Mechanismen der Populationsdynamik beim Rotmilan

    Nachdem der Rotmilan im letzten Jahrhundert in der Schweiz beinahe ausgestorben ist, hat er mittlerweile fast das gesamte Mittelland mit einer beachtlichen Geschwindigkeit wieder besiedelt. Eines der umfangreichsten Projekte der Schweizerischen Vogelwarte erforscht die Ursachen für den Erfolg dieser charismatischen Greifvogelart.

    Ziele

    Der Rotmilan wurde in der Schweiz am Ende des 20. Jahrhunderts durch menschliche Verfolgung auf eine Handvoll Brutpaare dezimiert. Ähnliche Abnahmen beobachtete man europaweit. Glücklicherweise hat die Population dieser Europäischen Vogelart in den letzten Jahren stark zugenommen und wurde mittlerweile schweizweit und international auf „Least Concern“ zurückgestuft. Momentan beherbergt die Schweiz mit 2800-3500 Brutpaaren fast 10% der weltweiten Brutpopulation. Der Rotmilan ist daher einer der 50 Prioritätsarten der Schweizerischen Artenförderung. Seit 1970 hat der Rotmilan den Norden der Schweiz mit beträchtlicher Geschwindigkeit wiederbesiedelt.

    Der Rotmilan erweitert kontinuierlich seine obere Verbreitungsgrenze und besiedelt zunehmend auch wieder Alpentäler. Gleichzeitig lässt sich eine neue Überwinterungsstrategie beobachten: Während mitteleuropäische Rotmilane früher den Winter fast ausschliesslich im Mittelmeerraum verbrachten, beobachtet man mittlerweile einen immer grösseren Anteil an überwinternden Individuen in den Brutgebieten in Mitteleuropa. Infolgedessen beherbergt die Schweiz mittlerweile die weltweit höchste Dichte an überwinternden Rotmilanen. Vielfach werden hierfür Gemeinschaftliche Schlafplätze genutzt.

    Im Fokus des Projektes liegt die Erforschung der Faktoren, welche die Überlebensrate, Reproduktion, Abwanderung und Raumnutzung bestimmen und damit die beobachteten Populationsentwicklungen in der Schweiz und Mitteleuropa erklären.

    Module

    Das Projekt umfasst sieben Module:

    Nahrungszusammensetzung und menschliche Fütterung (mehrere Masterarbeiten, Postdoc Pietro Milanesi): Im Rahmen von mehreren studentischen Arbeiten untersuchen wir die Nahrungszusammensetzung entlang eines Höhengradienten. Die Fütterung von Rotmilanen durch Privatpersonen ist in der Schweiz ein weit verbreitetes Phänomen. Ein besonderes Augenmerk liegt daher auf der Rolle der anthropogenen Nahrungsquellen für den Reproduktionserfolg und die Raumnutzung des Rotmilans im Sommer und Winter. Neben der direkten anthropogenen Fütterung untersuchen wir auch die Rolle des Rotmilans in der Schweizer Aasfressergemeinschaft.

    Abwanderung und frühe Erkundungsphase (Dissertation Dr. Patrick Scherler): Die Umweltbedingungen am Geburtsort beeinflussen das Überleben und die Körperkondition. Sie können sogar das Verhalten von jungen Rotmilanen nach der Geburt beeinflussen. Patrick Scherler untersuchte das Zusammenspiel von Umweltfaktoren, die die Reproduktionsleistung einer Rotmilanpopulation steuern, und wie sich die Bedingungen am Geburtsort auf den Zeitpunkt des Verlassens des Heimatgebiets auswirken. Dieser entscheidende Zeitpunkt im Leben eines Jungvogels markiert den Beginn der Abwanderung. Patrick hat auch die Abwanderungs- und Zugbewegungen voneinander getrennt, um zu untersuchen, wie sich die Umweltbedingungen im Geburtsgebiet auf das Erkundungsverhalten während unterschiedlicher Phasen der Abwanderung (Jugenddispersion) auswirken.

    Stressphysiologie von Nestlingen und Carry-Over-Effekte (Dissertation Benedetta Catitti): Benedetta Catitti analysiert die Faktoren, die Rotmilane während ihrer Entwicklung im Nest beeinflussen, und untersucht, ob diese Auswirkungen auf spätere Lebensstadien übertragbar sind. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Geschwisterrivalität und der Stressphysiologie in der Entwicklungsphase und deren Zusammenhang mit dem Sozialverhalten und den Bewegungsmustern nach dem Ausfliegen und im Erwachsenenalter.

    Ursachen und Folgen des Teilzuges (Dissertation Stephanie Witczak): Stephanie Witczak untersucht die Ursachen des Teilzuges im Hinblick auf die individuellen Merkmale von Zugvögeln sowie auf die lokalen Umweltbedingungen. Darüber hinaus werden die Folgen der gewählten Überwinterungsstrategie (Abwanderung, Aufenthalt) sowohl auf individueller Ebene (Reproduktion, Überleben), als auch auf Populationsebene bestimmt (Auswirkung des Anteils von Zugstrategien auf das Populationswachstum).

    Entwicklung des Zugverhaltens (Postdoc Dr. Ginny Chan): Anhand eines großen Datensatzes von GPS-besenderten jungen Rotmilanen analysiert Ginny die Ontogenese von Zugrouten und Geschlechtsunterschiede in den Zugmustern. Darüber hinaus untersuchen mehrere Masterstudenten wichtige Zugrouten und Rastplätze auf europäischer Ebene.

    Ansiedlungsentscheidungen (Postdoc Dr. Florian Orgeret): Florian Orgeret untersucht auf Grundlage unserer umfangreichen Ansiedlungsdaten die ausschlaggebenden Faktoren und Folgen von Bewegungsmustern während der Jugenddispersion. Wir konzentrieren uns auf den Entscheidungsprozess während der Erkundungsphase und der Ansiedlung. So durchleuchten wir potenzielle Ausbreitungssyndrome bei dieser Art.

    Genomik (Dr. Reto Burri): Mit Hilfe eines großen Netzwerks von Mitarbeitern in ganz Europa untersuchen wir die Populationsstruktur dieser Art in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet. Die Ergebnisse dieser Studie werden dazu beitragen, die phylogeografische Geschichte und die Demografie auf europäischer Ebene zu klären. Unser Ziel ist es, genomische Daten mit empirischen Ausbreitungsdaten zu kombinieren, um die Mechanismen zu ermitteln, die den effektiven Genfluss bei Greifvögeln bestimmen.

    Ansatz

    Seit 2015 werden in den Kantonen Freiburg und Bern umfangreiche Revierkartierungen und Nestkontrollen durchgeführt. Rund 450 Jung- und 70 Altvögel wurden mit solarbetriebenen GPS-Sendern ausgestattet, um langfristige Informationen über die Raumnutzung zu erhalten. Wir führten auch Nahrungsergänzungsexperimente während verschiedener Jahreszeiten durch, um die Auswirkungen des Nahrungsangebots und der anthropogenen Fütterung auf die Fortpflanzung, das Überleben, das Verhalten nach dem Ausfliegen, die Ausbreitung und die Überwinterungsstrategie zu ermitteln. Nestkameras überwachten das Brutgeschehen und zeichneten die Nahrungszufuhr für die Nestlinge auf.

    Bedeutung

    Da ein bedeutender Anteil der weltweiten Rotmilanpopulation in der Schweiz vorkommt, trägt das Land eine große Verantwortung für diese Art. Das Verständnis der Mechanismen und Faktoren, die die Populationsentwicklung beeinflussen, ist für die Erhaltung der Art von zentraler Bedeutung. Dieses Projekt wird dazu beitragen, die treibenden Kräfte und zugrundeliegenden Mechanismen zu identifizieren, welche die Populationsentwicklung dieses schützenswerten Greifvogels bestimmen. Darüber hinaus wird eine noch nie dagewesene Stichprobe von GPS-besenderten Jungvögeln zur Klärung von Fragen über die Mechanismen der Ausbreitung im Allgemeinen und der Ausbreitungsgrenzen im Besonderen beitragen. Unsere Ergebnisse in Kombination mit unserer internationalen Zusammenarbeit ermöglichen es, Managemententscheidungen in Bezug auf den Rotmilan in der Schweiz und auf europäischer Ebene zu treffen und so zu den europaweiten Bemühungen um die Erhaltung der Art beizutragen.

    https://www.youtube.com/watch?v=yQASAQImjZk

    Projektleitung

    Dr. Urs KormannDr. Martin Grüebler

    Das Projektteam

    Benedetta CatittiDr. Ginny ChanDr. Pietro Milanesi Dr. Florian OrgeretDr. Patrick ScherlerValentijn van BergenStephanie WitczakDr. Reto Burri

    Partner

    Dr. Adrian Aebischer

    AG Naturschutz, Universität Marburg
    www.uni-marburg.de

    Anne-Katleen Malchov und Damaris Zurrel, Universität Potsdam
    damariszurell.github.io

    Rainer Raab, Technisches Büro für Biologie, Deutsch-Wagram, Österreich
    www.tbraab.at

    Eurokit
    www.life-eurokite.eu

    Weitere Partner für die genomische Probenahme:

    Grzegorz Maciorowski (POL), Alfonso Godino (ESP), Julio Blas (ESP), Javier de la Puente (ESP) Max Steinmetz und Lisa Glesener (LUX), Fabienne David FRA)

    Publikationen

    Welti, N. & M. Grüebler (2019):
    Rabenvögel als Gesundheitspolizei.