Angeboren oder erlernt?

    Gimpel singen sehr unauffällig. Ihr Gesang besteht aus locker gereihten, häufig für menschliche Ohren unrein klingenden Elementen. Der Gimpel wurde auch schon als der «unmusikalischste Vogel» bezeichnet, allerdings zu Unrecht, wie wir gleich sehen werden. Junge Gimpelmännchen lernen ihren Gesang vom Vater. Lässt man junge Gimpel von artfremden Vogeleltern aufziehen, lernen sie deren Gesang. Im 18. Jahrhundert war es vielerorts üblich, junge Singvögel durch Vorspielen von Melodien dazu zu bringen, diese nachzupfeifen. Gimpel galten dabei als besonders gelehrige Schüler. Unter dem Namen «The Bird Fancyer’s Delight» erschien 1717 in England eine Sammlung von Melodien, zusammengestellt von Richard Meares. Diese sollten sich besonders gut eignen, um jungen Singvögeln beigebracht zu werden. Von den 43 Melodien waren 11 für den Gimpel bestimmt.

    Zum Vorspielen des «Lernstoffes» wurden oft Blockflöten verwendet. Tonbandgeräte oder andere elektronische Hilfsmittel gab es ja noch nicht. Vom Einsatz in der Vogeldressur leitet sich auch die englische Bezeichnung der Blockflöte ab: Sie heisst Recorder, ein Name, der auf Umwegen auf das lateinische Wort «recordari» für «sich einprägen» zurückgeht. Müssen alle jungen Singvögel ihren Gesang lernen, oder ist er ihnen je nach Art auch angeboren? Diese Frage haben Forscher mit Jungvögeln geklärt, die sie isoliert von Artgenossen aufgezogen haben. Solche Vögel nennt man «Kaspar-Hauser-Vögel», nach einem jungen Mann, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts offenbar ohne Kontakt zu Mitmenschen aufwuchs. Es zeigt sich, dass der Anteil des angeborenen Gesangs je nach Art sehr unterschiedlich ist. Isoliert aufgezogene Dorngrasmücken singen fast so gut wie ihre freilebenden Artgenossen. Buchfinken lernen unter diesen Umständen zwar einen Gesang, der sich anhand von Strophendauer und Struktur als buchfinkenähnlich bezeichnen lässt, aber Tonhöhe, Endschnörkel und verschiedene Feinheiten unterscheiden sich klar vom arteigenen Gesang. Ähnlich ist es bei der Amsel. Dagegen bleiben Neuntöter im «Kaspar- Hauser-Versuch» bei ihrem einfachen Jugendgesang, ohne den Reviergesang zu entwickeln.

    Für einige Singvögel gilt das Sprichwort «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr ». Bei diesen Arten ist die Lernfähigkeit an bestimmte sensible Phasen gebunden. Junge Amseln beginnen zu lernen, wenn sie etwa 30 Tage alt sind. Zebrafinken sind nur ungefähr zwischen dem 25. und dem 60. Lebenstag lernfähig – jedenfalls was den Gesang betrifft. Doch nicht alle Singvögel haben so kurze sensible Phasen. Bei Buchfinken hält die Lernfähigkeit bis zu einem Alter von etwa 13 Monaten an. Relativ weit verbreitet scheint auch das Lernen nach der Ankunft im künftigen Brutgebiet im nächsten Frühling zu sein. Kanarienvögel, Stare und Trauerschnäpper können noch weit über das erste Lebensjahr hinaus dazulernen.

    Überraschend schwierig zu beantworten ist die Frage, von wem gelernt wird. Nur wenige Arten wurden diesbezüglich gut untersucht. Darwinfinken und Gimpel lernen den Gesang vom Vater, Indigofinken lernen ihn von benachbarten territorialen Männchen. Aber nicht bei allen Arten singen die Männchen noch, wenn die Jungen ausfl iegen. Bei einigen Arten können die Jungen den Gesang während des Zugs und im Winterquartier von anderen Arten lernen. Das bekannteste Beispiel dafür ist der Sumpfrohrsänger, von dem später noch die Rede ist (Seite 19). Wie oft muss ein Vogel eine Melodie hören, um sie nachpfeifen zu können? Junge Amseln schaffen das in Einzelfällen nach bloss 12-maligem Vorspielen, aber meist sind viel mehr Wiederholungen nötig. Ausser bei den Singvögeln ist das Lernen von Lautäusserungen nur noch bei wenigen Arten nachgewiesen. Besonders ausgeprägt ist es bei einigen Papageien und Kolibris.