Wenn Vögel und Menschen reisen

    Zugvögel kommen auf ihrer ersten Wanderung mit jeder Zugetappe in eine ihnen völlig fremde Gegend und müssen sich darin zurechtfinden. Bei vielen Arten zieht jeder Vogel auf sich allein gestellt nach Süden.

    Wie würden wir vorgehen, wenn wir eine weite, monatelange Reise unternähmen? Die folgende Gegenüberstellung soll helfen, die Probleme, die ein Zugvogel auf seiner Reise zu bewältigen hat, besser zu verstehen.

    Wohin soll die Reise gehen?

    Wir sind frei, uns ein Ziel in jeder beliebigen Richtung und Distanz zu wählen. Mit Hilfe von Photos und Beschreibungen in Reiseführern und nach Angaben von Bekannten können wir uns ein genaues Bild von dem machen, was uns auf der Reise erwartet. Auch die geeignete Jahreszeit können wir uns aussuchen.

    Den Zugvögeln ist angeboren, wann sie aufbrechen und wie weit sie in welcher Richtung wandern müssen, um in ihr artspezifisches Winterquartier zu kommen. Sie «wissen» also, wohin die Reise geht, doch können sie sich als Jungvogel kein genaueres Bild von der Reisestrecke und dem Winterquartier machen.

    Welche Route soll man wählen?

    Um an unser Ziel zu gelangen, benutzen wir Landkarten, Fahrpläne, Wegweiser oder Kompass. In vielen Fällen vertrauen wir uns ortskundigen Leuten an, z.B. wenn wir Bahn, Schiff oder Flugzeug benutzen.

    Zugvögel besitzen eine angeborene Zugrichtung, die sie mit Hilfe von Sternen, Sonne und Erdmagnetfeld einhalten. Nur bei wenigen Arten folgen die Jungen ihren Eltern oder erfahrenen Artgenossen.

    Wieviel Gepäck ist mitzunehmen?

    Für die meisten Reisen nehmen wir lediglich einige Kleider und Geld mit. Die Unterkunft können wir vorbestellen, Lebensmittel kaufen wir unterwegs, oder wir essen im Restaurant. Nur wenn wir menschenleere Gebiete aufsuchen, nehmen wir Proviant und Zelt mit.

    Das einzige Gepäck der Zugvögel sind Energiereserven, vor allem Fett (gelbe Masse ober-und unterhalb des roten Brustmuskels). Zugvögel «wissen» angeborenermassen, welche Menge Fett für die Überquerung ungünstiger Gebiete nötig ist.

    Wo soll man rasten?

    Uns steht eine Vielzahl von Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten offen, die speziell für Reisende eingerichtet wurden: Hotels, Restaurants, Jugendherbergen und Campingplätze, oder wir schlafen im eigenen Auto. Auch während der Reise im Zug oder Flugzeug ist für das leibliche Wohl gesorgt.

    Der ziehende Vogel braucht ganz bestimmte Lebensräume, in denen er rasten und seine Fettreserven auftanken kann. Für manche Arten liegen diese Rastgebiete wie weit verstreute kleine Inseln inmitten eines Meeres von ungeeigneten, ja lebensfeindlichen Flächen.

    Unvorhergesehenes!

    Die meisten unvorhergesehenen Schwierigkeiten können wir allein meistern. Verpassen wir einen Zug oder Bus, so können wir im Fahrplan nachsehen, wann der nächste fährt. Schlechtes Wetter kann uns zwar die Laune verderben, sonst aber wenig anhaben. Auto- und Eisenbahnreisen sind trotzdem möglich, und auf eine geplante Wanderung können wir schlimmstenfalls verzichten, ohne dadurch ein Risiko einzugehen.

    Zugvögel sind sehr stark dem Wetter ausgesetzt. Während des Fluges können sie durch Wind verdriftet werden. Trotzdem finden sie meist ihr Winterquartier, da sie günstige Windverhältnisse wählen, Schlechtes Wetter kann auch die Nahrungsaufnahme und damit den Aufbau von Fettreserven erschweren. Sind allerdings Rastgebiete verschwunden, muss der Vogel weiterfliegen. Ob ihm wohl die Fettreserven dazu noch reichen?

    Gefahr!

    Werden wir überfallen und ausgeraubt, so hilft und die Reiseversicherung, die Botschaft oder das Konsulat. Bei Unfällen ist in den meisten Ländern sehr rasch ein Notarzt zur Stelle. Zudem können wir es uns leisten, in die Schweiz zurückgeflogen zu werden - wir sind ja Gönner der Rettungsflugwacht oder gut versichert.

    Der Zugvogel muss mit geschicktem Verhalten alle Gefahren selbst meistern. Fettreserven sind seine einzige Versicherung. Mit ihnen kann er eine gewisse Zeit überleben, z.B. wenn er durch Sturm in ungünstige Gebiete verfrachtet wird. Werden aber Vögel gejagt oder gefangen, so können sie diese Gefahren oft gar nicht erkennen.

    Besetzt!

    Kommen wir zur Hochsaison in bekannte Touristenorte, so ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die Hotels ausgebucht, die Campingplätze belegt und die besten Restaurants besetzt sind. Solchen Situationen können wir vorbeugen, indem wir vorbestellen oder uns an Ort und Stelle beim Verkehrsverein nach freien Plätzen erkundigen.

    Auch bei Zugvögeln gibt es in Rastgebieten und in Winterquartieren Hochsaison. Für Vögel gibt es aber keinen Verkehrsverein, der den Grossanlass des Vogelzugs regelt und freie Plätze zuweist. Unterschiedliche Zugzeiten und artspezifische Ansprüche an Lebensraum und Nahrung vermindern aber die zwischenartliche Konkurrenz.

    Wo finden wir Hilfe?

    Wenn wir auf einer Reise Hilfe brauchen, so wenden wir uns z.B. an Verkehrsvereine, oder wir fragen jemanden auf der Strasse. Wenn wir die Landessprache nicht sprechen, so ist doch meistens eine Verständigung mit Handzeichen möglich. Auch andere Touristen helfen uns mit Tipps.

    Ein Zugvogel, der nicht erfolgreich ist, geht zugrunde. Dadurch wird über Jahrhunderte die beste Zugstrategie herausselektioniert und über Generationen vererbt. Nur wenige Arten ziehen im Familienverband oder in Gruppen, so dass Jungvögel von den Erfahrungen der Altvögel lernen können.

    Impressum

    © Schweizerische Vogelwarte Sempach
    Das Kopieren mit Quellenangabe ist erwünscht.