Frühlingserwachen im Umweltschutz

      Wirksamer Naturschutz war jahrzehntelang Wunschdenken weitsichtiger Ökologen. Jetzt nimmt er auf der politischen Bühne endlich Platz ein.

      Uferschnepfe
      Uferschnepfe
      Foto © Karsten Mosebach

      Klimaschutz und Insektensterben werden unverhofft zu Themen im Wahl- und Abstimmungskampf. Schülerstreiks und Demonstrationen für den Klimaschutz erreichen die Schweiz. Unsere bayerischen Nachbarn fordern in einer Initiative vehement einen griffigeren Naturschutz. 18,4 % Prozent der Wahlberechtigten haben unlängst das erfolgreichste Volksbegehren in der Geschichte Bayerns unterschrieben. In der Schweiz entspräche das einer Volksinitiative mit knapp einer Million Unterschriften! Das Bewusstsein wächst, dass der alarmierende Rückgang der biologischen Vielfalt auch die Lebensgrundlage der Menschen bedroht.

      Neu sind solche Erkenntnisse nicht. Schon 1972 machte der Club of Rome in seinem Bericht auf die Grenzen des Wachstums aufmerksam. 1992 wurden an der UNO-Konferenz von Rio der Prozess der nachhaltigen Entwicklung eingeleitet und die Biodiversitätskonvention unterzeichnet. Endlich scheinen nun die Botschaften angekommen zu sein, und wir tun gut daran, die günstige politische Gelegenheit zu nutzen, bevor sich das Zeitfenster wieder schliesst.

      Die Grundlagen für einen besseren Naturschutz sind dank umfassenden Vorarbeiten vorhanden. Etwa im neuen Schweizer Brutvogelatlas, der uns ein aktuelles, präzises und umfassendes Bild über den Zustand der Vogelwelt liefert. Das Bild ist auch für die Lebensräume der Vögel repräsentativ und zeigt, wo die Hebel anzusetzen sind, damit auch Bienen, andere Insekten, Amphibien und Pflanzen profitieren.

      Die Vogelwarte hat den Handlungsbedarf zu 11 Punkten verdichtet. Vordringlich gilt es, den Dünger- und Pestizideinsatz in der Landwirtschaft zu senken und mehr Biodiversitätsförderflächen anzulegen. Die Wasserqualität, die Bodenfruchtbarkeit und die Artenvielfalt würden unmittelbar davon profitieren. Ein innovativer Landwirt aus Niederbayern bietet für 50 Euro auf einer Aare Land pestizidfrei Futterpflanzen für Bienen und andere Insekten an. Er wurde von der gewaltigen Nachfrage aus der Bevölkerung nach seinen Blühpatenschaften überrollt. In der Schweiz besteht das Programm der ökologischen Direktzahlungen für Biodiversitätsförderflächen bereits. Es müsste nur konsequent genutzt werden. Schon mit dem Budget für die undurchsichtigen Versorgungssicherheitsbeiträge könnte der Bund «Blühpatenschaften einkaufen» und zehn Prozent der Landwirtschaftsfläche zu Naturoasen verwandeln. Wie schnell und positiv die Natur auf solche Massnahmen reagiert, illustrieren ökologische Aufwertungen, die von Landwirten mit Hilfe der Vogelwarte in der Champagne genevoise, im schaffhausischen Klettgau und in der luzernischen Wauwiler Ebene realisiert wurden. Nutzen wir das Zeitfenster für einen verstärkten Naturschutz und eine wirklich ökologische Agrarpolitik ab 2022.

      Matthias Kestenholz