April 2018
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    Förderung des Gartenrotschwanzes im Grenzgebiet des Oberthurgaus und des Kantons St. Gallen

    In den grossen Hochstamm-Obstgärten der Gemeinden Egnach, Amriswil, Zihlschlacht-Sitterdorf (TG) und Muolen (SG) brütet noch ein Restbestand des Gartenrotschwanzes. Damit bildet diese Region ein Rückzugsgebiet für diese nördlich der Alpen selten gewordene Art. Ein zusammen mit den örtlichen Landwirten lanciertes Schutzprojekt soll die verbliebenen Vorkommen sichern und mit den noch grossflächig vorhandenen Hochstamm- Obstgärten der Umgebung vernetzen.


    Foto © Ralph Martin
    Gartenrotschwanz-Reviere im Projektgebiet Oberthurgau-St. Gallen
    Gartenrotschwanz-Reviere im Projektgebiet Oberthurgau-St. Gallen
    Foto © swisstopo DV 351.5
    Im Oberthurgau und in den angrenzenden St. Galler Gemeinden gibt es noch einige alte Obstgärten
    Im Oberthurgau und in den angrenzenden St. Galler Gemeinden gibt es noch einige alte Obstgärten
    Foto © Mathis Mülller
    In der Nordostschweiz lebt der Gartenrotschwanz vor allem in grossflächigen, alten und reich strukturierten Obstgärten
    In der Nordostschweiz lebt der Gartenrotschwanz vor allem in grossflächigen, alten und reich strukturierten Obstgärten
    Foto © Mathis Müller

    Bedürfnisse, Bestandsentwicklung und Probleme

    Der farbenprächtige Gartenrotschwanz besiedelt strukturreiche Kulturlandschaften, Siedlungen mit angrenzenden Gärten und lichte Wälder mit viel Totholz. Er steht in der Schweiz als potenziell gefährdete Art auf der Roten Liste. Als eine der 50 Prioritätsarten für Artenförderungsprogramme ist er auf spezielle Fördermassnahmen angewiesen.

    Der Brutbestand des Gartenrotschwanzes hat in der Schweiz schon in den Siebzigerjahren stark abgenommen, als Folge katastrophaler Dürren in der Sahelzone, dem afrikanischen Winterquartier dieses Langstreckenziehers. Diese Tendenz setzte sich in den Neunzigerjahren kontinuierlich fort. Seit der Jahrtausendwende legen die Bestände erfreulicherweise wieder zu. Dieser neue Trend kommt allerdings durch eine deutliche Zunahme im Alpenraum und in der Südschweiz zustande. Die bereits stark ausgedünnten Bestände auf der Alpennordseite gehen dagegen weiter zurück, insbesondere in der Nordostschweiz. Die unterschiedliche Entwicklung der alpinen und nordschweizerischen Population zeigt offensichtlich, dass die aktuellen Probleme nicht entlang der Zugwege und im Überwinterungsgebiet gesucht werden müssen, sondern hausgemacht sind. Was sind die Gründe für den steten Rückzug im Flachland? Ist der allgemeine Insektenschwund schuld, dass der Gartenrotschwanz hier immer mehr Terrain aufgeben muss? Oder liegt es daran, dass der Gartenrotschwanz die Insekten in der intensiv gedüngten und deshalb dichter aufwachsenden Vegetation unter den Obstbäumen nicht mehr in ausreichender Menge erbeuten kann? Oder an zu wenig Nistmöglichkeiten für den Nischenbrüter?

    Das Projekt

    In den Oberthurgauer Gemeinden Zihlschlacht-Sitterdorf, Egnach, Amriswil, und der angrenzenden St. Galler Gemeinde Muolen brüten auf einer Fläche von rund 25 km2 zwischen 20 und 30 Gartenrotschwanz-Paare. Strukturreiche und grossflächige Hochstamm- Obstgärten sind hier noch verbreitet anzutreffen, denn der Most- und Tafelobstbau ist in dieser Region nach wie vor ein bedeutender landwirtschaftlicher Wirtschaftszweig. In einem gemeinsamen Projekt der Kantone Thurgau und St. Gallen, der Gemeinde Muolen, der Landwirte und der Schweizerischen Vogelwarte möchten wir diesen Restbestand mit Massnahmen erhalten und stärken, die an die örtlichen Gegebenheiten angepasst sind. Mehr als 15 Landwirte haben sich bereit erklärt, ihre Hochstamm- Obstgärten für den Gartenrotschwanz aufzuwerten. Dazu gehört das Schaffen von mehr Strukturen gemäss Biodiversitätsförderung Qualitätsstufe II von Hochstamm-Feldobstbäumen, von Sitzwarten in weniger strukturierten Lebensräumen und von offenen Bodenstellen sowie die gestaffelte, streifenförmige Mahd des Unterbodens der Hochstammbäume, um den Jagderfolg des Gartenrotschwanzes zu erhöhen. Die Insektenvielfalt soll mit der Einsaat von Blumenwiesen in unmittelbarer Nähe der Hochstammzone gefördert werden. Weiter möchten wir in den Hochstamm- Obstgärten gezielt sogenannte Biotopbäume erhalten, wie die hier noch gelegentlich anzutreffenden sehr hohen Birnbäume, welche bis zu 250 Jahre alt sind. Auch die Erhöhung des Nistplatzangebots ist ein wichtiges Thema: Eine Schulklasse in Muolen hat im April 2017 60 eigens für den Gartenrotschwanz konzipierte Nistkästen gezimmert. Diese Kästen werden von anderen höhlenbrütenden Kleinvögeln gemieden. Dadurch erhöht sich für den spät aus dem Winterquartier zurückkehrenden Gartenrotschwanz das Nistplatzangebot. Schon letztes Jahr hat er vier dieser Kästen besiedelt.

     

    Die Akteure des Projekts:
    Landwirte
    Schweizerische Vogelwarte Sempach
    Kanton Thurgau:

    • Amt für Raumentwicklung, Abteilung Natur und Landschaft
    • Kantonale Jagd- und Fischereiverwaltung Kanton St. Gallen:
    • Amt für Landwirtschaft
    • Amt für Natur, Jagd und Fischerei
    • Gemeinde Muolen

    Mehrere Projekte (BirdLife Schweiz, Schweizerische Vogelwarte Sempach, private Initiatoren) fördern in der Schweiz den Gartenrotschwanz, u.a.:

    • Trinationales BirdLife Programm in der Nordwestschweiz
    • Baselbiet, Obstgarten Farnsberg
    • Bündner Herrschaft
    • Obstgärten Horgen/Wädenswil
    • Tessin, Magadinoebene
    • La Chaux-de-Fonds
    • St. Galler Rheintal, Altstätten
    • Oberthurgau/Muolen (SG)

     

    Forschung für die zukünftige Lebensraumgestaltung

    Mittels einer Habitatanalyse wollten wir herausfinden, welche Faktoren für die Besiedlung durch den Gartenrotschwanz entscheidend sind. Dabei haben wir die Lebensraumstruktur auf 120 zufällig ausgewählten Kreisflächen von 1,7 ha, die in den letzten drei Jahren nicht vom Gartenrotschwanz besiedelt worden waren, und auf Kreisflächen in Gartenrotschwanz- Revieren anhand von über 30 Kriterien beschrieben und analysiert. Die Auswertung zeigt, dass die Anzahl alter Bäume und die bejagbare Fläche für die Besiedlungschancen entscheidend sind: Flächen mit mehr als 60 Altbäumen pro Hektar und einem für die Insektenjagd geeigneten Flächenanteil von 77 % sind zu 50 % vom Gartenrotschwanz besiedelt. Diese Resultate geben uns wichtige Hinweise für zukünftige Fördermassnahmen.

    Als Erfolgskontrolle werden die Gartenrotschwanzreviere mit einer vierfachen Revierkartierung im Mai und im Juni erhoben. 2017 wurden 33 Reviere festgestellt. Diese Erhebungen werden in den nächsten Jahren fortgeführt.