Zu viel Dünger schadet den Vögeln

    Die Schweiz ist ein üppig grünes Land. Äcker und Wiesen sind reichlich gedüngt. Moore und Wälder erhalten mehr Nährstoffe, als ihnen gut tut. Dadurch verschlechtert sich der Lebensraum vieler Vogelarten, die bei der Nahrungssuche oder für die Nestanlage auf lückige, niedrige Vegetation angewiesen sind.

    Waldlaubsänger
    Waldlaubsänger
    Foto © Mathias Schäf
    Verbreitungsänderung seit 1993–1996 für jene fünf Arten, die zur Nahrungssuche offene Bodenstellen benötigen (Wendehals, Feldlerche, Heidelerche, Neuntöter und Gartenrotschwanz). Die Karte entstand durch die Kombination der Veränderungskarten dieser fünf Arten.
    Verbreitungsänderung seit 1993–1996 für jene fünf Arten, die zur Nahrungssuche offene Bodenstellen benötigen (Wendehals, Feldlerche, Heidelerche, Neuntöter und Gartenrotschwanz). Die Karte entstand durch die Kombination der Veränderungskarten dieser fünf Arten.
    Der Waldlaubsänger bevorzugt Wälder mit mässiger bis mittelstarker, grasartiger Bodenvegetation. Bestände mit einer von stickstoffliebenden Pflanzen wie z.B. Brombeeren dominierten Krautschicht meidet er dagegen.
    Der Waldlaubsänger bevorzugt Wälder mit mässiger bis mittelstarker, grasartiger Bodenvegetation. Bestände mit einer von stickstoffliebenden Pflanzen wie z.B. Brombeeren dominierten Krautschicht meidet er dagegen.
    Fettwiesen sind relativ arm an Insekten. Dazu erschwert der üppige Pflanzenwuchs jenen Vogelarten, die wie der Gartenrotschwanz am Boden nach Nahrung suchen, auch noch den Zugang zur spärlichen Beute.
    Fettwiesen sind relativ arm an Insekten. Dazu erschwert der üppige Pflanzenwuchs jenen Vogelarten, die wie der Gartenrotschwanz am Boden nach Nahrung suchen, auch noch den Zugang zur spärlichen Beute.
    Foto © Markus Varesvuo


    Zweck des landwirtschaftlichen Düngens ist die Ertragssteigerung. Doch nicht aller Dünger wird von den Pflanzen aufgenommen. Ein grosser Teil des Stickstoffs geht in die Luft: 2005 stammten 65 % dieser Emissionen aus der Landwirtschaft, 22 % vom Verkehr, 10 % aus Industrie und Gewerbe und 3 % aus privaten Haushalten. Dieser Stickstoff in der Luft kommt grösstenteils wieder auf die Erde zurück und düngt auch Flächen, die nicht mit Nährstoffen angereichert werden sollten. Heute liegen die Stickstoff-Immissionen vielerorts weit über den 5–25 kg/ha und Jahr, die für die meisten Ökosysteme als noch tragbar gelten. Während für 1994 ein jährlicher Stickstoffüberschuss von 190 000 t berechnet wurde, werden es 2020 bei gleichbleibender Entwicklung noch 145 000 t sein. Die sogenannte Stickstoffeffizienz wird von 22 auf 30 % zugenommen haben. Es sind also Fortschritte absehbar; der Stickstoffüberfluss in der Schweiz wird aber auch dann noch gewaltig sein.

    Schweizer Tieflagen besonders überdüngt

    Die Stickstoffbelastung ist regional sehr unterschiedlich. Am stärksten ist sie im östlichen Mittelland und im voralpinen Hügelland. Aber auch in den übrigen tiefgelegenen Gegenden sind die Werte sehr hoch. Die kritische Obergrenze der Stickstoffbelastung variiert je nach Lebensraum, wird in der Schweiz aber fast überall überschritten: 100 % der Hochmoore, 90 % der Wälder, 84 % der Flachmoore und 42 % der Trockenwiesen erhalten mehr Stickstoff, als ihnen zuträglich ist.

    Erhebliche Auswirkungen auf Vögel

    Die überschüssigen Stickstoffmengen, die in die Umwelt gelangen, gelten als eine der Hauptursachen für den Rückgang der Biodiversität in Mitteleuropa. Sie haben gravierende Auswirkungen auf Artenzusammensetzung und Struktur der Vegetation und indirekt auch auf Brutvögel. Hier zwei Beispiele:

    1. Wo früher Waldmeister oder Hainsimsen eine lückige Bodenvegetation bildeten, wird der Unterwuchs in «überdüngten Wäldern» heute durch nährstoffliebende Arten wie Brombeeren oder Brennnesseln dominiert. Der Waldlaubsänger meidet solche Vegetation bei der Revierwahl. Auch beim Berglaubsänger, der vor allem nährstoffärmere Waldgesellschaften besiedelt, wird ein negativer Einfluss der Nährstoffzunahme vermutet.

    2. In Gebieten mit grosser Stickstoffdeposition aus der Luft ist die Pflanzenvielfalt kleiner als an Vergleichsstandorten. Das liegt daran, dass dort vermehrt konkurrenzkräftige Arten aufkommen und die auf magere Standorte spezialisierten, kleinwüchsigeren Arten verdrängen. In fetten, artenarmen Wiesen gibt es weniger Insekten, was auf viele Vogelarten des Kulturlands negative Auswirkungen hat. Zudem erschwert ein üppiger Pflanzenwuchs die Erreichbarkeit der Insekten für Vögel, die am Boden nach Nahrung suchen. Etliche Arten mit abnehmenden Beständen wie Wendehals, Feldlerche, Heidelerche, Neuntöter und Gartenrotschwanz sind zur Nahrungsaufnahme auf eine lückige, eher niedrige Vegetation angewiesen.

    Auf Landschaftsebene macht die Überdüngung die Flora eintöniger. Analysen der Brutvogelatlasdaten deuten darauf hin, dass dies auch für die Avifauna gilt. Wir haben dazu für alle unter 600 m gelegenen Atlasquadrate (10 × 10 km) im Mittelland und im Jura den mittleren Stickstoffeintrag/ha aus der Luft mit der festgestellten Artenzahl verglichen. Überdüngte Atlasquadrate weisen weniger Brutvogelarten auf als Quadrate mit geringerem Stickstoffeintrag: Je 10 kg/ha zusätzlich deponiertem Stickstoff sinkt die Artenzahl um rund 11 Arten.

    Positive Auswirkungen der Düngerreduktion in Seen

    In den Gewässern verlief die Entwicklung anders als im Grünland und im Wald, denn dort ist nicht Stickstoff, sondern Phosphor der limitierende Nährstoff. Viele Schweizer Seen waren vor einigen Jahrzehnten noch mit so viel Phosphor aus Siedlungsabwässern und der Landwirtschaft belastet, dass ihre Ökosysteme beinahe kollabierten. Seither hat sich die Situation durch den Ausbau des Kläranlagensystems, das Phosphatverbot in Waschmitteln und die Einrichtung von Pufferzonen stark verbessert. Dadurch konnten sich viele Schilfbestände und vor allem die unter Wasser wachsenden Rasen von Laichkräutern und Armleuchteralgen wieder erholen. Davon profitierten Schilfbrüter und die sich vorwiegend von Armleuchteralgen ernährende Kolbenente. Deren Winterbestände sind bei uns in den letzten Jahren stark gewachsen, und die Zahl der Brutpaare hat sich von 1993–1996 bis 2013–2016 etwa verfünffacht.

    Während es also gelungen ist, die Nährstoffsituation in unseren Gewässern deutlich zu verbessern, sind wir von einer nachhaltigen Lösung im terrestrischen Bereich noch sehr weit entfernt. Wenn es unser Ziel bleibt, auch Arten zu erhalten, die eine weniger überdüngte Landschaft mit lückiger, niedriger Vegetation benötigen, muss in diesem Bereich rasch und entschlossen gehandelt werden. Leicht gekürzter Auszug aus dem identisch betitelten Fokustext im Schweizer Brutvogelatlas 2013- 2016.