Mehr Verständnis für kecke Krähen

    Kaum eine Vogelgruppe hat so sehr mit Vorurteilen zu kämpfen, wie die Rabenvögel. Mit einem besseren Verständnis für die ökologischen Zusammenhänge und für deren Verhalten können sie entkräftet und Konflikte entschärft werden.

    Die Elster findet in städtischen Agglomerationen alles, was sie zum Leben braucht: Nahrung, Nist- und Schlafplätze.
    Die Elster findet in städtischen Agglomerationen alles, was sie zum Leben braucht: Nahrung, Nist- und Schlafplätze.
    Foto © Beat Rüegger
    Saatkrähen brüten gern in Städten und Dörfern, weil dort die Jagd ruht und die Gefahr, von ihren natürlichen Feinden Habicht und Wanderfalke geschlagen zu werden, geringer ist als anderswo.
    Saatkrähen brüten gern in Städten und Dörfern, weil dort die Jagd ruht und die Gefahr, von ihren natürlichen Feinden Habicht und Wanderfalke geschlagen zu werden, geringer ist als anderswo.
    Foto © Ralph Martin

    Die Bestände vieler Rabenvögel steigen in der Schweiz deutlich an. Insbesondere Elster, Raben- und Saatkrähe sind mittlerweile häufige Brutvögel in Dörfern und Städten. Die anpassungsfähigen Vögel profitieren hier von guten Nahrungsbedingungen und fehlenden Feinden. Im Siedlungsraum halten sich die Vögel in der direkten Umgebung des Menschen, was immer wieder zu Konflikten führt: Anwohner stören sich am lautstarken Treiben von Saatkrähen und an deren Kot unter Brutkolonien, oder sie beklagen sich, wenn ein Singvogelnest im Garten von einer Rabenkrähe oder Elster ausgeräumt wurde.

    Auswirkungen auf Kleinvögel

    Oft ist zu hören, Rabenvögel würden im Siedlungsgebiet die Singvogelbestände dezimieren oder gar ausrotten. Zwar spielen Kleinvögel, Eier und Nestlinge in der Nahrung der Altvögel nur eine geringe Rolle, als Nahrung für die Jungen sind sie aber wichtig. Mit proteinreicher Nahrung ermöglichen die Rabenvögel ihren Jungen einen gesunden Start ins Leben. Genauso, wie dies beispielsweise ein Steinadler tut, der seinem Nachwuchs Murmeltiere verfüttert. Schweizweit betrachtet haben Rabenvögel keinen Einfluss auf die Bestandsentwicklung anderer Vögel. Kleinvögel brüten meist mehrmals pro Jahr und können so Brutverluste kompensieren. Das jährlich durchgeführte «Monitoring häufiger Brutvögel » der Vogelwarte zeigt, dass die Bestände von Amsel, Rotkehlchen, Kohlmeise und vielen weiteren Arten in den letzten Jahren deutlich zunahmen, obwohl ihre Nester von Rabenvögeln ausgeräumt werden können.

    Wer im eigenen Garten beobachtet, wie ein Rabenvogel ein Nest ausräumt, fühlt dennoch mit den Kleinvögeln. Wer Kleinvögeln helfen möchte, der pflanzt anstatt Thuja oder Kirschlorbeer dichte Dornsträucher und deckungsreiche einheimische Gehölze, etwa Schwarz- und Weissdorn, Wildrosen oder Schwarzer Holunder. Diese bieten den Kleinvögeln relativ sichere Neststandorte.

    Auswirkungen auf Greifvögel

    Wenn Rabenvögel einen Greifvogel verfolgen, dann sind die Sympathien klar verteilt: Der Greifvogel ist der Gute, die Rabenvögel sind die Bösen. Greifvögel werden aber nicht ohne Grund verjagt: Rabenvögel vertreiben damit einen potenziellen Feind aus dem Territorium, um sich selbst zu schützen und um ihre Jungen zu verteidigen. Rabenvögel sind nämlich hingebungsvolle Eltern und kümmern sich äusserst fürsorglich um ihren Nachwuchs. Was bei anderen Tieren als Elternliebe gelten würde, wird den Rabenvögeln als Boshaftigkeit angelastet. Die Attacken durch Rabenvögel sind für die Greifvögel aber höchstens lästig, Auswirkungen auf die Populationen haben sie nicht: Die Bestände der meisten Greifvögel steigen seit den 1990er-Jahren an.

    Nachbarschaftskonflikte

    Im Gegensatz zur paarweise nistenden Rabenkrähe brütet die Saatkrähe in Kolonien. Ein Grossteil der 5800–7300 Brutpaare der Schweiz befindet sich in Städten. Besonders ab Mai, wenn beide Eltern ihrem Nachwuchs Nahrung bringen, kann es an den Kolonien laut werden, was zu Klagen bei Anwohner führen kann. Die akustische Kommunikation spielt bei der sozialen Saatkrähe aber eine ganz wichtige Rolle. Schallpegelmessungen haben zudem gezeigt, dass die Rufe der Saatkrähen deutlich unter denen des Verkehrslärms liegen. Dass die Rufe der Saatkrähen dennoch als störender bezeichnet werden, zeigt, wie wenig guten Willen den Vögeln entgegen gebracht wird. Insbesondere wenn sich unter den Nestern Park-, Sitz- oder Spielplätze, Trottoirs oder Bushaltestellen befinden, bergen Verschmutzungen wegen Kot weiteres Konfliktpotenzial.

    Um die Ansiedlung von Saatkrähen zu verhindern, wurden schon Versuche mit zahlreichen Methoden durchgeführt. Häufiger Baumschnitt, Einsatz von Attrappen, optisches Verscheuchen, Laserstrahlen und weitere Techniken wurden an verschiedenen Orten mit unterschiedlichem Erfolg angewandt. Meistens führte dies zur Gründung neuer Kolonien in der Umgebung. Das Problem wird damit verlagert, doch kaum je gelöst. Aus Sicht der Vogelwarte müssen Massnahmen bis zum Beginn der Schonzeit Mitte Februar abgeschlossen sein. Allfällige Eingriffe und deren Auswirkungen zu dokumentieren ist die Voraussetzung, um daraus zu lernen und allfällige weitere Eingriffe entsprechend zu optimieren.

    Rabenvögel in der Landwirtschaft

    Nicht nur in den Siedlungen, auch im offenen Landwirtschaftsland finden Rabenvögel ihre Nahrung. Dabei können saisonal Kulturpflanzen einen erheblichen Teil der Nahrung ausmachen. Obschon einzelne Betriebe stark betroffen sein können, haben Untersuchungen den gesamtwirtschaftlichen Schaden als gering eingeschätzt. Rabenvögel werden von Landwirten aber auch geschätzt, da sie unter anderem Aas, Schnecken und Mäuse fressen. Verantwortlich für die Schäden in landwirtschaftlichen Kulturen sind vor allem nichtbrütende Vögel, die sich zu Schwärmen zusammenschliessen. Brutvögel hingegen richten während der Brutzeit kaum Schäden an. Zudem brüten in den Nestern von Krähen und Elstern Waldohreule und Turmfalke. Ohne die Rabenvögel könnten die Mäusejäger nicht im Kulturland brüten.

    Die beste Methode, um Rabenvögel von Kulturen fernzuhalten, ist Vorbeugung. Durch das Pflanzen von Hecken und Feldgehölzen wird den Feinden von Rabenvögeln Deckung angeboten. Wenn sich die Rabenvögel nicht sicher fühlen, kann sich deren Aufenthaltsdauer auf den Feldern reduzieren. Auch durch den Aussaatzeitpunkt kann Schäden vorgebeugt werden. Müssen Rabenvögel trotzdem vertrieben werden, sind Fantasie und Abwechslung gefragt, da die intelligenten Vögel schnell lernen und nach wenigen Tagen nicht mehr auf Abwehrmassnahmen reagieren. Abwechselnd eingesetzt bieten Gasballone, farbige Plastikbänder, Windräder und Apparate mit akustischen und/oder visuellen Schreckeffekten einen gewissen Schutz, wobei Gasballone besonders wirksam sind. Details zur korrekten Anwendung sind im Merkblatt «Rabenvögel in landwirtschaftlichen Kulturen» aufgeführt. Die immer wieder diskutierte Intensivierung der Jagd hingegen verspricht keine langfristige Lösung dieser Konflikte.

    Die Krux mit der Jagd

    Entgegen der landläufigen Meinung sind Elster und Rabenkrähe nicht geschützt und damit ausserhalb der Schonzeit jagdbar. Seit 2012 ist auch die Saatkrähe jagdbar, geniesst aber eine Schonzeit zwischen 16. Februar und 31. Juli. Zwischen 2010 und 2017 wurden laut eidgenössischer Jagdstatistik durchschnittlich 9762 Rabenkrähen und 1386 Elstern pro Jahr geschossen. Die Anzahl erlegter Saatkrähen ist in den letzten Jahren geradezu explodiert: Wurden 2013 noch 4 Saatkrähen geschossen, waren es 2017 bereits deren 200. Von Schonung kann also keine Rede sein. Dennoch ist eine dauerhafte Dezimierung der Bestände durch intensivere Jagd aus mehreren Gründen kaum zu realisieren. Einerseits ist die Jagd sehr aufwändig, weil die Vögel dank ihrer hohen Intelligenz die Jäger und deren Fahrzeuge nach kurzer Zeit individuell erkennen und rechtzeitig das Weite suchen. Andererseits ist die Jagd im Siedlungsbereich, wo die Bestände speziell zugenommen haben, aufgrund von Sicherheitsüberlegungen nicht praktikabel.

    Die Jagd setzt ausserdem einige natürliche Regulationsmechanismen ausser Kraft, die eine unbegrenzte Zunahme der Bestände verhindern. Bei hoher Bestandsdichte treten vermehrt Nichtbrüter auf, welche die Brutpaare bei der Jungenaufzucht erheblich stören und so den Bruterfolg schmälern können. Ausserdem nimmt mit der Dichte auch die Aggression zwischen benachbarten Brutpaaren zu. Krähen und Elstern vertragen sich auch untereinander nicht gut und plündern sich bei Gelegenheit gegenseitig die Nester. Durch die jagdlich bedingte zeitweilige Dezimierung setzt man die bei hoher Bestandsdichte wirkenden, natürlichen Regulierungsmechanismen ausser Kraft. Die Bestände wachsen deshalb sehr rasch wieder zur alten Grösse heran.