Der «Vogel der Weisheit» sucht Lebensraum

    Neue Einsichten in die Lebensraumnutzung und das Ansiedlungsverhalten sollen dem bedrohten Steinkauz den Weg zur Wiederausbreitung in der Schweiz ebnen. Mit einem Experiment im Berner und Freiburger Seeland werden neue Fördermöglichkeiten erprobt.

    Dank der Telemetrie kennen wir die Raum- und Habitatansprüche der Steinkäuze besser als je zuvor. Die laufende erfolgreiche Förderung der kleinen Eule durch BirdLife Schweiz, weitere Partner und die Vogelwarte Sempach wird davon weiter profitieren
    Dank der Telemetrie kennen wir die Raum- und Habitatansprüche der Steinkäuze besser als je zuvor. Die laufende erfolgreiche Förderung der kleinen Eule durch BirdLife Schweiz, weitere Partner und die Vogelwarte Sempach wird davon weiter profitieren
    Foto © Archiv Vogelwarte
    Gemütliches Heim mit «Kachelofen». Thermografie-Aufnahmen von Stämmen in einem Obstgarten und eines Holzstapels. Rote Farbtöne kennzeichnen verhältnismässig hohe Temperaturen. In Baumhöhlen oder im Inneren einer Holzbeige ist es oft etliche Grad wärmer als im Freien. Deshalb sind Höhlen auch im Winter wichtig
    Gemütliches Heim mit «Kachelofen». Thermografie-Aufnahmen von Stämmen in einem Obstgarten und eines Holzstapels. Rote Farbtöne kennzeichnen verhältnismässig hohe Temperaturen. In Baumhöhlen oder im Inneren einer Holzbeige ist es oft etliche Grad wärmer als im Freien. Deshalb sind Höhlen auch im Winter wichtig
    Foto © Archiv Vogelwarte
    Nathalie Burgener hat einen Nistkasten für Steinkäuze in einem Apfelbaum montiert. Ob er Besuch erhält, wird mittels eines Spurenpapiers im Innern und zeitweise mit einer automatischen Kamera überwacht
    Nathalie Burgener hat einen Nistkasten für Steinkäuze in einem Apfelbaum montiert. Ob er Besuch erhält, wird mittels eines Spurenpapiers im Innern und zeitweise mit einer automatischen Kamera überwacht
    Foto © Archiv Vogelwarte
    Entwicklung der Bestände des Steinkauzes in den Kantonen Genf (GE), Jura (JU) und Tessin (TI) und im Landkreis Ludwigsburg, Württemberg (LB).
    Entwicklung der Bestände des Steinkauzes in den Kantonen Genf (GE), Jura (JU) und Tessin (TI) und im Landkreis Ludwigsburg, Württemberg (LB).
    Foto © Daten von C. Meisser (GE), A. Brahier (JU), R. Lardelli (TI) und H. Keil (LB).

    Nach einem bedrohlichen Tiefpunkt nehmen die Bestände des Steinkauzes in Mitteleuropa seit 1990 wieder zu, nachdem an vielen Orten Förderprogramme gestartet wurden. In der Schweiz kommt der Steinkauz nur noch in vier kleinen Beständen vor, die stark von Zuwanderung aus dem grenznahen Ausland abhängig sind. Auch in der Schweiz hat die Zahl von Brutpaaren wieder zugenommen, doch weniger stark als etwa in Süddeutschland. Insbesondere kommt auch die räumliche Wiederausbreitung nur langsam voran. Das ruft nach verstärkten Anstrengungen. Der soeben erschienene Aktionsplan gibt dazu Informationen und Grundsätze.

    In einem Forschungsprojekt hat die Vogelwarte wichtige Fragen geklärt, die nebst Grundlagenkenntnissen auch neue Möglichkeiten für Fördermassnahmen eröffnen. Deren Wirksamkeit wird nun in einem Versuch unverzüglich geprüft. Sie sollen die bewährten Fördermassnahmen ergänzen.

    Forschung in Süddeutschland

    Das Forschungsprojekt in Württemberg wurde vom Schweizerischen Nationalfonds und privaten Stiftungen namhaft unterstützt. Hauptziel war, das Wander- und Ansiedlungsverhalten junger Steinkäuze zu erforschen. Die zurückgelegten Wege, die Zwischenstationen und allenfalls die Todesursachen wurden ermittelt, indem rund 400 Jung- und Altvögel in der Region Ludwigsburg mit Sendern grosser Reichweite ausgerüstet wurden.

    Der Steinkauz gilt als sehr ortstreue Art mit erstaunlich kleinen individuellen Wohngebieten. Deshalb waren auch langjährige Kenner sehr überrascht zu sehen, wie weiträumig sich die Jungvögel bewegten, wenn sie die elterlichen Reviere verlassen hatten. Während die Brutreviere ihrer Eltern oft nur wenige Hektar gross sind, bewegen sich die Jungvögel in der Zeit des Dispersals im Umkreis von 20 km und mehr um ihren Geburtsort. Das lehrt uns, dass gerade für die Zeit der Abwanderung Fördermassnahmen auf grossen Flächen nötig sind. In dieser Lebensphase brauchen Steinkäuze auf grossem Raum Plätze für Zwischenhalte, die gute Lebensbedingungen bieten.

    Folgerungen für die Praxis

    Patrick Scherler klärte in seiner Masterarbeit die Frage, ob die Schweiz noch genügend geeigneten Lebensraum bietet. Dies trifft tatsächlich zu, auch sind die geeigneten Gebiete noch mit den Beständen in Grenznähe verbunden. Allerdings wiesen die potenziell geeigneten Flächen grosse Mängel an Höhlen und anderen Kleinstrukturen auf, die für Steinkäuze unentbehrlich sind.

    Weiter zeigte sich, dass es keineswegs riesige Obstgartenflächen braucht, um Steinkäuzen die Ansiedlung und Brut zu ermöglichen. Die Brutpaare in Württemberg lebten oft inmitten intensiv genutzter Landwirtschaftsflächen. Entscheidend scheint aber, dass viele attraktive «Inselchen» auf grossen Flächen verfügbar sind. Dies wird den weitläufigen Wanderungen gerecht, welche die jungen Käuze an den Ort ihrer ersten Brut führen.

    Schliesslich muss in potenziellen Lebensräumen das Angebot an Höhlen erhöht werden, um wandernden Käuzen Schutz vor der Witterung und Deckung vor Räubern zu bieten. Die Schutzfunktion von Höhlen ist besonders im Winter sehr wichtig. Fehlende Baumhöhlen können leicht durch künstliche Nisthilfen ersetzt werden. Bei einem grossen Angebot können verpaarte Tiere so auch die Höhle wählen, die ihnen am meisten zusagt.

    Ein Experiment im Freiburger und Berner Seeland

    Im Seeland waren seit etwa 1980 etliche Niströhren, durch Paul Leupp und Paul Mosimann-Kampe montiert worden. Überraschend hat sich 2005 im Seeland ein Brutpaar angesiedelt. Das Weibchen stammte aus der Genfer Population und hat somit rund 150 km zurückgelegt. Seither brüten 1–2 Brutpaare im Seeland. Dieser Kleinstbestand darf nicht wieder verschwinden, ohne dass das Möglichste für dessen Erhaltung getan wurde. Ergänzend zu laufenden Habitatverbesserungen durch unseren Partner Bird- Life Schweiz und dessen Sektionen, die IBA-Gruppe Grosses Moos, die Berner Ala und weitere Gruppen und Einzelpersonen haben wir seit 2015 die weite Umgebung der Brutorte im Umkreis von 20 km mit künstlichen Bruthöhlen ausgerüstet. Diese bieten zugleich Unterschlupf und Ansiedlungsmöglichkeiten. Zweihundert massive Nistkästen – alle gegen Marder geschützt – haben wir seither montiert. Zusammen mit Baumgruppen, nicht bewirtschafteten Ackerrändern, Böschungen und Kanalufern bilden sie ein Mosaik von Lebensrauminseln mit günstigen Bedingungen. Diese grosse Arbeit konnte dank tatkräftiger Unterstützung der genannten Partner geleistet werden. Ihnen allen danken wir sehr herzlich.

    Aktionsplan Steinkauz Schweiz
    Ende 2016 haben das Bundesamt für Umwelt, die Schweizerische Vogelwarte Sempach und BirdLife Schweiz den Aktionsplan Steinkauz Schweiz veröffentlicht. Dieser beschreibt die Strategien und Massnahmen zur Förderung dieser gefährdeten Eule im Schweizer Kulturland. Es geht darum, die kleinen, noch existierenden Bestände zu stärken und die Wiederbesiedlung früher besiedelter Regionen zu ermöglichen, die untereinander vernetzt sein sollten. Der Aktionsplan gibt einen Überblick über die aktuelle Situation des Steinkauzes in der Schweiz sowie über die bisherigen und laufenden Schutzbestrebungen. Er legt auch die Grundsätze der Organisation und der Finanzierung der Aktivitäten fest.

    Meisser C., A. Brahier, R. Lardelli, H. Schudel & M. Kestenholz (2016): Aktionsplan Steinkauz Schweiz. Artenförderung Vögel Schweiz. Bundesamt für Umwelt OFEV, Schweizerische Vogelwarte, Schweizer Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz; Bern. Umwelt-Vollzug Nr. 1638: 67 S.

    Download unter http://www.artenfoerderung-voegel.ch/steinkauz.html

    Ein erster Erfolg?

    Dank der intensiven Überwachung der Nistkästen und der Aufmerksamkeit der Bevölkerung, die das Projekt begeistert unterstützt, konnten bereits im Winter 2015 mehrere Sichtbeobachtungen an den neuen Höhlen gemacht werden. Im Mai 2016 folgte dann die grosse Überraschung: Ein drittes Brutpaar hatte sich in einer der zahlreichen Feldscheunen eingenistet. Leider hatten die Vögel aber einen alten Kasten gewählt, nicht den komfortablen neuen in der Nähe, und so wurde das Gelege schliesslich vom Marder gefressen. Die beiden Altvögel haben höchstwahrscheinlich überlebt. Im Lauf des Sommers nahmen auch die Zeichen von Besuchen an den Kästen zu: Gewölle wurden unterhalb und im Innenraum von Kästen gefunden. Vermehrt zeigten die Spurenpapiere in den Kästen die unverwechselbaren Abdrücke der Fussballen, und einmal wurde ein Steinkauz bei seiner Ruhe im Kasten überrascht.

    Das neue Angebot wird also genutzt. Ein Tier des neuen Brutpaars ist unberingt, kommt also nicht aus dem lokalen Bestand. Das zeigt, dass auch gelegentliche Durchwanderer vom grossen Nistkastenangebot profitieren. Wir bleiben deshalb zuversichtlich, dass das Experiment erfolgreich sein wird. Auch in mehreren deutschen Gebieten hat bereits das weiträumige Anbringen einer grossen Zahl von Nistkästen zu Bestandszunahmen geführt. Überall, wo Ansiedlungen stattfinden, können anschliessend Habitataufwertungen folgen.