Wendehalsförderung – auch ohne Hochstämmer?

    Ein Förderprojekt der Schweizerischen Vogelwarte, von BirdLife Schweiz und lokalen Partnern greift dem heimlichen Wendehals unter die Flügel. Für den seltenen und potenziell gefährdeten Vogel ist entscheidend, dass er Lebensräume mit genügend Ameisen und einem ausreichenden Höhlenangebot findet.

    Der Wendehals brütet in Baumhöhlen und füttert seine Jungen mit Ameiseneiern.
    Der Wendehals brütet in Baumhöhlen und füttert seine Jungen mit Ameiseneiern.
    Foto © Oliver Richter
    Rebflächen mit offenen Bodenstellen bieten dem Wendehals gute Nahrungsbedingungen. Mit Nistkästen kann ein ausreichendes Bruthöhlenangebot in der Umgebung geschaffen werden.
    Rebflächen mit offenen Bodenstellen bieten dem Wendehals gute Nahrungsbedingungen. Mit Nistkästen kann ein ausreichendes Bruthöhlenangebot in der Umgebung geschaffen werden.
    Foto © Michael Lanz
    Eine erfolgreiche Brut mit sieben Jungvögeln in einem Nistkasten des Förderprojekts am Bielersee. Da kann es zuweilen etwas eng werden.
    Eine erfolgreiche Brut mit sieben Jungvögeln in einem Nistkasten des Förderprojekts am Bielersee. Da kann es zuweilen etwas eng werden.
    Foto © Hans Rudolf Pauli

    «Gjä-gjä-giä-giä-giä-giä» tönt es aus dem Rebberg in der Waadtländer Region La Côte. Zu sehen ist der rufende, gut getarnte Wendehals aber nicht. Eine Mitarbeiterin in diesem am Genfersee gelegenen Förderprojekt ist bereits in den frühen Morgenstunden unterwegs. Sie verfolgt das Brutgeschehen und kontrolliert die Nisthilfen im Gebiet. Seit rund 10 Jahren setzen sich zahlreiche Ornithologinnen und Ornithologen mit grossem Engagement in schweizweit 15 Projekten für diesen sympathischen Vogel ein.

    Der Wendehals ist mit seinem gut getarnten Gefieder nur schwer zu entdecken, dazu kommt, dass er sich gerne in Gebüschen oder gut versteckt auf dem Boden aufhält. Ab Mitte März, wenn die Vögel aus den Überwinterungsgebieten im Süden zurückkehren, verrät er sich mit seinem auffälligen, durchdringenden Gesang. Als Zugvogel und ausgesprochener Ameisenspezialist, der selber keine Bruthöhlen zimmert und auch keinen Stützschwanz als Kletterhilfe besitzt, nimmt er unter den Spechten eine Sonderstellung ein. Im Gegensatz zu den meisten anderen Spechtarten verzeichnet der Wendehals in den vergangen Jahrzehnten einen starken Rückgang. So steht die Art als potenziell gefährdet auf der Roten Liste der gefährdeten Brutvogelarten der Schweiz und ist eine Prioritätsart für die Artenförderung. Die Vogelwarte schätzt den aktuellen Brutbestand in der Schweiz auf 2000–3000 Brutpaare.

    Der Wendehals zeigt bei der Wahl seines Lebensraums eine hohe Flexibilität. Zwei Faktoren müssen jedoch erfüllt sein: Er braucht Bruthöhlen sowie ein ausreichendes und gut erreichbares Angebot an Ameisen. In der Schweiz findet er diese Bedingungen in sehr unterschiedlichen Gegenden. Im Wallis bewohnt der Wendehals Niederstammanlagen, in der Westschweiz und im Rheintal Rebberge, im Engadin lichte Lärchenwälder und im Tessin Dörfer und deren Umgebung. Vom tief gelegenen Mittelland bis in Höhen von 1800 m ü.M. findet er sich gut zurecht. Interessant ist, wie sich die Lebensraumnutzung in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Bevor der Wendehals in der Schweiz ab den Siebzigerjahren stark abgenommen hat, galt er als typischer Bewohner von Hochstamm-Obstgärten. Daneben besiedelte er auch Städte, welche bis in die Sechzigerjahre durch reich strukturierte Grünanlagen und Gärten charakterisiert waren. Das Verschwinden der traditionell genutzten, weitläufigen und parkartigen Obstbaumlandschaften und die Intensivierung des Unternutzens waren dann auch die Hauptursachen für seinen Rückgang. Niederstamm-Obstanlagen und Reben, welche heute gerne von diesem Specht bewohnt werden, nehmen in der Schweiz seit 20 Jahren stetig zu. Der Wandel in der Lebensraumnutzungen beim Wendehals ist also auch ein Spiegelbild der Landschaftsveränderung. Heute weist die Art nur noch im Wallis, der Westschweiz, im Tessin und in Teilen Graubündens eine flächige Verbreitung mit guten Beständen auf. In den übrigen Landesteilen brütet der Wendehals nur noch in geringer Dichte oder als Einzelpaare. Eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Fördermassnahmen sind detaillierte Kenntnisse über die Lebensraumansprüche der Art. Deshalb lancierte die Vogelwarte zusammen mit der Universität Bern 2002 ein Forschungsprojekt in der Rhoneebene im Wallis. Dort hängten die Partner 700 Nisthilfen für den Wiedehopf auf, welche bald auch vom Wendehals genutzt wurden; eine optimale Ausgangslage, um die Nutzung des Lebensraums und die Populationsdynamik dieser Art zu erforschen. Der Wendehals ernährt sich fast ausschliesslich von kleinen Offenlandameisen, die er in und an deren Bauten erbeutet. Er bevorzugt keine bestimmten Arten, entscheidend ist neben der Ameisendichte auch deren Erreichbarkeit. Zur Nahrungssuche hüpft der Wendehals auf dem Boden umher, was eine wenig dichte oder lückige Vegetationsdecke voraussetzt. Die Untersuchungen im Wallis zeigen, dass Wendehälse Lebensräume mit viel offenem Boden bevorzugen und die Nahrung an Stellen suchen, die einen Anteil von 30–70 % offen zugänglichen Boden aufweisen. Der stetige Rückgang von Trockenwiesen- und weiden sowie die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung im Grünland führten zu einer massiven Abnahme des Vorkommens und der Verfügbarkeit seiner Hauptnahrung.

    Von den positiven Erfahrungen im Wallis ermuntert, lancierten Ornithologinnen und Ornithologen nach 2004 in der Schweiz mehrere Förderprojekte. Besonders in der Westschweiz von Genf bis zum Bielersee, aber auch in der Ostschweiz (Bündner Herrschaft, Sarganserland) haben BirdLife-Kantonalverbände, lokale ornithologische Vereine, Kantone und Privatpersonen begonnen, den Wendehals zu fördern. Pionierarbeit leisteten der Kanton Waadt und der Ornithologe Bernard Genton in der Region La Côte zwischen Nyon und Morges. Hier wurden während mehreren Jahre nur noch zwei bis drei Brutpaare und vereinzelt rufende Individuen festgestellt. Das Projektteam hat seit 2004 rund 200 Nisthilfen in diesem vom Weinbau geprägten Gebiet platziert. Mit drei bis fünf Nisthilfen pro Standort wurde das Angebot an Bruthöhlen in Reben und an Dorfrändern deutlich erhöht. Damit wurde die Konkurrenz um Nisthöhlen mit anderen Vogelarten vermindert. Die Reben mit lückiger Vegetation oder offenen Bodenstellen bieten geeignete Nahrungshabitate. Die Wendehälse nahmen das neu geschaffene Höhlenangebot schnell an: Die Zahl der Brutpaare in den Nisthilfen stieg kontinuierlich an. 2014 konnten 55 Bruten festgestellt werden, und rund 360 Jungvögel wurden beringt.

    Die erfolgreiche Entwicklung in den verschiedenen Projekten zeigt, dass sich der Wendehals mit gezielten Massnahmen gut fördern lässt. Entscheidend ist dabei, dass das Angebot an Bruthöhlen mit Nisthilfen nahe bei ameisenreichen Gebieten mit lückiger Vegetation und offenen Bodenstellen erhöht wird. In praktisch allen Fördergebieten hat die Anzahl der Bruten stetig zugenommen. Diese Bestandszunahme steht im Kontrast zum schweizweiten Trend der letzten paar Jahre. Denn der Trend ist wie in allen anderen europäischen Ländern weiter rückläufig, trotz einer leichten Erholung 2011 und 2012. Die Verbreitung des Wendehalses ist besonders in der Deutschschweiz nach wie vor nur punktuell. Deshalb haben BirdLife Schweiz und die Vogelwarte in den Kantonen Bern, Solothurn und Aargau ein neues Förderprojekt gestartet, mit dem Ziel, die Vorkommen im Bereich des Bielersees weiter dem Jurasüdfuss entlang nach Osten auszudehnen. Zusammen mit den BirdLife-Kantonalverbänden und den lokalen Sektionen wurden in diesem Jahr erste Gebiete evaluiert und kartiert. Im Herbst werden dann an geeigneten Standorten Nisthilfen aufgehängt. In den Folgejahren sollen im Rahmen einer Erfolgskontrolle im Frühjahr Revierkartierungen und Kontrollen der Nisthilfen durchgeführt werden. Daneben gibt es im Mittelland, im Jura, in den Voralpen und im Tessin mit Rebbergen punktuell weitere Gebiete mit einem Potenzial für den Wendehals. In lichten Wäldern, Trockenstandorten und strukturreichen Siedlungsgebieten mit lückiger Vegetation könnten in diesen Gebieten künftig ebenfalls Förderprojekte lanciert werden. Von den Fördermassnahmen zu Gunsten des Wendehalses profitieren auch weitere gefährdete Arten wie der Gartenrotschwanz oder der Wiedehopf. Vielleicht verhilft die Wendehalsförderung künftig auch anderen attraktiven und sympathischen Vogelarten zum Aufschwung.

    Die Vogelwarte engagiert sich

    Wendehals