Kormoran und Fischerei – gefangen im Konflikt?

    Der Kormoran ist immer wieder Thema heftig geführter Diskussionen. Die Vogelwarte setzt sich dafür ein, dass diese auf Fakten beruhen und dass die Diskussionspartner Umweltprobleme, welche Fische und Vögel betreffen, gemeinsam angehen.

    Ein Kormoran trocknet nach einem Tauchgang seine Flügel.
    Ein Kormoran trocknet nach einem Tauchgang seine Flügel.
    Foto © Marcel Burkhardt
    An kanalisierten Gewässern, wie hier am Linthkanal, ist der Fischbestand aufgrund des Mangels an natürlichen Strukturen stark reduziert. Zudem finden die Fische keine Refugien vor einfliegenden Kormoranen.
    An kanalisierten Gewässern, wie hier am Linthkanal, ist der Fischbestand aufgrund des Mangels an natürlichen Strukturen stark reduziert. Zudem finden die Fische keine Refugien vor einfliegenden Kormoranen.
    Foto © Parpan05 | CC BY-SA 3.0 | wikimedia.org
    In den letzten Jahren ist der Brutbestand des Kormorans kaum grösser geworden. Im Gegenteil: 2020 war der Brutbestand erstmals tiefer als im Vorjahr, wenn auch nur geringfügig. Drei Viertel des Bestands brütet am Neuenburger- und Genfersee.
    In den letzten Jahren ist der Brutbestand des Kormorans kaum grösser geworden. Im Gegenteil: 2020 war der Brutbestand erstmals tiefer als im Vorjahr, wenn auch nur geringfügig. Drei Viertel des Bestands brütet am Neuenburger- und Genfersee.
    Foto © Schweizerische Vogelwarte
    Der Winterbestand des Kormorans hat seit Beginn der Zählungen 1967 bis Anfang der 1990er-Jahre stark zugenommen. Danach ging er wieder zurück und ist inzwischen seit mehr als 20 Jahren stabil bei rund 5500 Individuen.
    Der Winterbestand des Kormorans hat seit Beginn der Zählungen 1967 bis Anfang der 1990er-Jahre stark zugenommen. Danach ging er wieder zurück und ist inzwischen seit mehr als 20 Jahren stabil bei rund 5500 Individuen.
    Foto © Schweizerische Vogelwarte

    Fische gehören zu den gefährdetsten Tiergruppen der Schweiz. Durch menschliche Aktivitäten wurden die natürlichen Strukturen in ihren Lebensräumen vielerorts zerstört und ihre Wanderungen durch Dämme und andere Bauwerke unterbunden. Um diese Verluste zu kompensieren, wurden Gewässer auch mit gebietsfremden Fischarten besetzt, die in Konkurrenz zu den heimischen Fischen traten. Pestizide, Spurenstoffe wie Arzneimittelrückstände und Mikroplastik sowie die Folgen des Klimawandels wirken schon heute auf manche Fischart kritisch. Zudem ist wissenschaftlich erwiesen, dass die fischereiwirtschaftliche Nutzung an manchen unserer Seen das Mass der Nachhaltigkeit übersteigt. Doch trotz erheblicher Bestandsrückgänge vieler Fischarten und sinkender Erträge der Berufs- und Angelfischer verbleiben die Kormoranzahlen auf hohem Niveau. Der Konflikt wird sich weiter verschärfen, wenn massgebende menschgemachte Einflüsse auf unsere Gewässer ausgeblendet werden.

    Bestandsentwicklung mit Grenzen

    Der Kormoran ist eine einheimische Art, die seit historischen Zeiten bei uns überwintert. Der Bestand der in der Schweiz überwinternden Kormorane hat sich seit einem Maximum in den 1990er Jahren inzwischen bei rund 5500 Individuen eingependelt. Seit Jahrhunderten verfolgt, wurde er in Europa in den 1960er Jahren an den Rand des Aussterbens gebracht. Nach Unterschutzstellung erholte sich sein Bestand aber rasch. Bei der letzten Erfassung im Jahr 2012 wurden in Europa etwa 370 000 Brutpaare der im europäischen Binnenland heimischen Unterart sinensis gezählt. Seit 2001 brütet er ohne menschliches Zutun auch in der Schweiz, der Bestand lag 2020 gemäss Zählungen bei 2468 Brutpaaren. Wie bei vielen grossen Vogelarten wird der Kormoranbestand kaum durch Prädatoren, sondern vor allem durch die Verfügbarkeit von Nahrung und Nistplätzen bzw. Konkurrenz mit Artgenossen limitiert. Die seit 2016 geringe jährliche Zuwachsrate des Brutbestands deutet darauf hin, dass diese Faktoren zu wirken beginnen. Die limitierende Ressource scheint dabei eher die Verfügbarkeit geeigneter Nistplätze zu sein, als knapp werdende Nahrung. Darauf weist die Tatsache hin, dass sich alle Schweizer Brutkolonien in Schutzgebieten befinden.

    Komplexe Zusammenhänge

    Lange Zeit stiegen die Fischfangerträge und die Bestände des Kormorans parallel an. Doch in den letzten Jahren wuchsen nur noch die Kormoranzahlen. Mancherorts fangen Kormorane inzwischen ähnlich viel Fisch wie Berufsfischer. Ist also der Kormoran Schuld am Zusammenbruch der Fischfangerträge? Der Zusammenhang zwischen Fischfangertrag und Kormoranbestand ist wesentlich komplexer. Ein über Jahre steigender Bestand an fischfressenden Vögeln bedeutet, dass ausreichend Nahrung vorhanden sein muss. Der scheinbare Widerspruch zu stark gesunkenen Fischfangerträgen ist mit methodischen Schwierigkeiten zu begründen. Selbst mit grösstem Aufwand kann der tatsächliche Fischbestand nur ungenau erfasst werden. Meist wird der Fangertrag der Berufsfischer als Mass für den Fischbestand verwendet. Doch dieser wird z.B. vom Befischungsaufwand, den Mindestfanggrössen, aber auch von den Vorlieben für wenige, wirtschaftlich relevante Fischarten beeinflusst. Über die Bestände wirtschaftlich wenig interessanter Fischarten sowie von Jung- und Kleinfischen, die unterhalb des Fangmasses liegen, sind anhand des Fischereiertrags keine Aussagen möglich. Kormorane nutzen jedoch genau diese Fische in hohem Masse. Eine Zunahme fischfressender Vögeln bei gleichzeitig rückläufigem Fangertrag ist somit noch kein Nachweis eines Schadens oder einer Gefährdung der Fischbestände durch die Vögel.

    Kormorane bevorzugen Fische zwischen 10 und 15 cm Länge, ausnahmsweise können sie bis um 40 cm gross sein. Genutzt werden vor allem jene Fische, die am einfachsten und häufigsten verfügbar sind. Das können auf Laichgründen aber auch seltene Fischarten sein. Der tägliche Nahrungsbedarf eines einzelnen Kormorans hängt von seiner Grösse, sowie seinem Geschlecht und Alter ab, aber auch vom Nährwert der Beutefische. Bei kalten Luft- und Wassertemperaturen sowie Störungen, welche die Kormorane zur Flucht zwingen, steigt der Appetit. Im Schnitt benötigt ein Kormoran täglich etwa 300 bis 500 g Fisch. Dabei führen die täglichen Jagdflüge bis in Distanzen von 100 km.

    Viel Fisch, viele Nutzer

    Analysen der Vogelwarte zeigen, dass der Fischfangertrag positiv mit der Anzahl der Kormorane korreliert. Dies ist angesichts der Nutzung einer gemeinsamen Ressource einleuchtend, verstärkt jedoch das Konkurrenzgefühl und den Wunsch nach Massnahmen. Der Kormoran ist in der Schweiz im Winter jagdbar. Zwischen 2010 und 2019 wurden gemäss eidgenössischer Jagdstatistik pro Jahr durchschnittlich 1509 Kormorane erlegt (inkl. Spezialabschüsse). Problematisch ist dies, wenn dadurch störungsempfindliche überwinternde Vogelarten beeinträchtigt und die Schutzziele von Wasser- und Zugvogelreservaten gefährdet werden. Vom 1. Februar bis 31. August geniesst der Kormoran eine Schonzeit, doch reicht seine Brutzeit regelmässig bis weit in den September. Die Kantone können zudem jederzeit Massnahmen gegen einzelne Kormorane, die erheblichen Schaden anrichten, anordnen oder erlauben. In den angrenzenden EU-Staaten ist der Kormoran hingegen ganzjährig geschützt. Er kann dort nur mit Ausnahmebewilligung geschossen werden, die allerdings regelmässig ausgestellt wird.

    Was bringen Massnahmen zur Schadensabwehr?

    Ein Grossteil der bei uns nistenden Kormorane zieht im Winter Richtung Iberische Halbinsel, insbesondere Jungvögel. Unsere Wintergäste stammen gemäss Ringfunden primär von der Nordund der Ostsee. Abschüsse im Winter haben somit kaum Einfluss auf bei uns brütende Kormorane. Systematische Zugvogelerfassungen am Défilé de l’Écluse in Frankreich zeigen, dass dort im Herbst bis zu 20 000 Kormorane durchziehen, die zuvor die Schweiz passiert haben. Diese Zahl veranschaulicht auch die Sinnlosigkeit, über winterliche Abschüsse in der Schweiz einen Bestandsrückgang erwirken zu wollen.

    Wirkung könnte durch Vergrämungsabschüsse erzielt werden (ein Vogel wird erlegt, der Rest eines Trupps flieht). Dadurch mag bei konsequentem Vorgehen die Kormoranpräsenz zwar lokal reduziert werden, doch gilt es, genau abzuwägen: Werden Kormorane an Seen vergrämt, weichen sie rasch innerhalb des Gewässers oder auf Flüsse aus, wo der Frassdruck auf die durch den Klimawandel bereits stark gefährdete Äsche künstlich erhöht werden könnte.

    Wichtig sind Massnahmen zum Artenschutz

    Die Vogelwarte lehnt gezielte Massnahmen gegen den Kormoran zum Schutz der Äsche während der Laichzeit nicht ab. So kann an begradigten Flussläufen durch den gezielten Vergrämungsabschuss weniger Kormorane der Äschenschutz an den wenigen verbliebenen Laichgründen gewährleistet werden, ohne andere Schutzziele zu gefährden. Diese Haltung vertritt die Vogelwarte nach Abwägung der bekannten Fakten. Sie setzt sich unverändert dafür ein, dass Diskussionen und getroffene Massnahmen auf Fakten beruhen und zielführend sind.

    Die Vogelwarte ruft zudem alle von der Kormorandiskussion Betroffenen dazu auf, sich durch einen allfälligen Konflikt nicht von ihren gemeinsamen Zielen abbringen zu lassen, die Lebensbedingungen für Fische und Vögel an den Schweizer Seen und Flüssen zu verbessern.