Vogelschutz bei Fliessgewässersanierung beachten

    Fliessgewässer leiden unter strukturellen Defiziten und Querverbauungen. Sedimente lagern sich bei Stauseen ab und fehlen unterhalb des Wehrs. Der Vogelschutz muss auch bei der Sanierung des Geschiebehaushalts berücksichtigt werden.

    Der künstliche Klingnauer Stausee ist heute ein wichtiger Lebensraum für Wasservögel.
    Der künstliche Klingnauer Stausee ist heute ein wichtiger Lebensraum für Wasservögel.
    Foto © Verena Keller
    Flussuferläufer
    Flussuferläufer
    Foto © Mathias Schäf

    Im Laufe der letzten Jahrhunderte wurden fast alle grösseren Fliessgewässer der Schweiz erheblich verändert. Dabei gingen nicht nur Auen verloren: Aufgrund von Querbauten ist vielerorts auch der natürliche Transportprozess von Steinen, Kies, Sand oder Schlamm – im Fachjargon auch «Geschiebe» genannt – unterbunden. Vor einem Stauwehr lagern sich diese Sedimente oft in meterhohen Schichten ab. Während dieser aufgestaute Bereich also rasch verlandet, herrscht unterhalb des Wehrs ein Geschiebedefizit, was zu unerwünschter Tiefenerosion führt. Ohne aktives Geschiebe fehlen Kiesbänke und wichtige Laichplätze für Fische. Der Fluss gräbt sich immer tiefer in den Untergrund, was längerfristig die Absenkung des Grundwasserspiegels zur Folge hat. So werden auch die letzten verbliebenen Feuchtgebiete in Flusstälern stetig trockener. Allerdings legt das Gewässerschutzgesetz fest, dass der Geschiebehaushalt nicht so verändert werden darf, dass Tiere und Pflanzen sowie deren Lebensräume wesentlich beeinträchtigt sind. Um diesem gravierenden Defizit unserer Fliessgewässer entgegenzuwirken, wird von den Kantonen derzeit die Sanierung des Geschiebehaushalts verfügt. Dabei haben die Wasserkraftbetreiber zwei Alternativen:

    1. Die natürliche Kraft des reissenden Wassers wird für diesen Transport genutzt und das Wehr geöffnet («Staupegelabsenkung »)
    2. Es finden kostspielige Sedimentbaggerungen im Staubereich statt, und der Aushub wird auf dem Landweg in einen Bereich unterhalb des Stauwehrs transportiert.

    Die erste Variante klingt wesentlich (öko)-logischer, doch sie hat auch gewichtige Nachteile: Durch das Aufstauen diverser Fliessgewässer sind in der Schweiz wichtige Feuchtgebiete und Lebensräume aus zweiter Hand entstanden, die inzwischen ein Eldorado für Wasservögel, Fische sowie weitere Tiere und Pflanzen bilden. Diese Lebensräume sind oft das letzte Refugium für spezialisierte Arten, da natürliche Auensysteme weitgehend zerstört wurden. Einige dieser second-hand-Wasservogelparadiese haben wohlbekannte Namen wie etwa Klingnauer Stausee, Flachsee Unterlunkhofen, Wohlensee, Rhône-Verbois, Stausee Niederried und Stau Kaiseraugst. Spätestens wenn sich oberhalb des Wehrs ein Wasser- und Zugvogelreservat (WZVReservat) von nationaler oder gar internationaler Bedeutung befindet, besteht ein klarer Interessenkonflikt. Trockenen die Flachwasserbereiche aufgrund einer Staupegelabsenkung mehrmals pro Jahr komplett aus, ist das Schutzziel dieser WZV-Reservate – der Erhalt als Rastgebiet für Wasserund Zugvögel – offenkundig stark gefährdet.

    Wie wirkt eine Staupegelabsenkung?

    Bei Staupegelabsenkungen werden natürliche Hochwasser genutzt, um das abgelagerte Sediment durch das zu diesem Zeitpunkt geöffnete Wehr weiterzuleiten. Da sich das Material oft seit Jahrzehnten angesammelt hat, muss dieses zunächst wieder mobilisiert werden. Das geht nur mit starker Strömung. Um die nötige Transportkraft des Wassers zu erreichen, müsste der Staubereich in einigen Fällen komplett entleert werden. Das führt flussabwärts zu einem verstärkten Hochwasser, was sich in der Brutzeit z.B. negativ auf Kiesbrüter auswirken kann. Die Schweizerische Vogelwarte steht daher sehr kritisch gegenüber der Geschiebeweiterleitung im Bereich von Reservaten, in denen das Schutzziel gefährdet wird. Im Falle einer anstehenden Geschiebesanierung empfehlen wir, gebietsspezifische Lösungen zu erarbeiten, da sich lokal auch Chancen für den Vogelschutz ergeben können.

    Stefan Werner