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      Extensive Juraweiden immer stärker unter Druck

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      Strukturreiche Wytweide bei Cortébert BE, Lebensraum von Heidelerche, Baumpieper und einer artenreichen Flora. © Anatole Gerber

      Extensiv genutzte Juraweiden beherbergen zahlreiche Tiere und Pflanzen, auch bedrohte Arten wie die Heidelerche. Die Intensivierung der Landwirtschaft bedrängt aber diesen wertvollen Lebensraum immer mehr – mit gravierenden Folgen. Der Einsatz von Steinfräsen und die Mechanisierung der Grünlandnutzung bedrohen die Heidelerche und weitere Arten.

      Extensiv genutzte Juraweiden gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Schweiz. Die traditionelle Wald- und Weide-Nutzung sowie der kalkhaltige, flachgründige Boden haben ein komplexes Landschaftsmosaik geschaffen. Dieser extensiv beweidete und vielfältige Lebensraum mit den typischen Kleinstrukturen wie Felsaufschlüssen, Lesesteinhaufen, Unebenheiten, Büschen, Einzelbäumen und Baumstrünken bietet ideale Bedingungen für eine grosse Artenvielfalt. Viele bedrohte oder im Mittelland selten gewordene Arten kommen hier noch vor, beispielsweise die Heidelerche. Wichtige Gebiete für diese Art sind unter anderem der Chasseral BE und der Mont Racine NE mit 18 (2017) bzw. mindestens 14 Revieren (2016–2017). Auch die Feldlerche erreicht hier noch gute Bestände. So wurden auf dem Chasseral bis zu 30 Reviere/km2 gezählt. Steinschmätzer und Bergpieper besiedeln insbesondere höhere Lagen der ersten und zweiten Jurakette.

      Starker Rückgang der typischen Arten

      Seit 1993–1996 ist im Jura jedoch ein starker Rückgang dieser charakteristischen Arten festzustellen. Obwohl die Heidelerche gesamtschweizerisch nach einer Abnahme bis in die Neunzigerjahre in jüngster Zeit wieder zunimmt, insbesondere durch die Besiedlung von Rebbergen, ist dies im Jura nicht der Fall. Vor allem im östlichen und zentralen Jura werden ihre Vorkommen immer lückenhafter und kleiner. Auch der Baumpieper ist hier seit 1993–1996 seltener geworden. Die Feldlerche zeigt im selben Zeitraum ebenfalls stark rückläufige Trends. Und östlich von Biel BE gibt es im Jura kaum noch singende Bergpieper und Steinschmätzer.

      Bestandsentwicklung des Baumpiepers 1999–2016 mit Daten aus dem «Monitoring Häufige Brutvögel» (MHB); dem Jahr 1999 wurde der Indexwert 100 zugewiesen. Der Bestand geht im Jura (blau) deutlich zurück, wohingegen der schweizerische Bestand (rot) fluktuiert.

      Bestandsentwicklung der Feldlerche 1999–2016 mit Daten aus dem «Monitoring Häufige Brutvögel» (MHB); dem Jahr 1999 wurde der Indexwert 100 zugewiesen. Der Bestand nimmt im Jura (blau) stärker ab als der schweizerische Bestand (rot).

      Im gesamtschweizerischen Vergleich fällt vor allem der starke Bestandsverlust des Bergpiepers im Jura zwischen 1993–1996 und 2013–2016 auf, wohingegen der Gesamtbestand gleich gross geblieben ist. Auch der Steinschmätzer ist seit 1993–1996 nur im Jura zurückgegangen. Bei Baumpieper und Heidelerche ist die Bestandseinbusse in dieser Region seit 1993–1996 grösser als jene in der gesamten Schweiz. Ebenso stark ist sie bei der Feldlerche.

      Bestandsveränderung einiger charakteristischer Brutvogelarten im Jura (blau) und in der ganzen Schweiz (rot). Dargestellt ist der Bestand 2013–2016 in % des Ausgangsbestands 1993–1996. 100 % bedeutet, dass der Bestand gleich geblieben ist, 50 %, dass sich der Bestand von 1993–1996 bis 2013–2016 halbiert hat. Die Bestandsangaben basieren auf den modellierten Karten der entsprechenden Jahre. 

      Nachdem die tieferen Lagen des Juras bereits seit den Fünfzigerjahren eine starke Intensivierung der Landnutzung erfahren haben, erreichte diese ab den Neunzigerjahren auch die höheren Regionen. Seither werden im Zuge der Strukturverbesserung und der Rationalisierung der Betriebe bisher extensiv genutzte Weiden intensiviert. Auch im französischen Jura ist diese Entwicklung festzustellen.

      Fatale Intensivierung, besonders durch Steinfräsen

      Die Methoden der Intensivierung sind zahlreich, wobei der Einsatz von Steinfräsen wohl jene mit der grössten Zerstörungskraft ist. Dabei wird der Boden bis in eine Tiefe von 25 cm durchgefräst und Fels, Steine, Baumstrünke, Gebüsche und Unebenheiten vollständig eliminiert. Oft wird danach eine artenarme Kunstwiese eingesät oder die so bearbeite Fläche durch Düngung und mehrfache Mahd intensiviert – mit verheerenden Folgen für die Biodiversität. Eine strukturreiche Weide, die auf diese Weise bearbeitet wurde, hat ihren Reichtum an Arten für immer verloren.

      Im Vordergrund eine mit der Steinfräse bearbeitete Weide bei Cortébert BE, die mit einer Kunstwiese eingesät wurde. Im Hintergrund der arten- und strukturreiche Ursprungszustand der Weide. 

      © Anatole Gerber

      Steinfräsen werden seit anfangs der Neunzigerjahre zunehmend im gesamten Jura angewendet. Nur der Solothurner und Waadtländer Jura blieben grösstenteils verschont. Im Kanton Jura, dem Berner und Neuenburger Jura wurde sie häufiger und sogar auf grossen Flächen eingesetzt (bis zu 13 ha). Zwar ist der Einsatz von Steinfräsen seit Anfang 2000 in den meisten Jurakantonen gesetzlich eingeschränkt, sie werden jedoch immer noch mit oder ohne Bewilligung eingesetzt.

      Die Steinfräsen sind aber nur die Spitze des Eisberges, denn zahlreiche andere Massnahmen (verstärkte Düngung, Neueinsaat sowie häufigere und frühere Mahd) führen zu einer starken Homogenisierung der Landschaft. Weideland und Wald werden immer klarer voneinander getrennt, strukturreiche Weiden gesäubert, der einst offene Wald wird stets dichter und lichtärmer. Alle charakteristischen Arten der mageren Juraweiden sind von dieser Entwicklung betroffen. Jüngst schränken auch Windenergieanlagen auf den Jurakreten den potenziellen Lebensraum für diese Offenlandarten weiter ein.

      Ausreichende Entschädigung für nachhaltige Bewirtschaftung nötig

      Die heute noch vorhandenen strukturreichen Juraweiden können nur erhalten werden, wenn sie nach einheitlichen Kriterien inventarisiert und geschützt werden und deren Bewirtschaftung ausreichend entschädigt wird. Die botanische Qualität, aber auch die Strukturvielfalt sollten dabei wichtige Schutzkriterien sein. Lebensraum zerstörende Intensivierungsmassnahmen wie die Steinfräsen sollten generell verboten und wirkungsvoll geahndet werden.

      Text: Nadine Apolloni


      Zitiervorschlag des Atlas online:
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