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      Die Alpen – Reduit für Kulturlandvögel?

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      Nicht alle «Strukturverbesserungsmassnahmen» sind legal. Hier wurden 2014 in einem Zentralschweizer Biosphärenreservat ohne Bewilligung kilometerweise Entwässerungsgräben durchs Moor gezogen. © Peter Hahn

      Während die Kulturlandvögel im Mittelland bereits vor Jahrzehnten in Bedrängnis gerieten, blieben in den Berggebieten von etlichen Arten lange Zeit noch hohe Bestände erhalten. Doch auch hier werden die Bewirtschaftungsmethoden zunehmend intensiver. Die Bestände von Braunkehlchen, Feldlerche und Co. befinden sich deshalb im Sturzflug.

      Die Berglandwirtschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Viele Landwirte können nur dank Bundesbeiträgen überleben. Diese Beiträge wirken aber zum Teil als Katalysatoren für eine intensivierte Landwirtschaft. Bereits Details wie unterschiedliche Beitragshöhen für verschiedene Typen von Biodiversitätsförderflächen (BFF) können ungeahnte Folgen haben. Ein Beispiel: Die traditionell schwach gedüngten Bergfettwiesen, der bevorzugte Lebensraum des Braunkehlchens, können vom Landwirt als BFF vom Typ «wenig intensiv genutzte Wiesen» angemeldet werden. Allerdings werden dafür nur relativ geringe Beiträge ausbezahlt. Viele Landwirte intensivieren diese Flächen deshalb lieber, um so einen grösseren Grasertrag zu erzielen. Die Fläche der «wenig intensiv genutzten Wiesen» im Berggebiet ging denn auch von 1999 bis 2016 um 23 % zurück. Den erforderlichen Anteil an BFF erreichen die Landwirte trotzdem: Sie melden dazu ertragsarme Wiesen als BFF (Typ «extensiv genutzte Wiese») an und bekommen dafür erst noch höhere Direktzahlungen. Dieser ertragsarme Wiesentyp ist für das Braunkehlchen als Lebensraum jedoch weniger geeignet.

      Gülle wird per Druckfass auf den Alpweiden ausgebracht. Bedauerlicher Einzelfall oder Systemfehler?

      © Schweizerische Vogelwarte

      Subventionen in die falsche Richtung

      Für Bodenverbesserungen und landwirtschaftliche Hochbauten wurden vom Bund zwischen 2003 und 2016 jährlich jeweils zwischen 83 und 107 Millionen Franken ausgegeben. Zwei Drittel davon fliessen in die Berggebiete. Mithilfe dieser Gelder wird unter anderem das Strassennetz für die Bewirtschaftung verbessert. Die neuen Strassen sind in der Regel breiter als die vorherigen, denn es werden nur Strassen von mindestens 3 m Breite subventioniert. Damit wird die Zugänglichkeit von abgelegenen Gebieten für grössere und schnellere Maschinen ermöglicht, was in vielen Fällen zur Intensivierung der Landnutzung führt.

      Mit öffentlichen Geldern finanzierte, neu eingerichtete Sprinkler-Bewässerungsanlagen in den Zentralalpen führen ebenfalls zu einer Zunahme der intensiv genutzten Wiesen. Im Engadin GR beispielsweise büssten nährstoffarme Grünlandtypen in nur 25 Jahren 20 % ihrer Fläche ein.

      Wo einst der Wiesensalbei die Matten im Unterengadin GR blau färbte, wachsen heute dank Bewässerungsanlagen und Gülledüngung Fettwiesen.

      © Roman Graf

      Mannigfache Folgen für die Brutvögel

      Die Intensivierung kann auf verschiedenen Wegen Auswirkungen auf die Kulturlandvögel haben: Beispielsweise führt jeder Bearbeitungsschritt zum Tod zahlreicher Insekten und damit zu einem geringeren Nahrungsangebot für insektenfressende Vogelarten. Die Sterblichkeit der Insekten hängt von der Art der eingesetzten Maschinen und vielen weiteren Faktoren ab. Sie beträgt bei Heuschrecken während der Mahd und den anschliessenden Arbeitsschritten oft über 80 %. Insektenbestände in intensiv genutzten Wiesen sind entsprechend gering. Die Vegetation in den intensiv genutzten Wiesen ist dichter und eintöniger. Für Feldlerche, Baumpieper oder Neuntöter sind solche dichten Bestände schlecht durchdringbar und damit als Jagdgebiet nicht geeignet. Um möglichst eiweissreiches Futter für das Vieh zu gewinnen, mähen die Bauern ihre Wiesen möglichst früh im Jahr. In landwirtschaftlichen Gunstlagen im Unterengadin GR auf 1100–1400 m wurde zwischen 1988 und 2002 mit der Einführung der Silage eine Vorverschiebung des ersten Grasschnittes um 20 Tage möglich, also durchschnittlich um 1–2 Tage pro Jahr. Nur rund 10 % dieser Verschiebung sind auf klimatische Veränderungen zurückzuführen. Derart früh geschnittene Wiesen werden zu ökologischen Fallen für Bodenbrüter, denn die Bruten, oft auch die brütenden Weibchen, werden vermäht.

      Kleinstrukturen, obwohl in Meliorationsprojekten oft als «zu erhalten» deklariert, stören die modernen, grossen Maschinen stärker als in früheren Zeiten, wo noch der Balkenmäher verwendet wurde. Deshalb werden nach und nach Steine entfernt, Böschungen und Senken ausgeebnet und Sträucher gerodet. Solche Veränderungen verlaufen in der Regel langsam und schrittweise. Im Verlauf der Jahrzehnte aber akzentuieren sich die Auswirkungen. Neuerdings kommen sogar Steinfräsen zum Einsatz, um mit Steinen und Bodenunebenheiten durchsetzte Weiden in intensiv genutzte Wiesen umzuwandeln. Mit den Kleinstrukturen verschwinden auch potenzielle Niststellen von Heidelerche, Steinschmätzer oder Baumpieper. Da auf den intensiv genutzten Flächen in Hofnähe ein Grossteil des benötigten Futters gewonnen werden kann, brauchen mühsam bewirtschaftbare Flächen nicht mehr genutzt zu werden. Die zeitraubende und mühsame Heckenpflege in Terrassenlandschaften beispielsweise wird vernachlässigt. Ehemalige Dornhecken wachsen zu Hochhecken und Feldgehölzen auf. Die dazwischen liegenden schmalen Wiesenstreifen verschwinden unter dem Gehölz, extensiv genutzte Weiden werden weniger gepflegt und verbuschen. Auf Gebüschbrüter wie Neuntöter und Dorngrasmücke kann das, je nach Situation positive oder negative Effekte haben.

      Kulturlandarten auch in den Bergen im Sinkflug

      Wegen diesen Entwicklungen ist es nicht verwunderlich, dass viele Kulturlandarten nicht nur im Mittelland, sondern auch in der montanen und subalpinen Zone der Alpen seltener geworden sind, wie dies in mehreren Fallstudien deutlich wurde und jetzt im Atlas 2013–2016 landesweit gezeigt wird. Die Höhenverbreitung von Kulturlandvögeln wie Baum- und Wiesenpieper sowie Braunkehlchen hat sich seit 1993–1996 massiv verändert. Bei gewissen Arten liegt die Höhenstufe mit der grössten Revierdichte heute gebietsweise bis zu 500 m weiter oben. Vergleicht man die Entwicklungen der Revierzahlen ausgewählter Kulturlandarten in Lagen unter und über 1000 m, fällt allerdings auf, dass das Bild von Art zu Art sehr unterschiedlich ist: Baum- und Wiesenpieper erlitten im Tiefland massive Bestandsverluste, während die Bestände über 1000 m etwa stabil blieben. Beim Braunkehlchen sank der Bestand im Berggebiet auf rund 60 % des Ausgangswerts, die Restbestände in den Tieflagen brachen aber sogar auf noch etwa 20 % ein. Ähnlich, wenn auch weniger drastisch waren die Rückgänge bei Wacholderdrossel und Kuckuck. Bei Feldlerche und Neuntöter gingen die Bestände in beiden Regionen etwa gleich stark zurück. Die Heidelerche erlitt im Berggebiet ebenfalls Verluste, während im Tiefland (v.a. in Rebbergen) eine leichte Steigerung registriert wurde. Und der Bestand des Grünspechts blieb über 1000 m ziemlich stabil, in den Tieflagen verdoppelte er sich beinahe.

      Bestandsveränderung ausgewählter Kulturlandarten unterhalb von 1000 m (rot) und darüber (blau). Dargestellt ist der Bestand 2013–2016 in % des Ausgangsbestands 1993–1996. 100 % bedeutet, dass der Bestand gleich geblieben ist, 200 %, dass sich der Bestand von 1993–1996 bis 2013–2016 verdoppelt hat, 50 %, dass er sich halbiert hat. Die Bestandsangaben basieren auf den modellierten Karten der entsprechenden Jahre.

      Insgesamt sind im Berggebiet eine starke Intensivierung der Landwirtschaft und parallel dazu eine Verarmung der Vogelwelt festzustellen. Massnahmen sind vor allem über die Landwirtschaftspolitik anzugehen. Aber auch Konsumentinnen und Konsumenten können einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Bergvögel leisten, indem sie bewusst biodiversitätsfreundlich produzierte Nahrungsmittel aus dem Berggebiet einkaufen.

      Text: Roman Graf


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