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      Goldene Zeiten für Greifvögel und Eulen?

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      Greifvögel und Eulen nutzen Strommasten oft als Sitzwarte. Handelt es sich dabei um gefährlich konstruierte Mittelspannungsmasttypen, besteht akute Lebensgefahr. Der Uhubestand ist regional durch die hohe Anzahl von Stromtodopfern gefährdet. Eine umgehende schweizweite Sanierung der gefährlichen Masten ist dringend nötig. © Adrian Aebischer

      Greifvögel und Eulen wurden über Jahrhunderte verfolgt. Ab 1926 waren die meisten Arten zwar geschützt, doch Umweltgifte setzten den sich langsam erholenden Beständen vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren stark zu. Dank diverser Schutzmassnahmen kam es seither zu einem erfreulichen Aufschwung, aber einige Gefahren sind nach wie vor nicht beseitigt.

      Jahrhundertelang litten Greifvögel und Eulen unter direkter menschlicher Verfolgung. Der letzte Bartgeier im Alpenbogen wurde 1913 erlegt, und die letzte Fischadlerbrut in der Schweiz fand 1911 statt. Die Bestände von Rotmilan und Uhu standen kurz vor dem Aussterben. Auch die Anzahl Steinadlerpaare war stark dezimiert. Trotz des schon seit 1926 bestehenden Jagdschutzes für mehrere Arten erholten sich viele Greifvogel- und Eulenbestände nur zögerlich. Steinadler, Baum- und Wanderfalke sind erst seit 1953 geschützt, Habicht und Sperber sogar erst seit 1963.

      Verhängnisvolle Pestizide

      Neben illegaler Verfolgung, die vereinzelt auch heute noch vorkommt, kam die Bedrohung auch vom Einsatz diverser Pestizide wie DDT, das seit etwa 1940 flächig angewendet wurde. Es reichert sich an der Spitze der Nahrungspyramide an – und traf daher besonders die Greifvögel, deren Eischalen brüchig wurden. Als Folge davon brütete in der Schweiz 1971 ausserhalb des Alpenraums nur noch ein einziges Wanderfalkenpaar erfolgreich. Nachdem in den Siebzigerjahren persistente chlorierte Kohlenwasserstoffe (u.a. DDT, PCB) in den meisten westlichen Ländern verboten wurden, erholten sich die Bestände der betroffenen Arten allmählich. Doch auch danach kam es in Ackerbaugebieten bis in die Neunzigerjahre regelmässig zu Vergiftungen von Mäusebussard, Rot- und Schwarzmilan mit Carbofuranen, deren Anwendung in der Schweiz erst seit 2013 untersagt ist. Doch nicht nur diese zuvor unbekannten Effekte von Umweltgiften, sondern auch die beabsichtigte Dezimierung der Insekten hatte einschneidende Konsequenzen. Die reduzierte Nahrungsgrundlage betrifft diverse Arten – und als letztes Glied in der Kette auch Greifvögel und Eulen, die entweder selbst Insekten jagen oder Insektenfresser wie Spitzmäuse erbeuten.

      Greifvögel und Eulen wurden in vielen europäischen Ländern erst in den Siebzigerjahren geschützt. Bis dahin waren deshalb auch die Zugvögel unter unseren Greifvögeln direkter Verfolgung ausgesetzt. Andere menschliche Einflüsse hatten einen positiven Effekt auf bestimmte Greifvögel: So scheint die intensivierte Grünlandbewirtschaftung mit mehreren Mahdterminen im Jahr wenig spezialisierte Greifvogelarten zu begünstigen (z.B. Rot- und Schwarzmilan, Mäusebussard). Gezielte Schutzmassnahmen förderten einige Greifvögel und Eulen. Für Turmfalke, Schleiereule, Zwergohreule und Steinkauz werden die Lebensräume aufgewertet und zusätzliche Nistplätze angeboten. In den letzten Jahren scheint die Klimaerwärmung mit zunehmend wärmeren Frühlings- und Sommermonaten mediterrane Arten wie Schlangenadler und Zwergohreule zu begünstigen.

      Heute weisen fast alle Greifvogel- und Eulenarten wieder vergleichsweise hohe Bestände auf – in Einzelfällen wie beim Rotmilan vermutlich sogar die höchsten jemals erreichten.

      Die Entwicklung der Zahl besetzter Atlasquadrate (10 × 10 km) durch verschiedene Greifvogel- und Eulenarten illustriert die wechselhafte Geschichte dieser Arten in der Schweiz. Allerdings ist zu beachten, dass der Beobachteraufwand von Atlas zu Atlas zugenommen hat.

      Wissensdefizite und aktuelle Gefahren

      Trotz diverser Erfassungsprogramme bestehen noch immer Kenntnislücken über die Bestandsentwicklung, insbesondere von Habicht und Wespenbussard als heimlichen Waldbewohnern. Noch bis mindestens Mitte der Neunzigerjahre dürften sich schwer abbaubare Pestizide negativ auf die Nachwuchsrate des Sperbers ausgewirkt haben. Ob diese Effekte auch den aktuellen Bruterfolg unserer Greifvögel beeinflussen, ist unbekannt. Unser Wissen über die höhlenbrütenden «Waldeulen» Raufusskauz, Sperlingskauz und Waldkauz stammt von Gebieten, in denen engagierte Ehrenamtliche Bruthilfen installieren und kontrollieren. Über Bestände und deren Entwicklung in Wäldern ohne Nisthilfen wissen wir zu wenig. Letztlich ist auch das Wissen über das Ausmass der Mortalität an zivilisatorischen Einrichtungen und Verkehrsträgern beschränkt.

      Auch wenn die Trends bei den meisten Greifvögeln und Eulen in der Schweiz aktuell positiv sind, gibt es Arten mit abnehmenden Beständen. Besonders kritische Fälle sind der Wanderfalke (mitverursacht durch illegale Verfolgung) und regional auch der Uhu (Stromtod an Mittelspannungsmasten und Bahnleitungen, Kollisionen, Verkehrsopfer). Aber auch der Steinkauz findet trotz einsetzender Bestandserholung in intensiv genutzten Landwirtschaftsflächen kaum genügend Nahrung für seine Jungen.

      Die meisten Greifvogel- und einige Eulenarten sind langlebig, sie werden spät geschlechtsreif und weisen eine niedrige Fortpflanzungsrate auf. Daher kann selbst eine geringfügig erhöhte Mortalität die Bestandsentwicklung beeinträchtigen. Aktuelle Gefährdungen sind Habitatverlust, zunehmende Störungen, Stromschläge an Leitungsmasten, Kollision mit Stromleitungen, Strassen- und Bahnverkehr sowie Glasscheiben, Vergiftungen durch weitere Pestizide, Bleivergiftungen bei Aasfressern durch Munitionsrückstände in erlegten Tieren sowie direkte illegale Verfolgung.

      Neben direkten Habitatverlusten durch Überbauungen führt die intensive landwirtschaftliche Nutzung zu Nahrungsengpässen bei Kulturlandarten (z.B. Steinkauz, Schleiereule). Zunehmend beeinträchtigen Freizeitaktivitäten (z.B. Felsklettern, Gleitschirme, Nestfotografie) Bruten verschiedener Arten. Die immer stärker aufkommende Windenergienutzung wird an konfliktreichen Standorten künftig zu Verlusten von Brutvögeln führen. So ist bei Rotmilan und Mäusebussard davon auszugehen, dass die Windenergienutzung in einzelnen Regionen Deutschlands bereits heute zu Bestandsverlusten führt. Betroffen sind jedoch auch ziehende Greifvögel infolge von Kollisionen an Windenergieanlagen in südlichen Durchzugsgebieten und Winterquartieren.

      Anzahl Greifvogel- und Eulenarten 2013–2016 pro Atlasquadrat (10 × 10 km). Besonders im Jura, am Alpennordhang und in grösseren Alpentälern ist die Vielfalt am höchsten.

      Handlungsbedarf

      Diverse Gefahren sind schwer «fassbar». Im Inland sind dies die intensive Landnutzung, der hohe Dünger- und Pestizideinsatz, das dichte Wegenetz usw. Bei ziehenden Arten werden die Probleme noch komplexer. Sie reichen von direkter Verfolgung über Dürreperioden bis hin zu Regenwaldabholzungen. In der Schweiz direkt umsetzbar ist hingegen die längst überfällige Sanierung gefährlicher Strommasten. Für sensible Felsbrüter liesse sich auch ein besserer Schutz der Brutstandorte realisieren. Die Holzernte in Wäldern müsste ausserhalb der Brutzeit erfolgen (September bis Februar). Zum Schutz ziehender Greifvögel sind wichtige Durchzugsgebiete wie Pässe und Kreten von Infrastrukturen freizuhalten. Zudem wäre eine Überwachung der Brutbestände und des Bruterfolgs wünschbar, insbesondere von heimlichen Waldbewohnern.

      Text: Stefan Werner


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