Genetik und Aufzuchtbedingungen bei Rebhuhn-Wiederansiedlungen

    Welche Rolle spielen Herkunft und Aufzuchtsbedingungen für die Fitness in freier Wildbahn? Diese Fragen wurden im Rahmen eines Wiederansiedlungsprojekts beim Rebhuhn untersucht.

    Ziele

    Tiere passen sich permanent ihrer Umwelt an. Ihre körperliche Verfassung und ihr Verhalten, in der Biologie Phänotyp genannt, wird durch das Zusammenspiel der Gene und der Umweltbedingungen gesteuert. Bereits die Umweltbedingungen vor der Geburt, z.B. Nahrungsknappheit während der Brutzeit, können die Entwicklung der Nachkommen nachhaltig beeinflussen. Solche pränatalen Effekte könnten den ungeborenen Vogel darauf vorbereiten, was ihn nach dem Schlupf erwartet. Je nach Umwelt, der ein Jungvogel im Ei oder kurz nach dem Schlupf ausgesetzt ist, könnte er besser oder schlechter für seine spätere Umwelt gerüstet sein. Das Hauptziel der Untersuchung war es, die Herkunft und Aufzuchtsbedingungen von Rebhühnern so zu wählen, dass sie optimal auf das Überleben in freier Wildbahn vorbereitet waren.

    Vorgehen

    Im Rahmen einer Dissertation wurden Rebhühner in Gefangenschaft gross gezogen und später in der Champagne genevoise im Kanton Genf freigesetzt. Es wurde untersucht, wie sich die Nahrungsverfügbarkeit vor und nach dem Schlupf auf die körperliche Entwicklung, das Verhalten und das Überleben der Rebhühner auswirkte. Die Rebhühner stammten aus zwei Zuchtlinien. Die Hühner der sogenannten domestizierten Zuchtlinie wurden bereits über dreissig Generationen in menschlicher Obhut gehalten. Sie hatten sich somit an das Leben in der Voliere angepasst. Die Hühner der sogenannten wilden Zuchtlinie lebten erst seit drei Generationen in Gefangenschaft und waren also näher bei wildlebenden Populationen. Unterschiedliche Umweltbedingungen wurden anhand eines Fütterungsexperiments simuliert. Während der Eiablage und der ersten vier Lebenswochen hatten Elternpaare der zwei Zuchtlinien respektive deren Nachkommen entweder freien Zugang zu Futter (vorhersehbare Fütterung), oder der Zugang wurde täglich während drei bis vier Stunden zu unterschiedlichen Zeiten verwehrt (unvorhersehbare Fütterung). Dieses Fütterungsexperiment simulierte Umweltbedingungen, wie sie auch in freier Wildbahn auftreten können und die die Entwicklung und später das Überleben der Hühner beeinflussen könnten. Während des Aufwachsens wurden die Hühner dieser experimentellen Gruppen untersucht. Nach der Freilassung wurden Morphologie, Physiologie, Verhalten und Überleben zwischen den Gruppen verglichen.

    Ergebnisse

    Im Vergleich zur domestizierten Zuchtlinie zeigten Vögel der wilden Zuchtlinie stärkere Immunantworten, eine ausgeprägtere hormonelle Stressantwort und höhere Resistenz gegen oxidativen Stress (d.h. eine erhöhte Fähigkeit, freie Sauerstoff-Radikale im Körper abzubauen). Die Vögel der wilden Zuchtlinie schienen physiologisch also gut für ein Überleben in freier Wildbahn gerüstet zu sein. Es gab Hinweise darauf, dass die unvorhersehbare Fütterung der Altvögel während der Eiablage die hormonelle Stressantwort der Küken nach dem Schlüpfen verstärkt. Unvorhersehbare Bedingungen vor der Geburt könnten also die Fähigkeit verbessern, adäquat auf Störungen in der Umwelt zu reagieren. Unvorhersehbare Fütterung der Küken nach dem Schlüpfen verstärkte die Immunantwort und erhöhte die Überlebenswahrscheinlichkeit in freier Wildbahn. Bewältigbare Herausforderungen während des Heranwachsens könnten demnach wichtig sein, um später in freier Wildbahn erfolgreich zu sein. Hühner, die sich in Verhaltenstests schnell in für sie unbekannte Gebiete vorwagten, die also wenig scheue Verhaltensweisen zeigten, hatten zudem höhere Überlebenschancen als passive und scheue Hühner. Eine wenig scheue Persönlichkeit könnte demnach bei der Erkundung und Kolonisierung neuer Lebensräume hilfreich sein.

    Rebhühner sind soziale Vögel, die einen grossen Teil des Jahres in sogenannten Ketten verbringen. Die Rebhuhnketten unterschieden sich auf allen Ebenen, von der Physiologie über das Verhalten bis zum Überleben. Intakte, stabile Rebhuhnketten sind für das Überleben des einzelnen Huhns und somit für den Erfolg einer Wiederansiedlung sehr wichtig.

    Die Ergebnisse zeigen, dass schon kleine Veränderungen in den Umweltbedingungen vor und nach dem Schlüpfen die Entwicklung und das Überleben eines Vogels beeinflussen können. Einfache Massnahmen, wie unvorhersehbare Fütterung in Gefangenschaft, können die Überlebenswahrscheinlichkeit in freier Wildbahn erhöhen und somit zum Erfolg von Wiederansiedlungen beitragen.

    Projektleitung

    Lukas Jenni, Susi Jenni-Eiermann

    Partner

    Alexandre Roulin, Universität Lausanne

    Donatoren

    Schweizerischer Nationalfonds

    Publikationen

    Jenni, L., N. Keller, B. Almasi, J. Duplain, B. Homberger, M. Lanz, F. Korner-Nievergelt, M. Schaub & S. Jenni-Eiermann (2015):
    Transport and release procedures in reintroduction programs: stress and survival in grey partridges.