Der Hasenfuss zieht sich zurück

      Das bestens an harsche Bedingungen angepasste Alpenschneehuhn gehört zu den Verlierern der Klimaerwärmung. In mehreren Studien der Vogelwarte wird bereits ein Rückzug festgestellt – die Gründe sind aber nicht so klar, wie es scheint.

      Das Alpenschneehuhn ist mit seiner winterlichen Tarnfärbung und den befiederten Füssen bestens an ein Leben in Schnee und Eis angepasst.
      Das Alpenschneehuhn ist mit seiner winterlichen Tarnfärbung und den befiederten Füssen bestens an ein Leben in Schnee und Eis angepasst.
      Foto © Markus Varesvuo
      Die Verbreitung des Alpenschneehuhns ist zwischen den letzten zwei Atlasaufnahmen gleich geblieben. Einzelne Gebiete in tiefen Lagen und am Rande des Verbreitungsgebiets wurden geräumt, ein Phänomen, das sich mit dem Klimawandel wahrscheinlich verstärken wird.
      Die Verbreitung des Alpenschneehuhns ist zwischen den letzten zwei Atlasaufnahmen gleich geblieben. Einzelne Gebiete in tiefen Lagen und am Rande des Verbreitungsgebiets wurden geräumt, ein Phänomen, das sich mit dem Klimawandel wahrscheinlich verstärken wird.
      Wenn Schneeschmelze und Gefi ederwechsel nicht mehr synchron verlaufen, verliert das Alpenschneehuhn seine Tarnung.
      Wenn Schneeschmelze und Gefi ederwechsel nicht mehr synchron verlaufen, verliert das Alpenschneehuhn seine Tarnung.
      Foto © Olivier Born

      Das Alpenschneehuhn bewoht kalte Gebiete, was durch viele Anpassungen an diesen unwirtlichen Lebensraum ermöglicht wird. Unter anderem sind seine Beine befiedert, was ihm den wissenschaftlichen Gattungsnamen Lagopus, zu deutsch «der Hasenfüssige», eingetragen hat. Es ist rund um den Nordpol verbreitet und kommt in isolierten Populationen auch in den Pyrenänen und den Alpen vor. Die Schneehühner dieser isolierten Populationen sind genetisch sehr eigenständig. Die Population der Alpen gehört der eigenen Unterart Lagopus muta helvetica an. Mit über 10 000 Paaren beherbergt die Schweiz rund 40 % des alpinen Bestands und trägt somit eine hohe internationale Verantwortung für das Alpenschneehuhn in Mitteleuropa.

      Auf dem Rückzug

      In der Schweiz besiedelt das Alpenschneehuhn den gesamten Alpenraum und brütet bevorzugt in Höhen zwischen 1 900 und 3 000 m ü.M. Die Verbreitung hat sich in den letzten 20 Jahren kaum verändert: Während der Atlasaufnahmen 2013– 2016 konnten fast alle Vorkommen aus dem letzten Atlas 1993–1996 bestätigt werden. Im Gegensatz zur stabilen Verbreitung steht die Entwicklung im Bestand, der zwischen 1990 und 2010 um rund 30 % abgenommen hat. Daher musste das Alpenschneehuhn in die Vorwarnliste aufgenommen werden, was angesichts der hohen internationalen Verantwortung umso bedenklicher ist. Als Rückgangsursachen werden mehrere Gründe aufgeführt. Viel diskutiert wird die Kilmaerwärmung, zudem führt die zunehmende touristische Nutzung auch abgelegener Gebiete zu mehr Störungen, und auch die Jagd wird als möglicher negativer Einfluss in Betracht bezogen. Wie viel der Tourismus und die Jagd zum Bestandsrückgang beitragen, ist jedoch schwer abzuschätzen, weil es in der Schweiz kaum Studien dazu gibt. Den Einfluss des Klimawandels auf das Alpenschneehuhn hingegen hat die Vogelwarte in den letzten Jahren in mehreren Studien untersucht und dabei überraschende Erkenntnisse gewonnen.

      Schatten und Kälte entgegen – aber warum?

      Erste Studien fokussierten auf die Lebensraum- und Mikrohabitatwahl. In seinem Revier benötigt das Alpenschneehuhn eine geringe Vegetationshöhe und –dichte und eine hohe Vielfalt an Steinen und Felsformationen. Lebensräume mit Skipisten, Bäumen, einer dichten Vegetation oder sogar Wald in der Nähe werden kaum besiedelt. In seinem Revier sucht das Alpenschneehuhn gerne kühle, schattige und windgeschützte Stellen auf, die sich oft in nordexponierten Senken mit einigen Felsen befinden. Diese Mikrohabitate weisen eine geringe Sonneneinstrahlung auf, wogegen besonders Stellen mit direkter Sonneneinstrahlung gemieden werden. Diese Untersuchungen zeigen jedoch nur die kleinräumigen Präferenzen des Alpenschneehuhns. Je grösser das untersuchte Gebiet wird, desto wichtiger werden klimatische Faktoren, inbesondere die mittlere Temperatur im Juli. Zu tief darf diese nicht sein, denn im Sommer reagieren die frisch geschlüpften Jungen empfindlich auf kalte Temperaturen. Da die Küken ihre Körpertemperatur noch nicht selber regulieren können, werden sie von ihrer Mutter gewärmt. Je mehr diese wärmen muss, desto weniger Zeit bleibt den Küken für die Nahrungssuche übrig, was sich negativ auf deren Überleben auswirkt. Zu hoch darf die Temperatur aber auch nicht sein, wie weitere Untersuchungen unter Mitwirkung der Vogelwarte zeigen.

      Mit einem Klimamodell versuchten wir die potenzielle Verbreitung des Alpenschneehuhns in der Schweiz im Jahr 2070 abzuschätzen. Dieses zeigt, dass bei einem moderaten Anstieg der Sommertemperaturen die momentan geeigneten Gebiete an der Nord- und Südfl anke der Alpen im Jahr 2070 als Lebensraum ungeeignet sind. Geeignete Habitate werden sich auf höhere Lagen konzentrieren, besonders in den Zentralalpen. Die beunruhigende Prognose: die potenziell besiedelbare Fläche nimmt bis 2070 um bis zu zwei Drittel ab. Wie sich der Schweizer Bestand aber effektiv entwickelt, lässt sich nur mit Zählungen eruieren. Dazu wurden an 40 Orten zwischen 1995–2012 die balzenden Schneehähne gezählt. Insgesamt wurde über diese 18 Jahre an den untersuchten Orten ein Populationsrückgang von 13 % festgestellt. Zwischen den Regionen gab es aber grosse Unterschiede: In den östlichen Nordalpen wurde ein Zuwachs von 6 % beobachtet, in den Westalpen jedoch ein enormer Rückgang von 50 %. Gleichzeitig zeigen Auswertungen von zufälligen Beobachtungsdaten zwischen 1984–2012, dass sich das Alpenschneehuhn in den Nordalpen nur schwach in die Höhe verschoben hat, in den Westalpen gar nicht. In den Südalpen und im Kanton Graubünden hat es sich in diesen fast 30 Jahren im Mittel aber in höhergelegene Regionen verschoben.

      Die Verschiebung in höhere Lagen verläuft aber nicht so schnell, wie die Klimamodelle es voraussagen. Dass im Revier eine hohe Vielfalt an Steinen und Felsformationen wichtig ist, zeigt dass das Mikroklima, also die klimatischen Bedingungen auf einem sehr kleinen Raum, eine bedeutende Rolle spielt. So können Alpenschneehühner auch in Gebieten überleben, oder zumindest länger überdauern, die eigentlich zu warm sind. Möglicherweise ist die Wärmeaufnahme über die direkte Sonneneinstrahlung ein grösseres Problem als die effektive Temperatur selbst. Beispielsweise zeigen Alpenschneehühner auch bei hohen Lufttemperaturen von 28 °C keine Hitzereaktionen, solange sie sich im Schatten aufhalten können. Dies wirft die Frage auf, inwiefern das Alpenschneehuhn überhaupt direkt vom Klimawandel durch wärmere Temperaturen betroffen ist. Deshalb werden indirekte Faktoren als mögliche Erklärung für die Höhenverschiebung diskutiert: Landaufgabe und höhere Temperaturen lassen die Baumgrenze langsam höher rücken, mehr Raubtiere in höheren Lagen durch angenehmere Temperaturen haben eine erhöhte Prädation zur Folge, und durch eine frühere Schneeschmelze gibt es eine schlechtere Übereinstimmung zwischen der Farbe der Umgebung und der Tarnfarbe des Gefieders, weshalb die Entdeckungswahrscheinlichkeit eines Alpenschneehuhns für Räuber steigt. Unbestritten ist aber, dass das potenziell besiedelbare Habitat immer kleiner wird, je weiter in die Höhe die Schneehühner flüchten. Dies führt auch dazu, dass der Austausch zwischen Populationen immer schwieriger wird, da diese sich immer mehr auf voneinander getrennten Berggipfeln befinden.

      Trotz eines gewissen Puffereffekts durch die Wahl geeigneter Mikrohabitate wird das Alpenschneehuhn also bei fortschreitender Klimaerwärmung aus verschiedenen Gründen höchstwahrscheinlich grosse Probleme bekommen. Für den Fort-bestand des Alpenschneehuhns in der Schweiz gilt es, die verbleibenden vielfältigen Habitate zu erhalten und vor Landaufgabe zu bewahren, Vorranggebiete und künftige Habitate vor Wintersport-Infrastrukturen frei zu halten und menschliche Störungen zu minimieren.

      Alpenschneehuhn