Munitionsblei belastet Steinadler

      Die Vogelwarte und ihre Partner aus Wissenschaft und Wildhut konnten die letzten Zweifel ausräumen. Das Blei, welches Steinadler und Bartgeier vergiftet, stammt aus Jagdmunition. Die Zeit ist reif, zum Schutz der gros­sen Greifvögel auf bleifreie Munition umzusteigen.

      Dieser Steinadler wurde mit einer Bleivergiftung in die Vogelwarte eingeliefert. Nach erfolgreicher Entgiftungskur erholte er sich in der Greifvogelstation Berg am Irchel. Nach 5 Wochen konnte er freigelassen werden.
      Dieser Steinadler wurde mit einer Bleivergiftung in die Vogelwarte eingeliefert. Nach erfolgreicher Entgiftungskur erholte er sich in der Greifvogelstation Berg am Irchel. Nach 5 Wochen konnte er freigelassen werden.
      Foto © Marcel Burkhardt
      Blei-Isotope (207Pb/208Pb und 206Pb/208Pb) aus verschiedenen Quellen. Die Ellipsen zeigen das Vertrauensintervall von 95 %. Das Blei in Steinadlerknochen (rot) stimmt nicht mit dem aus dem Boden (grün), sondern mit demjenigen aus der Munition (schwarz) überein.
      Blei-Isotope (207Pb/208Pb und 206Pb/208Pb) aus verschiedenen Quellen. Die Ellipsen zeigen das Vertrauensintervall von 95 %. Das Blei in Steinadlerknochen (rot) stimmt nicht mit dem aus dem Boden (grün), sondern mit demjenigen aus der Munition (schwarz) überein.
      Ein Steinadler frisst den Aufbruch aus der Hochwildjagd.
      Ein Steinadler frisst den Aufbruch aus der Hochwildjagd.
      Foto © David Jenny

      Steinadler und Bartgeier sind in der Schweiz einer hohen Bleibelastung ausgesetzt. Im Avinews vom April 2014 informierten wir über die Erkenntnisse aus einem Forschungsprojekt der Vogelwarte in Zusammenarbeit mit dem Amt für Jagd und Fischerei Graubünden, dem Rechtsmedizinischen Institut der Universität Zürich sowie dem Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Zürich.

      Blei findet bei der Herstellung von Schrot- und Kugelmunition breite Anwendung. Wenn Gämsen, Rothirsche und Steinböcke auf der Jagd oder durch die Wildhut mit Bleimunition erlegt werden und sich Steinadler und Bartgeier von den liegen gebliebenen Überresten ernähren, kann Blei in die Nahrungskette gelangen. Die starke Magensäure der Greifvögel wandelt das elementare Blei um, was dessen Aufnahme im Körper beschleunigt. Schon kleinste Mengen des hochgiftigen Schwermetalls können zu Appetitlosigkeit, Schwächung und zum Tod führen. Weil Blei auch aus natürlichen Quellen, wie beispielsweise aus dem Boden, in die Nahrungskette gelangen kann, wollten die Organisationen es genau wissen.

      Zur Klärung der Frage bestimmten wir bei Blei aus verschiedenen Quellen (Munition, Knochen von Uhus und Steinadlern, Knochen von Beutetieren und Bodenproben aus dem Kanton Graubünden) zwei Isotopenverhältnisse (207Pb/208Pb und 206Pb/208Pb). Dabei zeigte sich, dass sich die Isotopensignatur des Bleis aus Steinadlerknochen nicht von derjenigen des Muni­tionsbleis unterschied. Hingegen wich die Signatur von Bodenblei von derjenigen in den Steinadlerknochen deutlich ab. Bei der Untersuchung der Steinadlerknochen konnten wir keinen Zusammenhang zwischen der Bleikonzentration und dem Verhältnis der Blei­isotope feststellen, ebenso wenig wie eine altersbedingte Akkumulation von über die Nahrungskette aufgenommenem Blei. Aus diesen Resultaten lässt sich schliessen, dass die Quelle für die hohen Bleiwerte in den Steinadlern tatsächlich die Jagdmunition ist.

      Die beste Erklärung, wie Steinadler Blei aufnehmen, ist das Verschlucken von kleinen bis winzigen Bleifragmenten, die sich in Tierkadavern oder in Aufbrüchen, also Innereien erlegter Tiere, finden. Mit Fotofallen konnten wir zeigen, dass Steinadler solche Aufbrüche bei der Hoch- und Steinwildjagd systematisch nutzen. Zur Bestätigung analysierten wir den Bleigehalt in den Schwungfedern von Steinadlern. Während des Federwachstums aufgenommenes Blei lagert sich nämlich auch in der Feder ein. Weil Federn kontinuierlich wachsen, lassen sich aus den Resultaten Rückschlüsse auf ein zeitliches Muster der Bleiaufnahme ziehen. In rund einem Viertel der Federn fanden sich in einem von drei Federabschnitten hohe Bleiwerte, wogegen wir in den anderen beiden Abschnitten kaum Blei feststellten. Dies weist darauf hin, dass Blei nicht kontinuierlich, sondern episodisch in Form von Bleipartikeln aufgenommen. In seltenen Fällen geschieht dies in akut toxischen Dosen, meist aber in subletalen Mengen, welche zu Appetitlosigkeit und Schwächung der Vögel führt.

      Die Resultate bestätigen die Befürchtung, dass bleihaltige Jagdmunition für die Vergiftung von Steinadlern und Bartgeiern verantwortlich ist. Um künftigen Vergiftungsfällen vorzubeugen, verwenden die Jagdverwaltungen verschiedener Kantone beim Hegeabschuss von Tieren bereits heute nur noch bleifreie Munition. Der Ball liegt nun bei der Munitionsindustrie und bei den Jägern, die heute weitgehend verwendete Bleimunition so rasch wie möglich zu ersetzen. Denn die Zukunft der Jagd ist bleifrei.

      David Jenny, Lukas Jenni & Michael Schaad