Vom absehbaren Aus zur erfolgreichen Rückkehr?

    Nach Jahren in denen die Zwergohreule in der Schweiz kurz vor dem Verschwinden stand, erobert sie nun verlorenes Terrain zurück. Der Bestand wird sich aber nur bei gezielter Förderung halten können.

    Dank des rindenfarbenen Gefieders verschmilzt die Zwergohreule optisch perfekt mit ihrer Umgebung. Sie macht sich vor allem durch ihre typischen Rufe bemerkbar, die man in der Schweiz immer öfter hört.
    Dank des rindenfarbenen Gefieders verschmilzt die Zwergohreule optisch perfekt mit ihrer Umgebung. Sie macht sich vor allem durch ihre typischen Rufe bemerkbar, die man in der Schweiz immer öfter hört.
    Foto © Peter Keusch
    Luftaufnahmen der Region um Savièse aus den Jahren 1946 (links) und 2019 (rechts). Wohnquartiere, Weinberge und Waldparzellen haben zulasten von Wiesen und dorfnahen Obstgärten flächenmässig stark zugelegt.
    Luftaufnahmen der Region um Savièse aus den Jahren 1946 (links) und 2019 (rechts). Wohnquartiere, Weinberge und Waldparzellen haben zulasten von Wiesen und dorfnahen Obstgärten flächenmässig stark zugelegt.
    Foto © swisstopo
    Freilegen alter, vor einigen Jahren noch als Wiesen oder Weiden genutzter Terrassen. Heute sind sie von Gehölzpflanzen überwuchert, vor allem von Hartriegeln und Eschen.
    Freilegen alter, vor einigen Jahren noch als Wiesen oder Weiden genutzter Terrassen. Heute sind sie von Gehölzpflanzen überwuchert, vor allem von Hartriegeln und Eschen.
    Foto © Jean-Nicolas Pradervand
    Öffnen einer vergandeten Parzelle und Anlegen eines Hochstamm-Obstgartens. Bis die Bäume die erforderliche Grösse erreicht haben, dienen Nistkästen als Brutplatz- Alternativen.
    Öffnen einer vergandeten Parzelle und Anlegen eines Hochstamm-Obstgartens. Bis die Bäume die erforderliche Grösse erreicht haben, dienen Nistkästen als Brutplatz- Alternativen.
    Foto © Jean-Nicolas Pradervand
    Die Fördermassnahmen wirken, denn seit 20 Jahren nehmen die Bestände der Zwergohreule deutlich zu, wenn auch mit gewissen Schwankungen.
    Die Fördermassnahmen wirken, denn seit 20 Jahren nehmen die Bestände der Zwergohreule deutlich zu, wenn auch mit gewissen Schwankungen.
    Foto © Schweizerische Vogelwarte

    Früher konnte man den Gesang der Zwergohreule im Wallis, im Genferseebecken, am Südufer des Neuenburgersees sowie in einigen Bündner und Tessiner Tälern hören. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war er jedoch fast überall verstummt. Eingesetzt hatte der starke Bestandsrückgang dieses Langstreckenziehers, der sich in der Schweiz nur von April bis September aufhält, schon in den 70er-Jahren. Bis kurz nach der Jahrtausendwende waren auch die Vorkommen im Wallis auf ein einziges Brutpaar bei Sitten geschrumpft. Ursache dafür sind zwei gegensätzliche Entwicklungen. Die erste, zunehmende Überbauung und Intensivierung der Landwirtschaft, führt zum Verschwinden vielfältiger Extensivwiesen mit alten, Höhlenbäumen und fördert stattdessen Weinberge, Wohnquartiere und monotone Intensivkulturen. Die zweite ist die Nutzungsaufgabe auf schwer zugänglichen Flächen, die dann verganden. Auch diese Entwicklung geht zulasten traditioneller Extensivwiesen, die der auf Grossinsekten spezialisierten Eulenart als Speisekammer dienen.

    Die Ökologie der Zwergohreule besser verstehen

    Schon sehr früh hat sich die Vogelwarte mit Unterstützung des Kantons Wallis für die Förderung und den Erhalt dieser Lebensräume eingesetzt. Dank Studien der Vogelwarte mit den Universitäten Lausanne und Bern wissen wir heute recht gut, was die Zwergohreule zum Überleben braucht. Das Revier einer Zwergohreule umfasst 10 bis 30 ha. An Orten mit hoher Bestandsdichte, also mit 3–4 Sängern pro km2, sind die Singwarten der Männchen 150 bis 250 m voneinander entfernt.

    Mit diesem Wissen können wir jetzt gezielte Schutzmassnahmen ergreifen. Untersuchungen zur Raumnutzung der Zwergohreule und zur verfügbaren Nahrung zeigen, dass extensiv bewirtschaftete Wiesen mit geringer Düngerzufuhr und Bewässerung sowie spätem Grasschnitt mehr Insekten beherbergen als intensiv genutzte Steppen oder Wiesen. Angesichts des Rückgangs der Insektenbestände sind diese Lebensräume für ein ausreichendes Nahrungsangebot von Insektenfressern sehr wichtig. Ein Zwergohreulenrevier sollte mindestens 30 % extensiv genutzte Mähwiesen oder Weiden aufweisen.

    Zwergohreulen nutzen zum Brüten meist Grünspechthöhlen in alten Bäumen. Feldgehölze, Baumhecken und Einzelbäume sind deshalb für die Fortpflanzung und Jagd sehr wichtig. Sie sollten im Revier aber nur einen Flächenanteil von 10–20 % ausmachen, denn bei grösserer Gehölzfläche sinkt der Anteil an Magerwiesen und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sich dort auch Fressfeinde wie Waldkauz oder Waldohreule ansiedeln. Unsere Fördermassnahmen sind deshalb auf zwei Aspekte fokussiert: Forstliche Eingriffe zugunsten der Zwergohreule und die Erhaltung der traditionellen Agrarlandschaft, dazu das Schaffen von Rückzugsgebieten für Insekten, etwa mit Hilfe von nicht gemähten Krautstreifen.

    Wiesen freilegen, Bäume pflanzen

    Nach ersten ermutigenden Ergebnissen führen wir die Massnahmen zur Wiederherstellung von vergandeten Wiesen und Weiden im Wallis konsequent weiter. Mehr als 5 ha konnten wir in den letzten Jahren wieder offenlegen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Pflanzung neuer, bzw. Verjüngung alter, kurz vor dem Lebensende stehender Hochstamm-Obstgärten, die auch als Brutbiotop für Höhlenbrüter wie Gartenrotschwanz und Wiedehopf wichtig sind.

    Bei der Anlage eines extensiv genutzten Hochstamm-Obstgartens schaffen wir unterschiedliche Kleinstrukturen. So dienen ungemähte Bereiche, Ast- und Steinhaufen als Unterschlupf für Insekten und kleine Wirbeltiere und werten die Lebensräume zusätzlich auf. Überdies ist es zwingend, auch auf höherer Ebene aktiv zu werden: Bei der anstehenden Erneuerung der kommunalen Nutzungspläne wird sich die Schweizerische Vogelwarte dafür einsetzen, dass die Lebensräume der Zwergohreule berücksichtigt und für die neuen Planungsperioden geschützt werden.

    Gute Aussichten

    Dank der Zunahme in den letzten 20 Jahren könnte der Zwergohreulenbestand im Wallis möglicherweise bereits selbsterhaltend und nicht von der Einwanderung aus anderen Gebieten abhängig sein; er ist aber nach wie vor stark aufgesplittert. Nach einem Anstieg der Brutpaarzahlen in den Hanglagen folgte die Besiedlung der Ebene und des Oberwallis, wo lokal kleinere Kernbestände entstanden sind, zum Teil sogar in Siedlungsnähe. Insgesamt beherbergte das Wallis in den letzten Jahren wieder etwa 30 Zwergohreulenreviere. Im Tessin registriert man alljährlich 3–5 Sänger, in Graubünden und ab und zu im Kanton Genf weitere 1–2, während Bruten in der übrigen Schweiz selten sind.

    2020 sind die Brutbestände im Wallis mit grösserem Aufwand kartiert worden. Rund 20 Freiwillige fanden auf ihrer nächtlichen Suche rund 70 Reviere! Diese Zahl überrascht, denn sie liegt doppelt so hoch wie der Mittelwert der letzten Jahre. Der grössere Kartierungsaufwand dürfte bei dieser Zunahme nur eine geringe Rolle spielen. Denn die neu gefundenen Territorien liegen vor allem an den Rändern bisher besetzter und deshalb auch schon früher regelmässig überwachter Gebiete. Es könnte also sein, dass die Neuzuzügler durch die alteingesessenen Vögel angelockt worden sind.

    Ausnahmejahre wie 2020 sind bei der Zwergohreule durchaus bekannt. Bereits in den 1980er- Jahren wurde darauf hingewiesen, dass ein nordwärts verlängerter Heimzug zu unterschiedlich starken Einflügen führen kann. In der Schweiz kommt es in solchen Fällen regelmässig zu Einflügen in Gebiete ausserhalb des Wallis und des Tessins. 2020 war dies aber offenbar nicht der Fall, zumindest nicht in dem Ausmass wie im Wallis. Es wird darum interessant sein, zu erfahren, welcher Anteil der neuen Reviere auch in den kommenden Jahren noch besetzt sein wird.

    Weil die Zwergohreule unter Druck steht, müssen wir sie genau im Auge behalten und können nicht annehmen, ihre Rückkehr sei schon dauerhaft gesichert. Der gesamteuropäische Trend jedenfalls ist wenig ermutigend. Zwar könnte sich die Klimaänderung in Osteuropa und in der Schweiz positiv auf die Bestände auswirken, vor allem in den trockensten Brutgebieten in Frankreich und Spanien ist aber eher mit rückläufigen Populationen zu rechnen. Die Bemühungen um überlebensfähige Brutbestände und intakte Lebensräume in der Schweiz und speziell im Wallis müssen also uneingeschränkt weitergehen, damit der Gesang der «Pioute», wie die Zwergohreule von der französischsprachigen Bevölkerung im Wallis genannt wird, auch in Zukunft zu hören sein wird.