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      Mediterrane Arten brüten in der Schweiz

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      Weissbartgrasmücke © Stefan Wassmer

      Die Klimaerwärmung dürfte wärmeliebende Vogelarten begünstigen. Bei den typischen Mittelmeerarten spürt man in der Schweiz allerdings noch wenig davon. Weissbart- und Brillengrasmücke könnten sich zwar bald einmal fest ansiedeln, die Orpheusgrasmücke hat sich dagegen zurückgezogen.

      Die Klimaerwärmung hat sich seit dem Ende der Achtzigerjahre beschleunigt, vor allem im Frühling und in den Alpen. Parallel dazu hat bei uns die Anzahl Nachweise von Gastvögeln aus dem Mittelmeerraum markant zugenommen. Dieses Phänomen lässt sich nur zum Teil mit dem Anstieg der Beobachtungsintensität und dem schnelleren Austausch der Meldungen erklären. In jener Periode haben auch einige Mittelmeerarten erstmals in der Schweiz gebrütet: Brillengrasmücke und Kurzzehenlerche im Jahr 1989 sowie Weissbartgrasmücke im Jahr 1996. Bei der Kurzzehenlerche blieb es bei diesem Einzelfall, die beiden Grasmücken traten dagegen im 21. Jahrhundert regelmässiger auf und brüteten mehrfach, vor allem im Süden des Landes und speziell im Mittelwallis. Hier erinnern das reliefbedingt heisse und trockene Klima sowie die daran angepasste Vegetation stark an die Verhältnisse im ursprünglichen Lebensraum dieser Arten.

      Schon vor diesen lokalen und relativ aktuellen Fällen war es hierzulande zu Bruten von Vorboten aus dem Mittelmeerraum gekommen. Unregelmässig war dies beim Zistensänger der Fall, der 1975 erstmals brütete. Dauerhaft haben sich dagegen Fahlsegler (der wohl schon vor seiner Entdeckung 1987 bei uns brütete), Seidensänger und Blaumerle angesiedelt, die damals alle zumindest im Tessin vorkamen. Der Seidensängerbestand schwankt recht stark, und vom Fahlsegler ist nach wie vor nur der Brutplatz in Locarno TI bekannt – abgesehen von einem Mischpaar zwischen Fahl- und Mauersegler, das 2009–2012 in Tramelan BE brütete. Dagegen hat die Blaumerle einen kleinen Brutbestand im Wallis aufgebaut.

      Jährliche Anzahl Nachweise der Weissbartgrasmücke in der Schweiz 1950–2016. Jahre mit Bruten (1996, 2004, 2006, 2012, 2014 und 2016) sind mit Pfeilen markiert; sie fanden oft in Jahren mit besonders starkem Auftreten statt.

      Eine Ausbreitungstendenz ist derzeit auch bei Arten sichtbar, die weniger ans Mittelmeerklima gebunden sind, die aber wohl dank ihrer Vorliebe für warme Regionen bis zu uns und teilweise darüber hinaus vorgestossen sind. Dazu zählen der Mariskenrohrsänger (erste Brut 1981), der aber nur unregelmässig bei uns Reviere besetzt, der seit 1991 fest etablierte Bienenfresser, seit 2012 auch der Schlangenadler sowie die Zwergohreule, die im Jahr 2000 kurz vor dem Verschwinden stand, inzwischen aber wieder mindestens 30 Reviere besetzt.

      Bei diesen Vorstössen von Mittelmeer- und anderen südlichen Arten nach Norden fällt nur die Orpheusgrasmücke aus dem Rahmen. Früher war sie Brutvogel in den Kantonen Genf, Tessin und Wallis, verschwand dort aber mehr und mehr. Nach 1994 gab es auch an den letzten Walliser Brutplätzen keine Nachweise mehr.

      Abgesehen von diesem Einzelfall lässt die zunehmende Klimaerwärmung erwarten, dass die in den letzten Jahrzehnten eingeleitete Entwicklung weitergeht. Das dürfte nicht nur dazu führen, dass bisher seltene südliche Arten häufiger bei uns brüten, sondern lässt auch Brutversuche und erfolgreiche Bruten von Arten des Mittelmeerraums erwarten, die bisher noch nie in der Schweiz als Brutvögel registriert worden sind.

      Text: Bertrand Posse


      Zitiervorschlag des Atlas online:
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      Literatur

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      Schmid, H., R. Luder, B. Naef-Daenzer, R. Graf & N. Zbinden (1998): Schweizer Brutvogelatlas. Verbreitung der Brutvögel in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein 1993–1996/Atlas des oiseaux nicheurs de Suisse. Distribution des oiseaux nicheurs en Suisse et au Liechtenstein en 1993–1996. Schweizerische Vogelwarte/Station ornithologique suisse, Sempach.

      Sermet, E. & B. Posse (1998): Nidification de la Fauvette passerinette Sylvia cantillans aux Follatères/Fully, Valais. Synthèse des observations en Suisse. Nos Oiseaux 45: 227–236.

       

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