Blinde Passagiere auf dem Vogelzug

    Viren, Bakterien und Parasiten sind Bestandteil des Lebens. Infektionen mit ihnen können sehr unterschiedliche Auswirkungen haben. Welche Effekte Blutparasiten auf Zugvögel haben, wird in einem internationalen Forschungsprojekt untersucht.

    Blutparasiten werden von blutsaugenden Insekten auf den Wirtsvogel übertragen (oben). Die Parasiten vermehren sich zuerst in den Zellen des Vogels (hellgrau) und nach einer erneuten Mahlzeit eines blutsaugenden Insekts (unten) in dessen Gewebe (dunkelgrau) – danach kann der Lebenszyklus von vorne beginnen.
    Blutparasiten werden von blutsaugenden Insekten auf den Wirtsvogel übertragen (oben). Die Parasiten vermehren sich zuerst in den Zellen des Vogels (hellgrau) und nach einer erneuten Mahlzeit eines blutsaugenden Insekts (unten) in dessen Gewebe (dunkelgrau) – danach kann der Lebenszyklus von vorne beginnen.
    Foto © Tamara Emmenegger
    Drosselrohrsänger mit Geodaten-/Aktivitätslogger (oben) und Mikroskopie-Bild von roten Blutkörperchen eines Drosselrohrsängers, der mit Blutparasiten (violett eingefärbt) infiziert ist (unten).
    Drosselrohrsänger mit Geodaten-/Aktivitätslogger (oben) und Mikroskopie-Bild von roten Blutkörperchen eines Drosselrohrsängers, der mit Blutparasiten (violett eingefärbt) infiziert ist (unten).
    Foto © Tamara Emmenegger, Raffaella Schmid

    Blutparasiten sind in vielen Vogelarten anzutreffen. Diese Parasiten leben in den Blutzellen ihrer Wirte und benötigen für ihren Lebenszyklus sowohl einen Vogel als Hauptwirt als auch ein Insekt als Zwischenwirt. Nach dem Stich eines infizierten, blutsaugenden Insekts und der Übertragung der Parasiten bleibt der Vogel chronisch infiziert, meist ohne Symptome zu zeigen.

    verbreitet. Wenn man allerdings auf die Verbreitung einzelner Parasiten-Linien schaut, findet man sowohl solche, die beispielsweise nur in Afrika oder nur in Europa übertragen werden, als auch solche, die nahezu global übertragen werden. In früheren Untersuchungen zur Wirkung von Blutparasiten auf Vögel waren die Ergebnisse nicht eindeutig – man hat sowohl sehr milde als auch gravierende Effekte festgestellt. Ungeklärt war vor allem die Wirkung von Blutparasiten auf Zugvögel. Deswegen erforscht die Schweizerische Vogelwarte seit 2013 gemeinsam mit Projektpartnern aus ganz Europa die Wechselwirkungen zwischen Zugvögeln und ihren Blutparasiten. In diesem Zusammenhang sind vor allem zwei Fragestellungen von Interesse: Wie wirken sich Blutparasiten beispielsweise auf den Sauerstoffverbrauch von Zugvögeln in Ruhe und in Bewegung aus? Und inwiefern beeinflussen die Parasiten den Zugablauf und die Zugwege?

    Der jährliche Zug aus den Brutgebieten in die afrikanischen Winterquartiere und zurück ist bereits für nicht-infizierte Vögel eine grosse physiologische Herausforderung. Ob die «blinden Passagiere » in den Vogelblutzellen diese Herausforderung noch vergrössern, wurde an Drosselrohrsängern durch Messung ihrer Stoffwechselraten untersucht. Überraschenderweise unterschieden sich Drosselrohrsänger, welche Blutparasiten in sich trugen, kurz vor und während des Herbstzuges in ihrem Sauerstoffverbrauch kaum von nichtinfizierten Vögeln. Allerdings konnte in einer parallelen Studie mit Hilfe von Geodaten- und Aktivitätsloggern nachgewiesen werden, dass infizierte Drosselrohrsänger die Brutgebiete im Herbst später verlassen und weniger weit fliegen als ihre nichtinfizierten Artgenossen. Jedoch schienen infizierte Drosselrohrsänger ihren späten Aufbruch teilweise kompensieren zu können, indem sie längere Etappen flogen und weniger Zeit in den Rastgebieten verbrachten.

    Parallel zur Frage nach dem Einfluss der Blutparasiten auf den Vogelzug ist auch die Zusammensetzung der Blutparasiten verschiedener Vogelarten mit unterschiedlichen Zugstrategien von Interesse, was in einer anderen Studie an Sperlingen untersucht wurde. So waren ziehende Sperlinge im Vergleich zu nicht ziehenden weniger häufig infiziert, wiesen im Gegenzug aber eine vielfältigere Parasitenfauna auf, da sie auf ihrem Zug vermutlich mit einer grösseren Vielfalt an Erregern in Kontakt kamen. Neben der Zugstrategie scheint auch die Populationsgeschichte einer Vogelpopulation ein wichtiger Einflussfaktor zu sein: So beherbergen in Deutschland neu etablierte Bienenfresserpopulationen weniger artspezifische Parasiten als solche, die noch in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet im Mittelmeerraum brüten.

    Unsere bisherigen Ergebnisse haben gezeigt, dass Blutparasiten verschieden starke Effekte auf Zugvögel haben können. Woher diese Unterschiede kommen, werden wir in zukünftigen Projekten untersuchen. Da blutsaugende Insekten als Zwischenwirte eine wesentliche Rolle in der Übertragung und räumlichen Verbreitung von Blutparasiten spielen, werden wir sowohl deren Wechselwirkungen mit Vögeln näher untersuchen, als auch die klimatischen Faktoren, die die Verbreitung und zeitliche Dynamik dieser Insektenarten massgeblich beeinflussen.