Ist die Schweiz zu aufgeräumt für den Steinkauz?

    Politische Grenzen können einen grossen Einfluss auf die Eignung einer Region als Lebensraum haben. Dies zeigt sich deutlich am Beispiel des Steinkauzes, bei dem die Besiedlung in der Schweiz langsamer verläuft als in Süddeutschland.

    Der Steinkauz bewohnt strukturreiche und wenig intensiv bewirtschaftete Landwirtschaftsgebiete.
    Der Steinkauz bewohnt strukturreiche und wenig intensiv bewirtschaftete Landwirtschaftsgebiete.
    Foto © Mathias Schäf

    Ein für die Schweiz und Baden- Württemberg erstelltes Habitateignungsmodell zeigte, dass weite Teile des Landwirtschaftsgebiets beider Regionen als Lebensraum für den Steinkauz geeignet wären. Trotzdem nahm in den letzten Jahren die süddeutsche Population stark zu, während der Schweizer Bestand trotz Fördermassnahmen vergleichsweise langsam anstieg. Die Gründe dafür zeigt eine neue Studie der Schweizerischen Vogelwarte.

    In Baden-Württemberg fanden die Fachleute deutlich mehr extensiv bewirtschaftete Wiesen als in der Schweiz. Auch alte Hochstamm-Obstbäume mit vielen potenziellen Bruthöhlen kamen häufiger vor. Zudem waren Kleinstrukturen wie Asthaufen und Trockensteinmauern in Süddeutschland rund drei Mal häufiger, was sich auf das Angebot an Bruthöhlen und Beutetieren auswirkt. Grund dafür sind soziokulturelle, historische und rechtliche Unterschiede in der Landnutzung über politische Grenzen hinweg. Auch unterschiedliche Anreize der Agrarpolitik spielen eine Rolle: Zum Beispiel wurden viele Schweizer Hochstamm-Obstgärten nach dem Zweiten Weltkrieg durch staatlich unterstützte Rodungsaktionen ausgemerzt. Diese Unterschiede führen zu einer unterschiedlich intensiven Nutzung und damit auch zu einer unterschiedlichen Verfügbarkeit von überlebenswichtigen Ressourcen wie Nahrung oder Nistplätzen. Die erfolgreiche Förderung des Steinkauzes in der Schweiz erfordert also ein Umdenken in der Agrarpolitik und mehr Toleranz gegenüber unproduktiven Strukturen und scheinbarer «Unordnung » wie alten Hütten und grossen Einzelbäumen mit abgestorbenen Ästen, wovon auch viele weitere gefährdete Arten profitieren würden.

    Tschumi, M., P. Scherler, J. Fattebert, B. Naef-Daenzer & M. U. Grüebler (2020): Political borders impact associations between habitat suitability predictions and resource availability. Landscape Ecol 35: 2287–2300. https://doi.org/10.1007/s10980-020-01103-8