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      Steter Wandel bei den Schweizer Brutvögeln

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      Schwarzstirnwürger © Marcel Burkhardt

      Die massiven landschaftlichen Veränderungen einerseits und die Verbesserung im Artenschutz andererseits haben sich auch auf die Avifauna ausgewirkt. Feuchtgebiete und deren Bewohner gingen im grossen Stil verloren. Die Artenzusammensetzung im Kulturland hat sich stark verändert. Ehemals verfolgte Arten sind neu in die Schweiz eingewandert oder haben sich ausgebreitet.

      In den letzten 200 Jahren veränderte sich die Landschaft in der Schweiz in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit. Von 1850 bis 2010 wurden hierzulande über 90 % der Feuchtgebiete zerstört. Das Kulturland veränderte sich durch Güterzusammenlegung, Düngung und Mechanisierung massiv. Bevölkerungswachstum und Ausbau der Infrastruktur verwandelten landwirtschaftlich geprägte Gebiete zu Agglomerationen. Nährstoffeinträge führten zu einer Düngung magerer Standorte auf dem Land und zu einer Eutrophierung der Gewässer. Im Gegensatz dazu hat sich der Jagdschutz nach jahrhundertelanger Verfolgung für viele Arten verbessert.

      Stark beeinflusst von diesem Wandel resultiert für die Brutvögel ein bewegtes Bild: Zwischen 1900 und 2010 etablierten sich 32 Vogelarten neu als Brutvögel in der Schweiz (darunter 4 Gefangenschaftsflüchtlinge), 8 Arten sind verschwunden. Zu dieser positiven Artenbilanz beigetragen haben Neuzugänge wie Saatkrähe oder Kormoran, die als Koloniebrüter besonders anfällig auf Verfolgung sind und somit direkt vom besseren internationalen Schutz profitierten. Zudem konnten sich einige Arten trotz starker Abnahmen lokal halten, teilweise dank Fördermassnahmen (z.B. Steinkauz). Diese Rückgänge wirken sich somit nicht auf die Gesamtbilanz aus, welche die wichtigen Entwicklungen in der Avifauna folglich nur bedingt widerspiegelt. Massive Verluste erlitten insbesondere einige Feuchtgebietsarten. Grosser Brachvogel oder Rotschenkel sind als Brutvögel ganz verschwunden. Aber auch Arten wie Kuckuck, Tüpfelsumpfhuhn oder Flussuferläufer sind durch den immensen Lebensraumverlust stark zurückgegangen. Weiter sind früher typische und weit verbreitete Kulturlandarten wie Rotkopfwürger, Gartenrotschwanz oder Baumpieper heute ganz verschwunden oder haben zumindest viel an Terrain eingebüsst. Sie finden heute kaum mehr geeignete Brutbedingungen. Durch die Abnahme der Insekten wurde ihnen zudem die Nahrungsgrundlage entzogen.

      Neu aufgetretene und verschwundene Brutvogelarten in der Schweiz zwischen 1900 und 2010. Angegeben ist das Jahrzehnt der ersten bzw. letzten Brut in der Schweiz. Als neu eingewandert taxiert wurden Arten, die um 1900 mit Sicherheit nicht in der Schweiz gebrütet haben, mittlerweile aber regelmässig brüten; der Bartgeier wurde wiederangesiedelt. Als verschwunden gelten ehemals regelmässige Brutvögel, deren Brutvorkommen zwischen 1900 und 2010 erloschen sind. Eingebürgerte Arten wurden nicht berücksichtigt.

      Positiv entwickelt haben sich in den letzten 30 Jahren hingegen Arten wie Rotmilan oder Rabenkrähe, die sich zwar im Kulturland ernähren, ihren Nachwuchs aber ausserhalb aufziehen. Es handelt sich meist um grössere Arten, die für die Nahrungssuche grössere Distanzen zurücklegen können und so von der im Kulturland verfügbaren Nahrung profitieren. Die Zunahme von Raben- und Greifvögeln erhöht wiederum den Prädationsdruck auf Bodenbrüter.

      Der Mensch gestaltet seine Umwelt im grossen Stil und in einem einzigartigen Tempo um. Als Folge davon präsentierte sich auch die Zusammensetzung der Avifauna im letzten Jahrhundert dynamisch. Dank ihrer Flexibilität kommt die Vogelwelt als Ganzes mit immer neuen Bedingungen zurecht. Arten mit speziellen Ansprüchen können sich allerdings nur selten anpassen und verschwinden daher als Brutvögel.

      Text: Nicolas Strebel


      Zitiervorschlag des Atlas online:
      Knaus, P., S. Antoniazza, S. Wechsler, J. Guélat, M. Kéry, N. Strebel & T. Sattler (2018): Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016. Verbreitung und Bestandsentwicklung der Vögel in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. Schweizerische Vogelwarte, Sempach.

      Literatur

      Hallmann, C. A., R. P. B. Foppen, C. van Turnhout, H. de Kroon & E. Jongejans (2014): Declines in insectivorous birds are associated with high neonicotinoid concentrations. Nature 511: 341–343.

      Hallmann, C. A., M. Sorg, E. Jongejans, H. Siepel, N. Hofland, H. Schwan, W. Stenmans, A. Müller, H. Sumser, T. Hörren, D. Goulson & H. de Kroon (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLoS One 12: e0185809.

      Stuber, M. & M. Bürgi (2018): Vom «eroberten Land» zum Renaturierungsprojekt. Geschichte der Feuchtgebiete in der Schweiz seit 1700. Bristol-Schriftenreihe. Bristol-Stiftung, Zürich, und Haupt, Bern.

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