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      Wiesenbrüter – sind sie noch zu retten?

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      Selbst in höheren Lagen – hier am Schamserberg GR auf 2200 m – wird wertvolle Vegetation zerstört und die Fläche zur futterbaulichen Nutzung neu angesät. © Markus Jenny

      Wo Blumenwiesen und artenreiche Weiden verloren gehen, verschwinden auch wiesenbrütende Vogelarten. Durch eine frühe Mahd werden viele Bruten vermäht, was zu hohen Bestandsverlusten führt. Das Grünland wird heute bis in hohe Lagen nicht mehr wiesenbrüterfreundlich genutzt. Die Schweiz droht damit die ganze Gruppe der Wiesenbrüter zu verlieren.

      Auf das Leben in Wiesen und Weiden hat sich eine Gruppe von Vogelarten spezialisiert: die Wiesenbrüter. Durch ihr tarnfarbenes Gefieder gut geschützt nisten sie am Boden. Wachtel, Wachtelkönig, Feldlerche, Baum- und Wiesenpieper sowie Braunkehlchen sind – oder waren – die für unser Land typischen Wiesenbrüter.

      Anhaltender Lebensraumverlust

      Der Charakter des Grünlands hat sich in relativ kurzer Zeit radikal verändert. Zwischen den Siebziger- und Neunzigerjahren wurde im Mittelland viel artenreiches Grünland in artenarme, meist angesäte Futterwiesen umgewandelt. Diese Entwicklung hat seither auch die Berggebiete erreicht. Dort waren 1950 noch 95 % der Wiesen artenreiche Bergblumenwiesen, heute sind es noch 2 %.

      Der Grund für die Veränderung liegt in der Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung. Stärkere, schnellere Maschinen, mehr Hofdünger (bedingt durch eine höhere Viehdichte, die nur dank importiertem Kraftfutter möglich ist), ein höherer Stickstoffeintrag aus der Luft sowie neue Erntetechniken (Mähaufbereiter und Silage) führen zu immer früheren und häufigeren Grasschnitten, sowohl im Talgebiet, wo heute 4–6 Schnitte pro Jahr normal sind, als zunehmend auch im Berggebiet. In Trockenregionen kommen schliesslich neue Bewässerungsanlagen zum Einsatz und auch in höheren Lagen werden Bodenunebenheiten mechanisch ausgeebnet, um die Wiesen einfacher bewirtschaften zu können.

      Dramatische Auswirkungen auf die Wiesenbrüter

      Für die Vögel bedeutet die Intensivierung einerseits eine reduzierte Nahrungsbasis. Beim Mähvorgang werden bis zu 50 % der Insekten und Spinnen getötet – und das bei jedem Schnitt. Andererseits geht auch Lebensraum verloren: Der erste Schnitt erfolgt immer früher in der Saison. Selbst in den Berggebieten werden die Wiesen mittlerweile mitten in der Brutzeit der Wiesenbrüter zum ersten Mal gemäht. Unzählige Bruten gehen dabei verloren und regelmässig werden sogar brütende Altvögel vermäht.

      Anhand des Braunkehlchens im Engadin GR ist dies gut untersucht. In dorffernen, extensiv bewirtschaften Wiesen brüteten viele Braunkehlchen erfolgreich. Mit der Aussiedlung von Höfen aus dem Dorf, hohen Tierbeständen und ausgebauten Wegnetzen intensivierte sich die Bewirtschaftung auch dieser abgelegenen Wiesen und der dortige Bestand des Braunkehlchens brach ein.

      Nicht alle Wiesenbrüter reagieren gleich schnell auf die Intensivierung. Am empfindlichsten ist der Wachtelkönig. Sein Bestand nahm im Mittelland bereits in den Dreissigerjahren stark ab. Um erfolgreich zu brüten, braucht er Wiesen, die nicht vor Anfang oder sogar Mitte August gemäht werden. Das Braunkehlchen räumte das Mittelland zwischen 1970 und 1990 fast vollständig. Gleichzeitig begannen die Bestände in den Voralpen und im Jura zu schrumpfen; hier hält der Rückgang ungebremst an. Die Feldlerche nutzt neben Wiesen auch Ackerflächen zum Brüten. Deutliche Arealverluste im Mittelland wurden bei ihr ab 1990 sichtbar, und heute sind die Grünlandgebiete im Tiefland weitgehend verwaist. Auch bei der Wachtel sind die Vorkommen unterhalb von 800 m seit 1993–1996 eher rückläufig. Beim Baumpieper setzte der massive Rückgang im Mittelland ab 1980 ein. Seit 1993–1996 erlitt er unterhalb von 1000 m nochmals grosse Verluste; darüber kann er sich vorläufig noch einigermassen halten. Der Wiesenpieper ging unterhalb von 1200 m ebenfalls deutlich zurück.

      Veränderung der Präsenz der sechs Wiesenbrüter (Wachtel, Wachtelkönig, Feldlerche, Baum- und Wiesenpieper sowie Braunkehlchen) pro Atlasquadrat zwischen 1950–1959 und 2013–2016. Zu beachten ist, dass die Erfassung im Zeitraum 1950–1959 in einzelnen Regionen im Jura und vor allem in den Alpen sehr lückenhaft war.

      Lösungsansätze vorhanden, Umsetzung aber ungenügend

      Um die Wiesenbrüter in der Schweiz zu erhalten, braucht es dringend eine angepasste Nutzung des Grünlands. Extensiv und wenig intensiv genutzte Wiesen und extensiv genutzte Weiden werden vom Bund mit ökologischen Direktzahlungen abgegolten. Mit dem Instrument Vernetzungsprojekt sollen Ziel- und Leitarten gemäss «Umweltzielen Landwirtschaft» (UZL) erhalten werden. Kommen Zielarten im Perimeter eines Vernetzungsprojekts vor, so müssen die Massnahmen zwingend auf diese Arten abgestimmt sein. Wachtelkönig, Feldlerche und Braunkehlchen gehören zu den Zielarten, die übrigen Wiesenbrüter zu den Leitarten. Es müssen also extensiv und wenig intensiv genutzte Wiesen und Weiden gefördert werden. Aber es braucht Fläche: Untersuchungen am Braunkehlchen zeigen, dass mehr als 60 % der als Lebensraum geeigneten Wiesen spät geschnitten werden müssten, damit ein Braunkehlchenbestand selbsterhaltend bliebe. In regional bezeichneten Wiesenbrüter-Kerngebieten können extensiv und wenig intensiv genutzte Wiesen konzentriert werden, so dass dort der geforderte Anteil von 60 % spät geschnittener Wiesen erreicht wird. Die Betriebe kommen zwar fütterungstechnisch mit einem Anteil an extensiv und wenig intensiv genutzten Wiesen zwischen 20 und 40 %, in den höheren Lagen bis über 50 % zurecht. Nur wenige Vernetzungsprojekte konnten dies jedoch ausschöpfen. Dabei rettet eine konsequente Förderung der Wiesenbrüter nicht nur diese sechs Arten, sondern auch zahlreiche Insekten, Feldhasen und Rehkitze sowie die Bergblumenwiesen.

      Verbreitung 2013–2016 der sechs Wiesenbrüter Wachtel, Wachtelkönig, Feldlerche, Baum- und Wiesenpieper sowie Braunkehlchen. Die Karte ist eine Kombination der Artkarten. Wo mehr als zwei Arten vorkommen, sollten Schutz- und Förderprojekte entwickelt werden.

      Text: Petra Horch


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