Ausbreitungsökologie alpiner Steinadler

    Die Schweizerische Vogelwarte Sempach untersucht in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell, wie sich junge, noch nicht verpaarte Steinadler in der von Adlern heute dicht besiedelten Alpenlandschaft bewegen und wie sie es schaffen, zu überleben.

    Ziele

    Der Steinadler hat sich dank Schutzbestimmungen vom einstigen Aderlass durch direkte Verfolgung gut erholt. Fast jedes geeignete Habitat im Schweizer Alpenraum ist heute von einem Revierpaar besetzt. In anderen Arealteilen wie Schottland, dem Apenin oder in Skandinavien sind die Steinadler-Dichten deutlich geringer. Die Revierdichte hierzulande ist überdurchschnittlich hoch und der damit einhergehende hohe Konkurrenzdruck sorgt für eine natürliche Regulation. Typisch für dieses dichteabhängige Populationswachstum sind eine geringe Nachwuchsrate und eine hohe Mortalität aufgrund von territorialen Auseinandersetzungen, die nicht selten tödlich enden.

    Im Kanton Graubünden existiert seit 2002 ein intensives Steinadlermonitoring, in dem Paarbestände, Bruten und Revierentwicklungen detailliert erfasst werden. Über das Ausbreitungsverhalten junger Steinadler gibt es jedoch noch grosse Wissenslücken. Jungadler durchlaufen während ihrer Entwicklung zum Adultstadium mehrere Stadien, in denen sie ihre Lebensweise drastisch ändern. Spätestens zum Zeitpunkt, an dem ein Revierpaar im März mit Brüten beginnt, müssen Jungtiere des Vorjahrs das elterliche Revier endgültig verlassen. Fortan sind sie auf sich allein gestellt und durchstreifen den Alpenraum. Erst ab dem vierten bis sechsten Lebensjahr suchen sie sich einen Partner und versuchen ein eigenes Revier zu besetzen.

    In diesem Projekt soll das Ausbreitungsverhalten der Jungadler nach Auszug aus dem elterlichen Revier bis zur eigenen Revierbildung genauer untersucht werden. Ein Schwerpunkt wird dabei auf das Bewegungsverhalten in Raum und Zeit, die darauf einwirkenden Faktoren und die unterschiedlichen Ausbreitungsphasen gelegt. Damit soll das Ausbreitungsverhalten von Steinadlern und deren Populationsdynamik besser verstanden werden.  

    Im Rahmen der Dissertation von Julia Hatzl sollen unter anderem folgende Fragestellungen untersucht werden:

    1. Wie verändert sich das Bewegungs- und Ernährungsverhalten und das Aktivitätsmuster im Laufe der Entwicklung junger Steinadler?
    2. Wie unterscheidet sich das Verhalten zwischen stationären und mobilen Phasen im immaturen Lebensabschnitt von Steinadlern?
    3. Welche Faktoren unterscheiden temporäre Home-Ranges (Einzeladlergebiete) von Brutpaar-Revieren?
    4. Wie beeinflussen Interaktionen mit etablierten Brutvögeln und unverpaarten Jungvögeln das Raumnutzungsverhalten von jungen Steinadlern?
    5. Wie beeinflusst die Qualität des Heimatreviers die Bewegungsmuster und –dimensionen?

    Vorgehen

    Um diese Fragen zu beantworten, sollen insgesamt 30–35 Jungadler im Kanton Graubünden mit hochauflösenden Datenloggern ausgestattet werden. In angrenzenden Ländern (Deutschland, Italien) werden in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Ornithologie weitere Jungadler mit Datenloggern versehen. Die Logger übertragen GPS-Ortungen und Beschleunigungsdaten, die Aufschluss über die Bewegungsmuster und das Verhalten der Jungadler zulassen. Die Logger sind solarbetrieben und können Daten über die gesamte Lebenszeit der Adler hinweg direkt in eine Datenbank übertragen. Verhaltensänderungen, Ansiedlung und Mortalitätsereignisse können verfolgt und analysiert werden.

    Zusätzlich zu den automatisch erfassten Daten werden die besenderten Vögel intensiv im Feld beobachtet. Diese Verhaltensbeobachtungen dienen der Validierung von Datenmustern und lassen Einblick in den vorherrschenden intraspezifischen Konkurrenzdruck zu.

    Bedeutung

    Durch die Bindung des Steinadlers an alpine Lebensräume kommt der Schweiz in Europa eine besondere Verantwortung für den Schutz und Erhalt der Art zu. Der Steinadler zählt bis heute zu den Arten mit hoher nationaler Priorität, und sein Bestand wird in der Roten Liste der Schweiz als verletzlich eingestuft. Der Steinadler gilt als Indikator für naturnahe alpine Grossräume. Das Verständnis seiner Lebensweise und Populationsdynamik in einer sich wandelnden Alpenlandschaft ist daher über die Art hinaus von Bedeutung. 

    Ergebnisse

    In der zweijährigen Pilotphase wurden in Graubünden insgesamt 11 Steinadler besendert. Bisher kam es zu drei Ausfällen: zwei Individuen verloren den Logger und ein Steinadler ist nach Auszug aus dem elterlichen Revier gestorben. Die restlichen Tiere liefern regelmässig umfangreiche Datensätze über deren Aufenthaltsorte und Beschleunigungsdaten über deren Verhalten. Schon jetzt ergaben sich neue Erkenntisse: Die Jungadler verlassen ihr elterliches Revier zwischen 1,5 und 8 Monaten, nachdem sie ihren Horst verlassen, was früher ist als erwartet. Schon als einjährige Vögel bewohnen Jungadler während der Sommermonate eigene Home ranges, ähnlich der späteren Brutpaar-Territorien. Noch im Bettelflug unternehmen Jungadler bis zu elftägige Exkursionen in Regionen weit weg vom elterlichen Revier, um danach wieder zurückzukehren.

    Projektleitung

    David Jenny
    Begleitgruppe: Martin Grübler, Gilberto Pasinelli, Lukas Jenni

    Partner

    Max-Planck-Institut für Ornithologie, Radolfzell (Kamran Safi, Martin Wikelski)