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      Zu viel Dünger schadet den Vögeln

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      Waldlaubsänger bevorzugen Wälder mit einer mässigen bis mittelstarken Bedeckung des Bodens mit grasartiger Vegetation. © Alex Grendelmeier

      Die Schweiz ist ein üppig grünes Land. Äcker und Wiesen sind reichlich gedüngt. Moore und Wälder werden mit mehr Nährstoffen versehen, als ihnen gut tut. Dies hat Auswirkungen: Der Lebensraum vieler Vogelarten, die bei der Nahrungssuche oder für die Nestanlage auf lückige, niedrige Vegetation angewiesen sind, wird stark beeinträchtigt.

      Dünger wird in der Landwirtschaft ausgebracht, um den Ertrag zu steigern. Doch nicht aller Dünger wird von den Pflanzen aufgenommen. Ein beträchtlicher Teil des Stickstoffs geht in die Luft: Bei den Stickstoffemissionen in die Luft stammten 2005 65 % aus der Landwirtschaft, 22 % vom Verkehr, 10 % aus Industrie und Gewerbe und 3 % aus privaten Haushalten. Der Stickstoff in der Luft kommt grösstenteils wieder auf die Erde zurück und düngt auch Flächen, die nicht gedüngt werden sollten. Heute liegen diese Immissionen vielerorts weit über den 5–25 kg Stickstoff/ha und Jahr, die für die meisten Ökosysteme als noch tragbar erachtet werden («Critical Loads»). Während für 1994 ein alljährlicher Stickstoffüberschuss von 190 000 t berechnet wurde, werden es 2020 (bei gleichbleibender Entwicklung) noch 145 000 t jährlich sein. Die sogenannte Stickstoffeffizienz wird von 22 auf 30 % zugenommen haben. Es sind also Fortschritte absehbar. Nichtsdestotrotz ist der Stickstoffüberfluss in der Schweiz gewaltig.

      Schweizer Tieflagen besonders überdüngt

      Hierzulande ist die Belastung durch Stickstoff regional sehr unterschiedlich. Am stärksten ist sie im östlichen Mittelland und im voralpinen Hügelland. Aber auch in den übrigen tiefer gelegenen Gegenden sind die Werte sehr hoch.

      Die kritische Obergrenze der Stickstoffbelastung ist von Lebensraum zu Lebensraum verschieden, wird in der Schweiz aber fast flächendeckend überschritten: 100 % der Hochmoore, 90 % der Wälder, 84 % der Flachmoore und 42 % der Trockenwiesen erhalten mehr Stickstoff, als ihnen zuträglich ist.

      Vergleich der Artenzahl pro Atlasquadrat (10 × 10 km, unterhalb von 600 m im Mittelland und Jura gelegen) mit der mittleren jährlichen Stickstoffdeposition aus der Luft (in kg/ha und Jahr). Je höher der Stickstoffeintrag, desto geringer ist die Artenzahl.

      Erhebliche Auswirkungen auf Vögel

      Die überschüssigen Stickstoffmengen, die in die Umwelt gelangen, gelten als eine der Hauptursachen für den Rückgang der Biodiversität in Mitteleuropa. Sie haben gravierende Auswirkungen auf Artenzusammensetzung und Struktur der Vegetation und indirekt auch auf Brutvögel. Zwei Beispiele illustrieren dies:

      1. Wo früher Waldmeister oder Hainsimsen eine lückige Bodenvegetation bildeten, wird der Unterwuchs in «überdüngten Wäldern» heute durch nährstoffliebende Arten wie Brombeeren oder Brennnesseln dominiert. Der Waldlaubsänger meidet solche Vegetation bei der Revierwahl. Auch beim Berglaubsänger, der vor allem nährstoffärmere Waldgesellschaften besiedelt, wird ein negativer Einfluss der Nährstoffzunahme vermutet.
      2. Dort, wo die Stickstoffdeposition aus der Luft gross ist, ist die Pflanzenvielfalt kleiner als an Vergleichsstandorten. Das liegt daran, dass vermehrt besonders konkurrenzkräftige Arten aufkommen und die auf magere Standorte spezialisierten, kleinwüchsigeren Arten verdrängen. In fetten, artenarmen Wiesen ist die Abundanz der Insekten geringer, was auf viele Vogelarten des Kulturlands negative Auswirkungen hat. Zudem erschwert ein üppiger Pflanzenwuchs die Erreichbarkeit von Insekten für sich am Boden ernährende Vögel. Etliche Arten mit abnehmenden Beständen wie Wendehals, Feldlerche, Heidelerche, Neuntöter und Gartenrotschwanz sind zur Nahrungsaufnahme auf eine lückige, eher niedrige Vegetation angewiesen.

      Auf Landschaftsebene führt die Überdüngung zu einer Homogenisierung und Trivialisierung der Flora. Auswertungen der Atlasdaten deuten darauf hin, dass dies auch für die Avifauna gilt. Wir wählten dazu alle im Mittelland oder im Jura liegende Atlasquadrate (10 × 10 km) unterhalb von 600 m aus und verglichen den mittleren Eintrag von Stickstoff/ha aus der Luft mit der festgestellten Artenzahl. In den überdüngten Atlasquadraten wurden weniger Brutvogelarten festgestellt als in den Quadraten mit einem geringen Stickstoffeintrag: Je 10 kg/ha zusätzlich deponiertem Stickstoff nimmt die Artenzahl um rund 11 Arten ab.

      Änderung der Verbreitung seit 1993–1996 der fünf Arten, die offene Bodenstellen für die Nahrungssuche brauchen (Wendehals, Feldlerche, Heidelerche, Neuntöter und Gartenrotschwanz). Die Karte entstand durch die Kombination der Veränderungskarten der fünf Arten.

      Positive Auswirkungen der Düngerreduktion in Seen

      Anders als im Grünland und in den Wäldern verlief die Entwicklung in den Gewässern. Dort ist im Allgemeinen nicht Stickstoff, sondern Phosphor der limitierende Nährstoff. Während viele Schweizer Seen noch vor einigen Jahrzehnten mit so viel Phosphor aus Siedlungsabwässern und der Landwirtschaft belastet waren, dass deren Ökosysteme beinahe kollabierten, hat sich die Situation seither durch den Ausbau des Kläranlagensystems, das Phosphatverbot in Waschmitteln und die Einrichtung von Pufferzonen stark verbessert. Dadurch konnten sich Schilfbestände, vor allem aber die unter Wasser wachsenden Laichkraut- und Armleuchteralgenrasen wieder erholen. Dies hat Vorteile für schilfbrütende Vogelarten und die sich vorwiegend von Armleuchteralgen ernährende Kolbenente. Die Winterbestände dieser Art haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Aber auch als Brutvogel ist sie häufiger geworden und hat ihren Bestand von 1993–1996 bis 2013–2016 ungefähr verfünffacht.

      Mit zielgerichteten Massnahmen ist es also gelungen, die Situation in den Gewässern der Schweiz deutlich zu verbessern. Bei den Stickstoffverlusten im terrestrischen Bereich sind wir von einer nachhaltigen Lösung noch sehr weit entfernt. Wenn es unser Ziel bleibt, auch Arten zu erhalten, die eine weniger überdüngte Landschaft mit lückiger, niedriger Vegetation benötigen, muss in diesem Bereich rasch entschlossen gehandelt werden.

      Durch die Stickstoffdüngung aus der Luft wird der Unterwuchs durch nährstoffliebende Arten wie Brombeeren dominiert; solche Wälder meidet der Waldlaubsänger.

      © Jael Hoffmann

      Text: Roman Graf


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