
Der Waldlaubsänger ist in der Schweiz und in weiten Teilen Europas gefährdet. Gegenwärtig kann nur vermutet werden, welche Faktoren zur negativen Bestandsentwicklung führen. Ein Forschungsprojekt der Schweizerischen Vogelwarte Sempach soll helfen, die zahlreichen offenen Fragen zu beantworten.
Seit den Neunzigerjahren entwickeln sich die Bestände des Waldlaubsängers (Phylloscopus sibilatrix) im europäischen Verbreitungsgebiet unterschiedlich: In Osteuropa schwanken die Waldlaubsänger-Populationen von Jahr zu Jahr stark, in Westeuropa hingegen sind die Bestände teilweise stark rückläufig. Über die Gründe für diese unterschiedlichen Bestandsentwicklungen herrscht Unklarheit.
Der Waldlaubsänger ist ein Langstreckenzieher, der sich von Mitte April bis September in der Schweiz aufhält. Gebrütet wird von Mai bis in den August (Foto: M. Gerber).
Als mögliche Gründe für den Rückgang in Westeuropa werden primär eine Zunahme der Prädation und Veränderungen in der Waldstruktur diskutiert. Seit dem Rückgang bzw. der Ausrottung der Tollwut haben die Fuchsbestände stark zugenommen – auch im Wald. Der damit verbundene erhöhte Prädationsdruck könnte durchaus zu einer Abnahme des Bruterfolges dieser bodenbrütenden Art und folglich zu den beobachteten Populationsrückgängen geführt haben. Neuere Studien legen jedoch auch Veränderungen in der Waldstruktur aufgrund veränderter forstlicher Tätigkeit als einen weiteren möglichen Grund für die negativen Bestandstrends nahe. Inwiefern auch die zunehmenden Freizeitaktivitäten im Wald und die dadurch hervorgerufenen Störungen, Nahrungsengpässe aufgrund des Klimawandels sowie Habitatveränderungen in den Durchzugs- und Überwinterungsgebieten für die Bestandsabnahmen wichtig sind, wird kontrovers diskutiert.
Das vorliegende Projekt soll klären, wie die Revierwahl des Waldlaubsängers mit der Waldstruktur und/oder der Mäusedichte zusammenhängt. Es befasst sich auch mit dem Bruterfolg des Waldlaubsängers und versucht, die wichtigsten Nesträuber zu identifizieren. Folgende Fragestellungen sollen beantwortet werden:
Hallenartige Buchenwälder (links) sind „klassische“ Habitate des Waldlaubsängers (Foto: G. Pasinelli).
Das potenzielle Untersuchungsgebiet umfasst Wälder des Mittellandes und des Juras. Für die Untersuchung der Revierwahl werden Waldstruktur und Mäusedichte in besiedelten Revieren, verwaisten Revieren und Zufallsflächen verglichen. Bezüglich Waldstruktur sollen einerseits Variablen erhoben werden, welche die Baumschicht hinsichtlich Alter, Artenzusammensetzung und Struktur charakterisieren. Andererseits scheinen auch Habitateigenschaften, die mit der Verfügbarkeit von Nistplatzmöglichkeiten zusammenhängen, von Bedeutung für die Revierwahl zu sein (z.B. Deckungsgrad Vegetation am Boden, Höhe Krautschicht, Vorhandensein von Grasbüscheln).
Mittels „Foto-Fallen“ werden die Nester überwacht, um Nesträuber zu identifizieren. (Foto: G. Pasinelli)
Um die Nestprädation und den Bruterfolg zu untersuchen, werden die Nester der Waldlaubsänger mittels „Foto-Fallen“ überwacht, um Zeitpunkt und Grund des Nestverlusts sowie die Identität allfälliger Nesträuber festzustellen. Zudem werden die Bedeutung verschiedener Habitateigenschaften für den Nesterfolg untersucht und die durchschnittliche Anzahl flügger Jungvögel pro begonnener Brut ermittelt.
Der Waldlaubsänger wurde im Jahr 2010 neu in die Rote Liste der Brutvögel (Gefährdungs-kategorie „Verletzlich VU“) aufgenommen und gehört somit zu den gefährdeten Arten der Schweiz. Der Waldlaubsänger ist zudem eine von 50 Prioritätsarten des Programms „Artenförderung Vögel Schweiz“, das die Schweizerische Vogelwarte und der Schweizer Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz mit Unterstützung des BAFU durchführen. Über die Gründe für die in weiten Teilen Westeuropas zu beobachtenden Bestandsabnahmen herrscht Unklarheit. Um geeignete Massnahmen für die Stabilisierung der Populationen zu ergreifen, besteht deshalb dringender Forschungsbedarf
Im ersten Jahr der Untersuchung wurden 15 über das Mittelland verteilte Gebiete sowie ein weiteres im Kanton Glarus nach Waldlaubsängern abgesucht. In vier Gebieten wurde die Art trotz regelmässiger, früherer Beobachtungen nicht mehr nachgewiesen (alle im Kanton Zürich). In den anderen 12 Gebieten fanden Alex Grendelmeier und Michael Gerber, die beiden Masterstudenten der Universitäten Bern und Zürich, insgesamt 80 territoriale Männchen, von welchen 60 Prozent verpaart waren.
Eine gut ausgeprägte, grasige Bodenbedeckung sowie eine allgemein hohe Anzahl Bäume scheinen wichtige Eigenschaften von Waldlaubsänger-Habitaten zu sein (Fotos: G. Pasinelli).
Erste Auswertungen deuten darauf hin, dass besiedelte Reviere mehr Bäume, eine besser ausgebildete Krautschicht und eine geringere Mäusedichte aufweisen als benachbarte Zufallsreviere.
Von den 49 gefundenen Nestern waren 29 nicht erfolgreich (24 ausgeraubt, 5 verlassen). Die tägliche Überlebenswahrscheinlichkeit eines Nests war umso kleiner, je älter das Nest wurde, je dicker die Bäume im Revier und je höher die Mäusedichte waren. Gut versteckte Nester wiesen zudem eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit auf. Schliesslich schien auch der Kronenschluss für den Nesterfolg ein gewisse Bedeutung zu haben: Gelege in Revieren mit einem Kronenschluss von 80-85% überlebten am besten. Pro begonnenes Nest (n=49) wurden 1,8 Junge flügge, pro erfolgreiches Nest (n=20) immerhin 4,6 Junge.
Obgleich sowohl die Resultate der Revierwahl als auch jene des Nesterfolgs einen Zusammenhang mit der Mäusedichte nahelegen, wurden Mäuse durch die Foto-Fallen als Räuber echter Nester nie nachgewiesen. Die wichtigsten Nestprädatoren waren Fuchs und Marder, gefolgt von Dachs, Eichelhäher und Waldkauz. Ein parallel dazu durchgeführtes Experiment mit Kunstnestern zeigte, dass die Foto-Fallen durchaus in der Lage sind, die Mäuse auf frischer Tat zu ertappen, denn bei den Kunstnestern waren die Mäuse die Hauptprädatoren!
Raphael Arlettaz, Conservation Biology, Universität Bern
Hilfsfonds
für die Schweizerische Vogelwarte Sempach
Styner-Stiftung
Stotzer-Kästli-Stiftung