Der Brutvogelatlas als Auftrag – Handlungsbedarf in 11 Punkten

      Wie können wir die Situation der Vogelwelt in der Schweiz verbessern? Der Brutvogelatlas 2013–2016 zeigt den Handlungsbedarf auf. Die Vogelwarte setzt sich zusammen mit Partnern für Entwicklung und Umsetzung der notwendigen Massnahmen ein.

      Als offizieller Atlasvogel schmückt der Wiedehopf die Sonderausgabe des Zustandsbericht 2018.
      Als offizieller Atlasvogel schmückt der Wiedehopf die Sonderausgabe des Zustandsbericht 2018.
      Foto © Schweizerische Vogelwarte

      Vor knapp sieben Jahren lancierte die Vogelwarte nach Monaten der Vorbereitung das Grossprojekt Brutvogelatlas 2013–2016. In seinem Editorial in der August- Ausgabe des Avinews 2012 gab Lukas Jenni das Ziel vor, das die Vogelwarte mit dem Projekt verfolgte: Eine Grundlage zu schaffen für Folgearbeiten. Und bereits damals machte er klar, dass dieses Ziel nicht ohne Unterstützung erreicht werden kann: «Wir wollen ein Gemeinschaftswerk schaffen, das nur mit allen Freiwilligen zu erreichen ist, die sich für Vögel begeistern. Packen wir es gemeinsam an!»

      Inzwischen ist der Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016 publiziert und steht allen Interessierten online kostenlos zur Verfügung. Und er hält sein Versprechen: Noch nie konnte der Schutz der Brutvögel der Schweiz auf eine ähnlich fundierte Grundlage zurückgreifen. Der neue Brutvogelatlas zeigt nicht nur die aktuelle Situation unserer Vögel, er veranschaulicht auch, wie sich deren Häufigkeit und Verbreitung in den letzten zwanzig Jahren verändert haben. Und weil Vögel mit ihren teils hochspezifischen Ansprüchen an den Lebensraum auch immer Gradmesser für dessen Zustand sind, zeigt das Werk auch klar auf, wo im Naturschutz Defizite bestehen.

      Doch die Autorinnen und Autoren des Brutvogelatlas belassen es nicht bei der Beschreibung des Zustands der Vogelwelt oder deren Veränderung. Sie zeigen für einzelne Arten und ganze Vogelgruppen sowie für Lebensräume auf, welches die meist menschgemachten Gründe für diese Entwicklungen sind. Damit wird nicht nur klar, wo bzw. in welchen Lebensräumen gehandelt werden muss, sondern auch, welcher Handlungsbedarf konkret besteht. Grundlage dafür sind das über Jahre hinweg erarbeitete Wissen um die Ansprüche der Vögel an ihre Umwelt und die erfolgreich getesteten Fördermassnahmen. 

      Vom Buch über den Zustandsbericht zum Handlungsbedarf

      Indem der Brutvogelatlas den Bogen spannt von der Beschreibung des Zustands der Vogelwelt über die unmittelbaren Gründe für deren Entwicklung bis hin zum Handlungsbedarf, stellt das Werk eine äusserst solide Grundlage für den Naturschutz dar. Wie gelangen nun die Erkenntnisse aus dem über 600-seitigen Schwergewicht zu den verschiedensten Partnerorganisationen und Behörden?

      In kondensierter Form: Zu diesem Zweck widmete die Vogelwarte dem Brutvogelatlas 2013– 2016 eine Sonderausgabe ihres jährlich erscheinenden «Zustandsberichts », der die wesentlichen Erkenntnisse auf 44 Seiten zusammenfasst. Im Wissen um die beschränkten Ressourcen im Natur- und Vogelschutz hat die Vogelwarte diese Erkenntnisse letztlich auf ein 4-seitiges Dokument mit dem Namen «Der Brutvogelatlas als Auftrag» verdichtet. Mit dieser Trilogie besitzt die Vogelwarte nun geeignete Grundlagen, um sich gemeinsam mit Partnerorganisationen für eine Verbesserung der Situation unserer Brutvögel einzusetzen.

      Herleitung des Handlungsbedarfs

      Bei der Formulierung des Handlungsbedarfs orientierte sich die Vogelwarte an ihrer eigenen Vision, die einheimische Vogelwelt zu kennen und in ihrer Vielfalt für kommende Generationen zu erhalten. Doch sind dies nicht nur die Ziele der Vogelwarte und ihrer freiwilligen Mitarbeitenden sowie zielverwandter Organisationen und deren Unterstützerinnen und Unterstützer. Auch die offizielle Schweiz hat wiederholt festgehalten, dass der langfristigen Erhaltung der Biodiversität und damit auch der Vogelwelt ein hoher Stellenwert beizumessen ist. Mit dem Titel «Der Brutvogelatlas als Auftrag» zeigt die Vogelwarte, dass sie den Handlungsbedarf ernst nimmt. Das Dokument stellt dadurch auch eine Konkretisierung der Vision der Vogelwarte. Der ausgewiesene Handlungsbedarf dürfte dank seines raumgreifenden Einflusses neben den Vögeln auch anderen Pflanzen und Tieren zu Gute kommen.

      Weiteres Vorgehen

      Die Vogelwarte hat in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich Kontakte zu Partnerorganisationen gepflegt, die betreffend Biodiversitätsförderung in den verschiedenen Lebensräumen und Sektoren Schlüsselpositionen einnehmen. Dazu gehören Landbesitzer bzw. -bewirtschafter und deren Organisationen ebenso wie kantonale und nationale Behörden. Auf das so geknüpfte Netzwerk kann sie jetzt aufbauen, um die Entwicklung und Umsetzung von Massnahmen zur Erfüllung des Handlungsbedarfs voranzutreiben. Denn wie bei der Erarbeitung des Brutvogelatlas gilt auch bei der Verbesserung der Situation, was Peter Knaus, der Leiter des Projekts Brutvogelatlas 2013– 2016, im Editorial der August- Ausgabe des Avinews 2018 exakt sechs Jahre nach Lukas Jenni resümiert: «Nur wenn alle Beteiligten gemeinsam auf diese Ziele hinarbeiten, besteht die Chance, nach dem nächsten Brutvogelatlas dereinst ein anderes, positives Fazit ziehen zu können.»

       

      Handlungsbedarf

      Landwirtschaft
      1. Verringerung der Bewirtschaftungsintensität durch eine markante Reduktion des Dünger- und Pestizideinsatzes
      sowie durch biodiversitätsfreundliche Anbau- und Erntetechniken.
      2. Optimierung der Biodiversitätsförderflächen (BFF) durch die Erhöhung der Qualität und gute Vernetzung sowie Schaffung von mehr BFF insbesondere im Ackerland.
      3. Abstimmung der Mahdtermine auf die Lebensraumansprüche der Wiesenbrüter, insbesondere in deren Kerngebieten.
      4. Erhaltung und Förderung von naturnahen Strukturen im Landwirtschaftsgebiet (z.B. Hecken, Einzelbäume, strukturreiche Weiden, Trockenmauern, Böschungen, Kiesgruben).

      Wald
      5. Förderung strukturreicher Wälder sowie, vor allem im Mittelland und im Jura, von Tot- und Altholz.
      6. Schaffung von Waldrändern mit breiten Übergangszonen zum Kulturland sowie Förderung von lichten Waldbeständen und Auenwäldern.

      Feuchtbiotope und Gewässer
      7. Schaffung und Förderung eines Netzes von ausreichend nassen Feuchtbiotopen mit Pufferzonen und entsprechender Pflege.
      8. Förderung eines naturverträglichen Abflussregimes und von grossflächigen Gewässerrevitalisierungen mit entsprechender Besucherlenkung.

      Siedlungen
      9. Förderung von naturnahen Grünräumen und grossen Bäumen in Siedlungen sowie von Brutmöglichkeiten an Gebäuden.

      Anspruchsvolle Vogelarten
      10. Erhaltung von möglichst grossen störungsarmen Räumen insbesondere im alpinen Raum, im Wald und in Feuchtbiotopen. Dazu gehört die Vermeidung von Fragmentierung durch Infrastruktur.
      11. Verstärken der spezifischen Massnahmen und Projekte für die Prioritätsarten Artenförderung.

      Handlungsbedarf in 11 Punkten