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Im Winter, bei Kälte und Schneegestöber, kehren Saatkrähen auf ihre Brutbäume zurück. Sie versammeln sich dort frühmorgens, begutachten Bäume und geeignete Astgabeln als Nistmöglichkeiten. Jeden Tag bleiben sie nun etwas länger in der Brutkolonie, krächzen heiser, glucksen manchmal hell und fliegen immer wieder einzeln oder in Trupps durch die Bäume.
Nicht für alle Anwohnerinnen und Anwohner ist diese Ankündigung des Frühlings, des nahenden Nistens und Brütens der Saatkrähe, willkommen. Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal an einem Sonntagmorgen über das Krächzen der Saatkrähen geärgert? Vielleicht haben Sie sich aber auch gefreut über das Brüten der wilden Rabenvögel mitten in der Stadt?
Im morgendlichen Vogelkonzert gehören die geselligen Saatkrähen zu den weniger musikalischen Arten. Ruffreudig sind sie aber allemal, denn die akustische Kommunikation spielt bei diesen sozialen Vögeln eine ganz wichtige Rolle. Saatkrähen brüten bevorzugt in Kolonien, gehen schwarmweise auf Nahrungssuche und übernachten an einem gemeinsamen Schlafplatz.
Saatkrähen sind keine gewöhnlichen "Krähen". Von den viel häufigeren, in der ganzen Schweiz vorkommenden, gleich grossen Rabenkrähen unterscheiden sich Saatkrähen durch ihren unbefiederten, hellgrauen Schnabelgrund. Sie haben einen geraderen, spitzeren Schnabel und ihr Gefieder schimmert purpurfarben.
1963 brütete zum ersten Mal ein Saatkrähenpaar in der Schweiz. Saatkrähen siedelten sich darauf in Basel (1964) und im Seeland an, später im unteren Broyetal, in der Aareebene, in der Ajoie und in Bern (1988). Danach liessen sich auch welche in Genf (1997), bei Neuenburg (1998), im Baselland, in Zofingen, Luzern sowie in Thun (1998) und im Emmental (2000) nieder.
Die Ausbreitung dieser Vögel verlief bei uns sehr dynamisch. Einzelne Kolonien blieben über Jahre klein, andere wuchsen stark an. Wieder andere wurden schon im ersten oder nach wenigen Jahren aufgegeben, oder ein Teil der Vögel löste sich aus einer Kolonie, um in der Nachbarschaft eine neue zu gründen. Oft wurden die Vögel durch absichtliche oder unabsichtliche Störungen gezwungen, die Standorte ihrer Kolonien zu wechseln. Nach 40 Jahren Ansiedlung und Fortpflanzung in der Schweiz brüteten 2005 rund 2800 Saatkrähenpaare in rund 120 Kolonien. Während in den späten Neunzigerjahren von Jahr zu Jahr oftmals bis 20% mehr Nester errichtet wurden, ging die Zuwachsrate 2002/03 vorübergehend stark zurück.
Die Saatkrähe gilt in unserem Land wegen ihres noch relativ kleinen Brutbestands von rund 2800 Paaren, der auf vergleichsweise wenige Kolonien beschränkt ist, als potenziell gefährdet.
Die Schweiz ist auch Winterquartier für Saatkrähen aus Nordosteuropa. Die Vögel treffen im Spätherbst ein und bleiben bis im März. Diese Wintergäste halten sich in den Tieflagen des Mittellandes und der Nordwestschweiz auf. Die grössten Ansammlungen von gegen 10'000 überwinternden Saatkrähen kennt man aus der klimatisch milden Gegend von Basel.
Die Brutbäume werden ab Dezember, zunehmend aber im Januar und Februar wieder aufgesucht. Im März beginnen die Paare mit dem Nestbau. Kunstvoll werden dürre Zweige zu einem Nest verbaut. Dabei fallen auch Zweige oder Kot auf den Boden. Im April werden bis zu vier Eier ausgebrütet und im Mai die Jungen aufgezogen. Wenn die Männchen die brütenden Weibchen füttern oder später beide Eltern ihrem Nachwuchs Nahrung bringen, wird es an den Kolonien laut. Die Bettelrufe der Jungen und Weibchen klingen heiser und auffordernd. Jungvögel steigen auf den Nestrand, drehen sich um und koten über den Rand des Nests. Wenn unter den Nestern Autos parkiert sind, Trottoirs vorbei führen oder Bushaltestellen stehen, kann es jetzt zu Unannehmlichkeiten und Klagen kommen.
Anfangs Juni verlassen die letzten Saatkrähen die Kolonien und damit kehrt in den Brutbäumen wieder Ruhe ein. Im Sommer streifen die Jung- und Altvögel in Schwärmen weit ausserhalb der Agglomerationen umher - häufig in Gesellschaft von anderen Rabenvögeln. Im Herbst besuchen Saatkrähen oft wieder ihre Brutkolonien und zeigen ein ähnliches Verhalten wie im Frühling. Einige beginnen sogar Zweige abzubrechen und so etwas wie Nester zu bauen. Es wird vermutet, dass dieses Verhalten mit der Tag- und Nacht-Gleiche von Herbst und Frühling zusammenhängt.
Im Oktober und November sind die Kolonien verwaist. Jetzt schliessen sich verschiedene Rabenvögel zu Schwärmen zusammen, suchen tagsüber nach Nahrung und beziehen abends grosse gemeinsame Schlafplätze - so zum Beispiel im Dählhölzli-Wald in Bern oder beim Bruderholz in Basel.
Lautäusserungen spielen bei der geselligen Saatkrähe eine wichtige Rolle. Singende Saatkrähen hört man selten, am ehesten im Frühling und Herbst von einer erhöhten Warte herunter. Beim morgendlichen Anfliegen der Brutkolonie krächzen Saatkrähen zur Begrüssung ihrer Artgenossen und "Verwandten" deutlich hörbar "Kraah". Paare erkennen sich an ihren Rufen. Seit Stunden auf dem Gelege brütende Weibchen rufen heiser und ganz aufgeregt, wenn sie endlich das mit Nahrung anfliegende Männchen entdecken. Auch hungrige Jungvögel betteln lautstark, wenn ihre Eltern das Nest anfliegen und dann die begehrte Nahrung aus ihrem Schlund herauswürgen. Ganz anders tönen das hohe "Kruu" von Weibchen, wenn sie beim Brüten gestört werden, oder die kraftvollen, rauen Alarmrufe. Wer sich Zeit nimmt und den Saatkrähen zuhört und sie dabei beobachtet, wird erkennen, wie vielfältig die verschiedenen Laute - die "Sprache" - dieser geselligen Vögel sind.
Das menschliche Lärmempfinden ist subjektiv. Schallpegelmessungen in der Stadt Bern zeigten, dass die Werte der Saatkrähenrufe deutlich unter denen des Verkehrslärms liegen. Geräusche von Personen- und Lastwagen, Bussen, Trams, Eisenbahnen und Kirchenglocken gibt es in unterschiedlicher Intensität rund um die Uhr. Das Krächzen der Saatkrähen hingegen ist auf den Tag beschränkt, mit stärksten Lautäusserungen in den frühen Morgenstunden und am Abend. In diesen relativ ruhigen Tageszeiten mag das Gekrächze allerdings besonders störend wirken.
Die Saatkrähe ist eine landesweit geschützte Vogelart und darf daher weder bejagt noch beim Brutgeschäft gestört werden. Vergrämungsaktionen und unbeabsichtigte Störungen während der Nestbauzeit sind sehr problematisch und wenig erfolgreich. An neuralgischen Punkten in Bern und Basel wurde in der Nestbauphase mit verschiedenen Mitteln und erheblichem Aufwand versucht, die Vögel zur Umsiedlung zu zwingen - ohne Erfolg. Wie die Erfahrungen zeigen, können sich Brutkolonien aufsplittern und damit das Problem verlagern oder sogar vergrössern.
Saat- und Rabenkrähen fressen unter anderem Engerlinge, Käfer und Wühlmäuse und sind daher in der Landwirtschaft gern gesehen. Es kann aber lokal auch zu Schäden kommen.
Klagen über Krähenschäden betreffen in der Schweiz jedoch fast immer die häufigere Rabenkrähe. Die Saatkrähenschwärme sind im Sommerhalbjahr dazu zu klein. Bisher kam es einzig bei Basel auch zu Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen durch Saatkrähen. Das Merkblatt "Rabenvögel in landwirtschaftlichen Kulturen" beschreibt geeignete Massnahmen zur Minimierung von Schäden.
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Schweizerische Vogelwarte Sempach
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