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      Jagd und Verfolgung durch den Menschen

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      Jährlich werden in der Schweiz knapp 2000 Waldschnepfen erlegt. © Rene Eller

      Seit jeher hat der Mensch Vögel als Ressource genutzt. Gleichzeitig dezimierte er unerwünschte Arten gezielt. In beiden Fällen werden Vögel aus einer Population entnommen oder durch Nebeneffekte beeinträchtigt. Dank des verbesserten Schutzes ging die direkte Verfolgung in der Schweiz zurück. Die Vogeljagd ist heute als Sport- und Freizeitaktivität einzustufen.

      Für die Beurteilung der Auswirkungen der Vogeljagd sowie deren Regulierung muss sorgfältig geprüft werden, ob sich die Jagd auf Verbreitung, Bestandsentwicklung, demografische Kenngrössen und Sozialstruktur der betroffenen Arten negativ auswirkt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Kerngebiete mit grossen zusammenhängenden Populationen und hoher Jungenproduktion für die Erhaltung der Populationsstruktur insgesamt von grosser Bedeutung sind. Bei der Regulierung der Jagd ist zudem der Einfluss sich ändernder Umweltbedingungen zu beachten.

      Nebeneffekte der Jagd: Bleivergiftungen und Störungen

      Bleihaltige Munition ist eine Gefahr für Vögel. Von Bleivergiftungen, die zu Schwächung und Tod führen, sind insbesondere aasfressende Greifvögel sowie Wasservögel betroffen. In der Europäischen Union sterben jährlich schätzungsweise 400 000 bis 1 500 000 Vögel an Bleivergiftung. Aasfresser (z.B. Bartgeier, Steinadler) nehmen das Blei auf, wenn sie von mit Bleimunition erlegten und liegen gelassenen Tieren oder deren Überresten fressen. Populationen von langlebigen Arten mit einer damit einhergehenden tiefen Reproduktionsrate sind gegenüber Ausfällen von Einzelvögeln besonders empfindlich. Wasservögel nehmen verschossenes Bleischrot bei der Nahrungssuche oder als Gritsteinchen auf. In der Schweiz ist der Einsatz von Bleischrot bei der Wasservogeljagd seit 2012 verboten.

      In vielen Fällen stellt die Jagd eine massive Störung dar, denn sie findet normalerweise in wenig begangenen Gebieten statt, und oft werden Hunde eingesetzt. Besonders gross ist die Störwirkung bei der Jagd auf Wasservögel, weil rastende Vögel kurz- oder auch längerfristig aus ihren Ruhe- und Nahrungsgebieten vertrieben werden. Dadurch können rastende Wasservögel ihr zeitliches und räumliches Aktivitätsmuster ändern oder abwandern.

      Dezimierung unerwünschter Arten

      Früher unterlagen die Bestände von Vogelarten, die als Schädlinge betrachtet wurden, der unkontrollierten menschlichen Verfolgung durch Abschüsse und durch das Zerstören von Nestern. So wurden Haubentaucher, Graureiher, Steinadler, Habicht, Kolkrabe und Rabenkrähe stark dezimiert. Bartgeier und Fischadler wurden schweizweit und die Elster im Tessin ausgerottet. Bei Rotmilan und Uhu stand die landesweite Ausrottung kurz bevor. Seit dem ersten Bundesgesetz über die Jagd 1875 wurden Eingriffe am Nest eingeschränkt, Schonzeiten verlängert und die Liste der jagdbaren Arten stetig verkürzt. Dies hatte zur Folge, dass sich die Bestände vieler dezimierter Arten wieder erholten. Die Ansiedlung und Ausbreitung von Kormoran und Saatkrähe sind ein Resultat des besseren internationalen Schutzes. Der konsequente Schutz ist eine grundlegende Voraussetzung für den Erfolg von Wiederansiedlungen wie etwa jene des Bartgeiers.

      Jagd auf Zugvögel im Ausland

      In vielen Ländern werden Zugvögel intensiv legal oder illegal bejagt. Die Anzahl legal gejagter Zugvögel ist schwer quantifizierbar, weil Jagdstatistiken nur sehr beschränkt existieren. Im Mittelmeerraum werden jährlich schätzungsweise 11 bis 36 Millionen Vögel illegal getötet. Der Einfluss der Jagd im Ausland auf die Schweizer Brutvogelbestände ist kaum abzuschätzen. Die intensive Bejagung dürfte aber zum Rückgang beispielsweise unserer Turteltauben- und Ortolanbestände beigetragen haben. Insbesondere die Frühlingsjagd betrifft unmittelbar Brutvögel.

      Jagd auf Birkhahn, Alpenschneehuhn und Waldschnepfe in der Schweiz

      Das Birkhuhn zeigt in der Schweiz regional unterschiedliche Entwicklungen und wird als potenziell gefährdet eingestuft. Der lokale Bestand wird hauptsächlich durch die Wetterbedingungen während der Brutzeit und durch die Intensität der Freizeitaktivitäten bestimmt. Vielerorts liegen die Bestände hauptsächlich wegen Störung durch Erholungssuchende unter dem Potenzial des Lebensraums. Von 1997 bis 2016 wurden in der Schweiz jährlich rund 550 Hähne geschossen. Die Hennen sind geschützt. Aufgrund von Daten des Ufficio caccia e pesca Canton Ticino erhöht die Jagd die Mortalität der Birkhähne zusätzlich und führt zu einem unnatürlichen Geschlechterverhältnis.

      Der Männchenanteil in der Birkhuhnpopulation liegt im Tessin jagdlich bedingt weit unter 50 %. Die Reduzierung des Jagddrucks durch Verringerung der Anzahl Jagdpatente und Ausweitung der Schonzeit in den Neunzigerjahren hat zu einem ausgeglicheneren Geschlechterverhältnis geführt. Der Männchenanteil liegt aber nach wie vor rund 10 % tiefer als für unbejagte Populationen erwartet wird.

      © Quelle: Zbinden et al. (2018).

      Ob die Jagd zur negativen Bestandsentwicklung des ebenfalls als potenziell gefährdet eingestuften Alpenschneehuhns in der Schweiz beiträgt, ist nicht untersucht. In den letzten 20 Jahren wurden jährlich im Durchschnitt knapp 580 Individuen geschossen. Lokal könnte der Bestandsrückgang unter anderem die Folge einer zu hohen Jagdstrecke sein.

      Abschusszahlen von Birkhahn und Alpenschneehuhn in der Schweiz 1963–2016 gemäss der eidgenössischen Jagdstatistik. Für die Abnahme der Jagdstrecke sind auch Einschränkungen der Jagd verantwortlich (z.B. Reduktion der Anzahl erlegter Vögel pro Jahr und Jäger sowie Ausweitung der Schonzeit).

      Jährlich wurden in der Schweiz von 1997 bis 2016 knapp 2000 Waldschnepfen erlegt, von denen die meisten aus Populationen Nord- und Osteuropas stammen dürften. Die Jagd in Frankreich führt bei nordosteuropäischen Populationen zu zusätzlicher Mortalität. Auch die Jagd in der Schweiz dürfte dazu beitragen. Als Brutvogel ist die Waldschnepfe in der Schweiz seit 1993–1996 unterhalb von 900 m fast vollständig verschwunden. Mögliche Ursache für den negativen Bestandstrend ist neben Habitatverschlechterung, Prädation und Störung auch eine zusätzliche Mortalität durch die Jagd. Daten besenderter Vögel zeigen, dass zwar viele einheimische Waldschnepfen beim ersten Schneefall wegziehen, aber einige länger in der Schweiz verharren, teilweise sogar bis Mitte Dezember und damit weit über die gesetzliche Schonzeit hinaus.

      Fazit

      Die Verfolgung durch den Menschen hatte in der Vergangenheit einen grossen Einfluss auf die Bestände vieler unserer Brutvögel. Mit der Verbesserung des rechtlichen Schutzes konnten sich dezimierte Arten erholen. Noch heute sind jedoch Bestrebungen zu beobachten, Bestände von als unerwünscht betrachteten Arten zu dezimieren. Das ist aus ökologischer Sicht abzulehnen.

      Aufgrund der riesigen Zahl legal und illegal entnommener Vögel dürfte die Jagd und Verfolgung durch den Menschen im Ausland einen Einfluss auf die Brutbestände hierzulande haben. In der Schweiz stellt die Jagd heute nur noch regional und/oder für einzelne Arten einen bestandsbeeinflussenden Faktor dar. Aus ökologischer Sicht kann eine den jeweiligen Verhältnissen angepasste Jagd bei Arten mit stabilen oder zunehmenden Beständen verantwortet werden, wenn die Gefährdungssituation auf europäischer und nationaler Ebene berücksichtigt wird und sie keine messbaren negativen Auswirkungen auf die Verbreitung, die Bestände und die Sozialstruktur der betroffenen Arten hat. Eine regelmässige Überwachung der Bestände ist dazu Voraussetzung.

      Text: Michael Schaad


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