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      Weiterer Rückgang der Arten der Roten Liste

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      Rebhuhn © Beat Rüegger

      Gefährdete Arten sind am ehesten im Jura, den inneralpinen Tälern und in den Feuchtgebieten des Mittellands zu finden. Im intensiv genutzten Kulturland brüten meist nur noch sehr wenige gefährdete Arten. Seit 1993–1996 sind die Arten der Roten Liste vielerorts seltener geworden. Ihr verstärkter Schutz ist dringend und muss artspezifisch angegangen werden.

      Rote Listen beurteilen gemäss Vorgaben der Weltnaturschutzunion (IUCN) das Risiko, dass eine Art aus einem Gebiet verschwindet. Sie haben sich als wichtiges Instrument im Naturschutz erwiesen und werden für die Schweiz vom Bund (Bundesamt für Umwelt BAFU) herausgegeben. Die Rote Liste der gefährdeten Brutvogelarten der Schweiz umfasst seit ihrer letzten Revision im Jahr 2010 78 Vogelarten. 41 Arten gelten als «verletzlich» (VU), 21 Arten als «stark gefährdet» (EN) und 9 Arten als «vom Aussterben bedroht» (CR). Ebenfalls auf der Roten Liste sind 7 ehemalige Brutvogelarten, die seit mehr als 20 Jahren nicht mehr bei uns brüten (Kategorie «in der Schweiz ausgestorben», RE). Nicht als Arten der Roten Liste gelten jene der Kategorien «potenziell gefährdet» (NT, 32 Arten) und «nicht gefährdet» (LC, 89 Arten).

      Bei der Revision 2010 wurden 12 Arten von der Roten Liste von 2001 entlassen. Von diesen zeigen unter anderem Kolbenente, Wanderfalke, Mittelspecht und Zaunammer eine deutliche Zunahme im Vergleich zu 1993–1996. Auch einige auf der Roten Liste verbliebene Arten zeigen positive Trends, so Weissstorch, Bartgeier, Zwergohreule, Steinkauz und Wiedehopf. Auf grossen Flächen überwiegen allerdings die negativen Entwicklungen. Insbesondere mussten bei der Revision 2010 10 Arten neu in die Rote Liste aufgenommen werden. Die ehemals weit verbreiteten Arten Rotkopfwürger und Grosser Brachvogel verschwanden vor der Periode 2013–2016 vollständig als Brutvögel. Von Rebhuhn, Bekassine und Ortolan verbleiben nur noch einzelne Reviere und das Verschwinden dieser Arten aus der Schweiz ist absehbar.

      Im Mittelland nur in Feuchtgebieten noch mehrere gefährdete Arten

      Überlagert man die Verbreitungskarten aller Arten der Roten Liste 2010, lassen sich die Hotspots ihrer Vorkommen erkennen. Heute brüten im Jura und in den Alpen noch relativ viele Arten der Roten Liste. Im Mittelland sollten gemäss ihrem Verbreitungspotenzial noch deutlich mehr Arten vorkommen als in den Berggebieten. Tatsächlich wurden im intensiv genutzten Mittelland nur noch sehr wenige gefährdete Arten nachgewiesen. Ausnahmen sind die wenigen verbliebenen grösseren Feuchtgebietskomplexe wie die Grangettes VD, das Südufer des Neuenburgersees, Teile des Grossen Mooses BE/FR und die Feuchtgebiete im Aargauer Reusstal, wo auch heute noch verhältnismässig viele Arten der Roten Liste anzutreffen sind. Auch weniger ausgedehnte Feuchtgebiete, zum Beispiel Chavornay VD, Wauwilermoos LU, Neeracherried ZH, Greifen- und Pfäffikersee, Kaltbrunner Riet SG oder Bolle di Magadino TI, erscheinen in der Karte mit einer höheren Zahl gefährdeter Arten.

      Verbreitung 2013–2016 von  77 Arten der aktuellen Roten Liste. Die Karte ist eine Kombination der Artkarten.

      Starke Abnahme in tiefen und mittleren Lagen

      Werden die Verbreitungsänderungen aller Arten der Roten Liste kombiniert, zeigt sich ein deutlicher Rückgang seit 1993–1996. Bei diesem Vergleich wurden sowohl die Arten der Roten Liste 2010 als auch jene der Ausgabe von 2001 berücksichtigt. Selbst im Mittelland sind deutliche Verluste zu verzeichnen, obwohl dort schon 1993–1996 nur noch wenige dieser Arten vorkamen. Ebenfalls deutliche Rückgänge zeigen sich im Jura und in den Voralpen ab, kaum Veränderungen hingegen im Tessin und in weiten Teilen Graubündens. Zunahmen sind nur lokal erkennbar, so in der Region Genf und der Ajoie JU. Dort wirken sich unter anderem die Bestandsanstiege von Steinkauz, Mittelspecht und Dorngrasmücke aus. Zudem sind dort die Bestände von Waldlaubsänger und Wacholderdrossel im Gegensatz zu weiten Teilen der Schweiz nicht rückläufig.

      Änderung der Verbreitung seit 1993–1996 der Arten der Roten Listen. Die Karte entstand durch die Kombination der Veränderungskarten von 27 Arten, von denen die Vorkommenswahrscheinlichkeit für beide Perioden modelliert werden konnte (die meisten der übrigen 50 Arten sind sehr selten) und die entweder auf der Roten Liste 2010 und/oder auf jener der Ausgabe von 2001 stehen.

      Viele gefährdete Feuchtgebiets- und Kulturlandbewohner

      Arten der Roten Liste brüten in allen Lebensräumen. Mit 36 Arten sind die Arten der Feuchtgebiete und Gewässer am stärksten vertreten. Die meisten dieser Arten hatten bereits 1993–1996 ein recht kleines Brutgebiet, das sich im Wesentlichen auf die verbliebenen Feuchtgebiete beschränkt. Unter den weiter verbreiteten Arten zeigte nur die Kolbenente einen deutlichen Bestandsanstieg.

      Die Kulturlandvögel sind in der Roten Liste mit 19 Arten die zweitgrösste Gruppe. Davon zeigen Weissstorch und Steinkauz seit 1993–1996 deutliche Bestandszunahmen. Hingegen erlitten 4 Arten starke Verluste (Kiebitz, Braunkehlchen, Wacholderdrossel und Grauammer). Waldvögel sind auf der Roten Liste mit nur 9 Arten vertreten. Trotzdem gibt es 5 Arten mit grossen Veränderungen. Eine starke Zunahme erfuhr nur der Mittelspecht, während Haselhuhn, Ringdrossel, Waldlaubsänger und Fitis teils grosse Bestandsverluste aufweisen.

      Verstärkte Förderung der gefährdeten Arten dringend

      Auch die Roten Listen zeigen, dass die Probleme für die Vögel der Landwirtschafts- und der Feuchtgebiete besonders akut sind. Ein verstärkter Schutz für die gefährdeten Arten ist dringend. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Bedürfnisse und Lebensräume dieser Arten muss deren Schutz artspezifisch angegangen werden. Erfreulich ist, dass sich unter den Arten der Roten Liste mit positiver Entwicklung auffallend viele befinden, für die Artenförderungsprojekte laufen, beispielsweise Steinkauz, Wiedehopf und Kiebitz.

      Nach einem lange ungebremsten Rückgang seit 1990 scheint sich der Teilindex des Swiss Bird Index SBI® für Arten der aktuellen Roten Liste auf einem tiefen Wert von 55 % einzupendeln.

      Text: Simon Birrer


      Zitiervorschlag des Atlas online:
      Knaus, P., S. Antoniazza, S. Wechsler, J. Guélat, M. Kéry, N. Strebel & T. Sattler (2018): Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016. Verbreitung und Bestandsentwicklung der Vögel in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. Schweizerische Vogelwarte, Sempach.

      Literatur

      IUCN (2003): Guidelines for application of IUCN Red List criteria at regional levels: version 3.0. IUCN Species Survival Commission. International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN), Gland and Cambridge.

      Keller, V., A. Gerber, H. Schmid, B. Volet & N. Zbinden (2010): Rote Liste Brutvögel. Gefährdete Arten der Schweiz, Stand 2010. Umwelt-Vollzug Nr. 1019. Bundesamt für Umwelt, Bern, und Schweizerische Vogelwarte, Sempach.

      Keller, V., A. Gerber, H. Schmid, B. Volet & N. Zbinden (2010): Liste rouge oiseaux nicheurs. Espèces menacées en Suisse, état 2010. L’environnement pratique n° 1019. Office fédéral de l’environnement, Berne, et Station ornithologique suisse, Sempach.

      Keller, V., A. Gerber, H. Schmid, B. Volet & N. Zbinden (2010): Lista Rossa Uccelli nidificanti. Specie minacciate in Svizzera, stato 2010. Pratica ambientale n. 1019. Ufficio federale dell’ambiente, Berna, e Stazione ornitologica svizzera, Sempach.

      Keller, V., N. Zbinden, H. Schmid & B. Volet (2001a): Lista Rossa degli uccelli nidificanti minacciati in Svizzera. Collana dell'UFAFP "Ambiente-Esecuzione". Ufficio federale dell'ambiente, delle foreste e del paesaggio, Berna, e Stazione ornitologica svizzera, Sempach.

      Keller, V., N. Zbinden, H. Schmid & B. Volet (2001b): Liste Rouge des oiseaux nicheurs menacés de Suisse. L'environnement pratique. Office fédéral de l'environnement, des forêts et du paysage, Berne, et Station ornithologique suisse, Sempach.

      Keller, V., N. Zbinden, H. Schmid & B. Volet (2001c): Rote Liste der gefährdeten Brutvogelarten der Schweiz. Vollzug Umwelt. Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL), Bern, und Schweizerische Vogelwarte, Sempach.

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