.
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