Pensionierung von Christian Marti

      Christian Marti geht nach über 31 Jahren an der Schweizerischen Vogelwarte in den Ruhestand. Seine visionäre Planung prägt die Infrastruktur und das Arbeitsklima. Seine Raufusshuhnforschung macht ihn über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

      Erfolgreiche Pionierarbeit über Raufusshühner dank Wetterfestigkeit, Hartnäckigkeit und Einfallsreichtum.
      Erfolgreiche Pionierarbeit über Raufusshühner dank Wetterfestigkeit, Hartnäckigkeit und Einfallsreichtum.
      Foto © Walter Marti
      Christian Marti bei der Feldarbeit für seine Dissertation über Raufusshühner.
      Christian Marti bei der Feldarbeit für seine Dissertation über Raufusshühner.
      Foto © Klaus Robin
      Alles tanzt nach seiner Pfeife: Christian Marti bei einem seiner Vorträge über Vogelstimmen und Musik.
      Alles tanzt nach seiner Pfeife: Christian Marti bei einem seiner Vorträge über Vogelstimmen und Musik.
      Foto © Daniel Baumhoer
      Besonders zu gönnen ist Christian, dass er zusammen mit Felix Tobler, dem Leiter des Besuchszentrums, am 6. Mai 2017 den Nachhaltigkeitspreis des «European Museum of the Year Award» in Zagreb abholen durfte. Die Vogelwarte darf noch Jahrzehnte von dieser besonderen Infrastruktur profitieren.
      Besonders zu gönnen ist Christian, dass er zusammen mit Felix Tobler, dem Leiter des Besuchszentrums, am 6. Mai 2017 den Nachhaltigkeitspreis des «European Museum of the Year Award» in Zagreb abholen durfte. Die Vogelwarte darf noch Jahrzehnte von dieser besonderen Infrastruktur profitieren.
      Foto © Geri Wyss, Sempacher Woche

      Christian Marti studierte an der Universität Bern Biologie und war anschliessend Biologielehrer und später Assistent am Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern. Seine Dissertation unter der Leitung von Prof. U.N. Glutz von Blotzheim widmete sich zwei damals wenig untersuchten Vogelarten der Schweiz, dem Alpenschneehuhn und dem Birkhuhn. Dies war die Arbeit eines Pioniers, die Christian prägte. An die Vogelwarte kam Christian im Februar 1986, weil ein Mitarbeiter zur Überarbeitung des Inventars der Wasservogelgebiete von internationaler Bedeutung gesucht wurde. Aus der befristeten Anstellung wurde bald eine unbefristete, da die Qualitäten und die Vielseitigkeit von Christian allseits geschätzt wurden. Christian Marti war lange Zeit für das Auerhuhn-Schutzprojekt zuständig; er übernahm das Dossier Freileitungen; er verfasste drei Themenhefte; er publizierte mit Josef Hofer über den Gänsesäger. Und: er hat zahlreiche, man möchte fast sagen, alle deutschen Texte der Vogelwarte zum Schluss durchgelesen und redigiert und so dem schriftlichen Auftritt der Vogelwarte sprachlich und oft auch inhaltlich den letzten Schliff gegeben.

      Ab 1984 wirkte Christian in der Redaktion des Ornithologischen Beobachters mit, 1987 bis 2017 als Redaktor (ab 2000 zusammen mit Peter Knaus). Er führte diese wichtige Zeitschrift mit sicherer Hand und verhalf zahlreichen Arbeiten zur Publikation, weil er sie massgeblich ergänzte, überarbeitete und in Form brachte. Nicht nur das, mehr als die Hälfte der lesenswerten, oft pointierten Buchbesprechungen stammte aus seiner Feder, etwas was zu seinen zahlreichen «Freizeitvergnügen» gehörte. Auch die Jahresberichte der Vogelwarte und die Berichte über die Mitarbeitertagungen schrieb oder redigierte Christian.

      Mit der Pensionierung von Raymond Lévêque Ende Januar 1997 übernahm Christian Marti die Bibliothek. Er erkannte den Wert dieser einmaligen Sammlung von ornithologischen Büchern, Zeitschriften, Separaten und Tonträgern, aber auch die Gefahren, die in der digitalen Welt für eine Papiersammlung lauerten, etwas was ihn bis zu seiner Pensionierung beschäftigte. Es war Christian, der die Bibliothek über die Zentralund Hochschulbibliothek Luzern an den Informationsverbund Deutschschweiz anschloss, alle Bücher mit verschiedenen Mitarbeiterinnen katalogisierte und somit öffentlich zugänglich machte, die entsprechenden Kurse selber besuchte, die Anschaffungen vorantrieb, Nachlässe in Empfang nahm, und nicht zuletzt in der Seerose eine Bibliothek plante, baute, einrichtete, die den Anforderungen einer Spezialbibliothek mit europaweitem Ruf weit in die Zukunft gerecht werden wird. Die Tätigkeit als Bibliothekar lag Christian so am Herzen, dass er sie auch in den hektischen Zeiten der Neubauten nicht aufgab.

      Für die Vogelwarte am wichtigsten war, dass Christian Marti mit Weitsicht die Infrastruktur organisatorisch und baulich auf ein völlig neues Niveau hob, das über Jahrzehnte massgebend sein wird. Wie kam es dazu? Im Jahr 2000 übernahm Christian Marti in der neuen dreiköpfigen Leitung der Vogelwarte die Aufgaben des Betriebsleiters. Darunter fiel die Verantwortung über Personal, Finanzen, Bauten, Infrastruktur und Betrieb, alles Bereiche, die in einem Biologiestudium nicht vermittelt werden. Die Vogelwarte hatte mehrfaches Glück: Christian kannte als Biologe die Bedürfnisse eines Fachinstituts; er wusste, wie man mit Biologen umging; er brachte Erfahrungen aus der Leitung von Vereinen mit, u.a. der regionalen Spitex; Betriebswirtschaft erlernte er in einem Nachdiplomstudium; Christian besass in ausgesprochenem Masse, was man am besten unter gesundem Menschenverstand zusammenfassen kann; nicht zuletzt war Christian Visio- när mit konkreten Ideen zur Weiterentwicklung der Vogelwarte.

      Mit dem Wachstum der Vogelwarte wurden die Leitung komplizierter, die Finanzen komplexer, die Anforderungen an die Rechnungslegung grösser. Christian meisterte alle diese Herausforderungen: Reglemente wurden erstellt, die Rechnungslegung professionalisiert, der Budgetierungsprozess erneuert, das Personalwesen aufgebaut, die Finanzen immer im Lot gehalten, eine gute Pensionskasse gewählt. Das tönt alles nach viel trockener Verwaltungsarbeit, war und ist aber, so wie es Christian zusammen mit dem Stiftungsrat und der Institutsleitung umgesetzt hat, für das gute Arbeitsklima und persönliche Wohlbefinden der Mitarbeitenden ausschlaggebend. Mit dem Anwachsen des Vogelwarte- Personals wurde der Platz im 1955 erbauten Gebäude mehr als knapp.

      Das Gebäude «Am Bach», das Christian in der Bauphase betreute, schaffte zwar ab 2001 Abhilfe, teilte aber die Vogelwarte in zwei Gebäude auf. Zudem war der Besucherbereich im alten Gebäude seit Jahren nicht auf einem Stand, der als Attraktion gelten konnte. Eine Lösung musste gefunden werden. Es war Christian, der an einer Gemeindeversammlung im Juni 2004 realisierte, dass die letzte Landreserve nahe der Vogelwarte zur Disposition stand. Er entwickelte die Vision, das Institut am Standort Seerose neu zu bauen, und danach am alten Standort ein richtiges Besuchszentrum einzurichten. Da dies im Altbau vernünftigerweise nicht möglich war, war es wiederum die Idee von Christian, das alte Gebäude abzureissen und ausserhalb der Seeuferschutzzone das neue Besuchszentrum zu errichten. Und so kam es. Christian wurde zum Bauherrn dieser beiden Gebäude. Er wird nun entgegnen, dass viele Leute mitgemacht haben: Stiftungsrat, Institutsrat, Kommissionen, Arbeitsgruppen, Architekten, Planer, Fachleute, Ausstellungsmacher. Stimmt. Aber Christian verstand es, alle diese Personen und Gremien zu führen und aufeinander abzustimmen. Und so gelang es ihm, innerhalb der veranschlagten Zeit und genau nach Budget diese beiden Gebäude zu realisieren – eine Meisterleistung. Beide Gebäude wurden nach den Grundsätzen von Minergie-P-Eco erstellt, was oft nicht einfach durchzusetzen war. Im Bürogebäude Seerose galt es auch, die Inneneinrichtung festzulegen. In einem intensiven Prozess kristallisierte sich dann die offene Bürostruktur heraus, die sich seither sehr bewährt hat. Das Besuchszentrum stellte noch mehr Herausforderungen: ein Wettbewerb wurde veranstaltet, ein Lehmbau wurde verwirklicht, die Ausstellung hatte besondere Anforderungen. Alles wurde mit einem sehr ansprechenden, einmaligen Gebäude gelöst.

      Christian Marti ist auch in seiner Freizeit sehr aktiv: z.B. als Präsident der Reformierten Kirchgemeinde Sursee und seit kurzem auch als Präsident von Pro Sempachersee. Sein Interesse für klassische Musik und sein Engagement als Bratschist in mehreren Orchestern verband er mit dem Vogelgesang. Daraus entwickelte er ein vertontes Themenheft und einen Vortrag, besser eine Performance über Vogelgesang und Musik, die stets auf grosse Begeisterung stösst. Auch seine Liebe zu den Raufusshühnern pflegt er als Hobby bis heute. Jedes Jahr macht Christian Zählungen, die er kürzlich in «seiner» Zeitschrift publizierte. So blieb er anerkannter Raufusshuhnforscher, wurde Koautor des Buchs «Die Birkhühner» und nahm an zahlreichen Tagungen teil. Die Ala und die Vogelwarte würdigen Christian deshalb anlässlich seiner Pensionierung mit einem Raufusshühner-Symposium im Oktober in Bern.

      Mit Christian Marti geht eine markante Persönlichkeit in Pension, die die Infrastruktur der Vogelwarte und ihr ausgezeichnetes Arbeitsklima prägte. Wir danken Christian ganz herzlich für sein ausserordentliches Engagement für die Vogelwarte und wünschen ihm für den neuen Lebensabschnitt alles Gute.