Publikationen

    

    Strebel, N. (2016)

    Überwinternde Wasservögel in der Schweiz. Ergebnisse der Wasservogelzählungen 2014/2015 und 2015/2016.

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    Schweizerische Vogelwarte Sempach

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    Zusammenfassung

    Im Rahmen der internationalen Wasservogelzählungen werden die Bestände der überwinternden Wasservögel in der Schweiz seit 1967 systematisch erfasst. Daraus resultieren wertvolle Grundlagen zur Beurteilung der Situation der Wasservögel in der Schweiz und in Europa.

    Winter 2014/2015
    In den letzten Jahren wurden die Ergebnisse der Wasservogelzählungen jeweils erst im Folgejahr publiziert. Ab diesem Jahr werden die aktuellen Ergebnisse bereits im selben Jahr veröffentlicht. Ein separater Bericht für die Zählsaison 2014/2015 entfällt daher. Dafür gehen wir im vorliegenden Bericht auch kurz auf die Ergebnisse aus dem Winter 2014/2015 ein. Oktober, November und Dezember 2014 und die erste Hälfte des Januar 2015 waren geprägt von überdurchschnittlich hohen Temperaturen. Mit rund 483‘000 Individuen entsprach der Gesamtbestand im November 2014 ungefähr dem Durchschnitt der letzten 10 Jahre (Durchschnitt 2006–2015 ≈ 477‘000). Der Januarbestand 2015 war mit rund 492‘000 Individuen rund 22‘000 Individuen tiefer als der Durchschnitt der letzten 10 Jahre (2007–2016 ≈ 514‘000).
    Neue November-Höchstwerte erreichten 2014 die Kolbenente (~41‘000 Ind., Durchschnitt 1991–2015 ≈ 20‘000), der Höckerschwan (~7700 Ind., Durchschnitt 1991–2015 ≈ 6200) und die Bekassine (~270 Ind., Durchschnitt 1996–2015 ≈ 150). Januar-Höchstwerte erreichten 2015 folgende Arten: Grosser Brachvogel (~1800 Ind., Durchschnitt 1997–2016 ≈ 910), Teichhuhn (~900 Ind., Durchschnitt 1997–2016 ≈ 720), Moorente (91 Ind., Durchschnitt 1992–2016 ≈ 39), Nilgans (56 Ind., Durchschnitt 1992–2016 ≈ 15) und Zwergschwan (22 Ind., Durchschnitt 1997–2016 ≈ 9). Graugans, Eisvogel und Silberreiher erreichten im Winter 2014/2015 ebenfalls neue Höchstwerte, diese wurden im darauffolgenden Winter aber noch übertroffen.
    Im November 2014 wurden nur 9 Heringsmöwen gezählt, was dem tiefsten Wert der letzten 25 Jahre entspricht (Durchschnitt 1991–2015 ≈ 26). Die tiefsten November-Bestände der letzten 10 Jahre zeigten Stockente (~37‘000 Ind., Durchschnitt 2006–2015 ≈ 45‘000), Schnatterente (~5600 Ind., Durchschnitt 2006–2015 ≈ 11‘000) und Krickente (~2300 Ind., Durchschnitt 2006–2015 ≈ 7000). Im Januar 2015 wurden die tiefsten Bestände der letzten 25 Jahre bei der Stockente (~45000 Ind., Durchschnitt 1992–2016 ≈ 51‘000) und der Krickente (~3500 Ind., Durchschnitt 1992–2016 ≈ 6100) gefunden.

    Winter 2015/2016
    Die Schweiz erlebte einen sehr trockenen Herbst 2015, was zu aussergewöhnlich tiefen Wasserständen im November führte. November, Dezember und auch die erste Hälfte des Januars 2016 waren sehr mild.
    Im Winter 2015/2016 war der Gesamtbestand der Wasservögel in der Schweiz inklusive der ausländi-schen Teile von Genfersee und Bodensee eher tief. Im November 2015 wurden rund 464‘000 Individuen gezählt, was über die letzten 10 Jahre betrachtet unterdurchschnittlich ist (Durchschnitt 2006–2015 ≈ 477‘000). Im Januar 2016 wurde mit rund 483‘000 Individuen der zweittiefste Wert der letzten 25 Jahre erreicht (Durchschnitt 1992–2016 ≈ 546‘000). Die tiefen Werte entsprechen dem seit Jahren beobachteten Trend. Eisfreie Gewässer weiter nördlich/östlich erlauben es den nordischen Wintergästen, näher bei ihren Brutgebieten zu überwintern (Lehikoinen et al. 2013). Zahlenmässig am bedeutendsten ist die Abnahme der Reiherente. Die Art wies im November den dritt- (~86‘000 Ind.) und im Januar den zweittiefsten Bestand (~105‘000 Ind.) der letzten 25 Jahre auf. In den 1990er-Jahren wurden bei den Novemberzählungen noch bis zu 160‘000 Reiherenten gefunden, im Januar bis zu 200‘000. Eine drastische Abnahme zeigt auch die Schellente: zwischen 1980 und 2000 zählte man von dieser Art regelmässig über 10‘000 Individuen, im Januar 2016 noch rund 4100 Individuen. Einen für die letzten 25 Jahre rekordtiefen Bestand wies diesen Januar auch das Blässhuhn auf, von dieser Art waren rund 82‘000 Individuen anwesend (Durchschnitt 1992–2016 ≈ 105‘000). Mit 1600 Individuen im Januar zeigte auch die Sturmmöwe einen neuen Tiefstwert für die letzten 25 Jahre (Durchschnitt 1992–2016 ≈ 5400). Die tiefsten Januarbestände der letzten zehn Jahre hatten 2016 die Stockente (~46‘000 Ind. vs Durchschnitt 2007–2016 ≈ 51‘000) und der Mittelsäger (49 Ind. vs Durchschnitt 2007–2016 = 74). Dem gegenüber gibt es auch Arten, welche deutlich zulegten. Kontinuierliche Zunahmen verzeichnen der Graureiher (~2000 Ind. im Januar 2016, Durchschnitt 2007–2016 ≈ 1500) und der Silberreiher (410 Ind. im Januar 2016, Durchschnitt 2007–2016 ≈ 250). Grau- Rost- und Nilgans haben ebenfalls deutliche zugenommen. Die Bestände dieser Arten stammen hauptsächlich (Graugans) oder gar ausschliesslich (Rost- und Nilgans) von ausgesetzten Individuen oder Gefangen-schaftsflüchtlingen ab. Von der Graugans waren im Januar 2016 rund 1700 Individuen anwesend, in den 1990er-Jahren bewegten sich die Zahlen noch im Bereich von 200 bis 300 Individuen. Die Rostgans war in den frühen 1990er-Jahren in der Schweiz noch äusserst selten, im Januar 2016 wurden über 1200 Individuen dieser Art gezählt. Ebenso zeigte die Nilgans eine Zunahme von praktisch 0 Individuen in den 1990er-Jahren auf mittlerweile über 50 Individuen. Januar-Rekorde für die letzten 25 Jahre verzeichneten im Winter 2015/2016 auch die Kolbenente (35‘000 Ind. vs Durchschnitt 1992–2016 ≈ 20‘000) und die Schnatterente (fast 13‘000 Ind. vs Durchschnitt 1992–2016 ≈ 8300). Als zahlreicher Wintergast etabliert hat sich der Schwarzhalstaucher: Mit regelmässig um die 5000 Individuen im Januar hat sich der Winterbestand dieser Art in den letzten 25 Jahren verdoppelt. Der Eisvogel konnte die bereits im Winter 2014/2015 erreichten Höchstwerte in diesem Winter noch übertreffen: die rund 610 Individuen im November respektive 370 Individuen im Januar sind neuer Rekord seit Zählbeginn im Winter 1996/1997. Hauptgrund dafür ist wohl der äusserst milde Winter, zudem nahm in den letzten Jahren auch der Brutbestand deutlich zu.
    Wie üblich konzentrierten sich viele Wasservögel auf dem Boden- und dem Neuenburgersee, wo sich während den Zählungen rund 60 % aller Individuen aufhielten.