August 2018
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    In eine begrünte Zukunft für die Heidelerche

    In den Walliser Weinbergen brütet rund die Hälfte des Schweizer Bestands der Heidelerche. In einem Forschungsprojekt haben wir in den letzten Jahren die Lebensraumansprüche der Walliser Heidelerchen in Bezug auf die unterschiedlichen Bewirtschaftungsmethoden untersucht.

    Solche alternierend begrünte Weinparzellen nutzt die Heidelerche besonders gerne. Zusätzlich können durch die hier gepflanzten Bäume und Sträucher auch andere Arten wie die Zaunammer gefördert werden.
    Solche alternierend begrünte Weinparzellen nutzt die Heidelerche besonders gerne. Zusätzlich können durch die hier gepflanzten Bäume und Sträucher auch andere Arten wie die Zaunammer gefördert werden.
    Foto © Laura Bosco
    Diese Heidelerche wurde eingefangen, um sie mit einem Sender auszustatten und während den darauf folgenden sechs Wochen mittels Radiotelemetrie ihren Standort zu ermitteln.
    Diese Heidelerche wurde eingefangen, um sie mit einem Sender auszustatten und während den darauf folgenden sechs Wochen mittels Radiotelemetrie ihren Standort zu ermitteln.
    Foto © Elisabeth Klaus
    Beispiel eines Heidelerchenreviers (schwarze Linie) basierend auf den ermittelten Radiotelemetrie-Standorten (rote Punkte). Das Revier wurde in einem Bereich mit vielen begrünten Weinbergen angelegt. Das Mosaik zeigt die begrünten Parzellen (grün) inmitten der unbegrünten, mit Herbizid behandelten Flächen (grau).
    Beispiel eines Heidelerchenreviers (schwarze Linie) basierend auf den ermittelten Radiotelemetrie-Standorten (rote Punkte). Das Revier wurde in einem Bereich mit vielen begrünten Weinbergen angelegt. Das Mosaik zeigt die begrünten Parzellen (grün) inmitten der unbegrünten, mit Herbizid behandelten Flächen (grau).
    Foto © Kantonales Geoportal Wallis.
    Verbreitungskarte der Heidelerche in der Schweiz, basierend auf den Daten für den Brutvogelatlas 2013–2016.
    Verbreitungskarte der Heidelerche in der Schweiz, basierend auf den Daten für den Brutvogelatlas 2013–2016.
    Foto © Archiv Schweizerische Vogelwarte

    Obwohl der Bestand der Heidelerche in der Schweiz seit 2000 zugenommen hat, ist die Anzahl der Brutpaare mit rund 300 noch immer sehr tief. Deshalb ist die Heidelerche in der Schweiz auf der Roten Liste als «verletzlich» eingestuft und gehört zu den Prioritätsarten, für welche spezifische Fördermassnahmen ergriffen werden. Hierzulande ist sie vor allem in den Juraweiden aber auch in den Weinbergen der Nordostschweiz, um Genf und im Wallis zu beobachten. Rund die Hälfte der Brutpaare kommt im Wallis vor. Ihr melodiöser Gesang, der ihr ihren wissenschaftlichen Gattungsnamen Lullula und den französischen Namen «Alouette lulu» eingebracht hat, ist bereits früh im Jahr ab Mitte Februar zu hören. In diesen Wochen im Spätwinter kann man die Heidelerche oft bei ihrem ausdauernden Fluggesang in luftiger Höhe beobachten. Doch sobald Ende März das Brutgeschäft beginnt, sind die Vögel sehr heimlich, da sie nun die meiste Zeit am Boden verbringen. Hier suchen sie gut getarnt nach Nahrung oder brüten bereits auf dem Nest. Während der Brutzeit von März bis Juli, ist die Heidelerche hauptsächlich auf Insekten als Nahrungsquelle angewiesen, welche sie bevorzugt in kurzrasigen Lebensräumen aufspürt.

    Kontrastierende Lebensbedingungen in Walliser Weinbergen

    Die Weinberge im Wallis stellen einen extremen Lebensraum dar, da hier noch immer auf rund 80 % der Parzellen ganzflächig die Bodenvegetation mit Herbiziden abgetötet wird. Die Weinberge geben somit häufig ein karges Bild ab. Die Benutzung der Herbizide ist vor allem durch das trockene Klima zu erklären: Die Weinbauern wollen eine zu starke Konkurrenz um Wasser und Nährstoffe zwischen den Reben und anderen Pflanzen verhindern und vernichten deshalb das vermeintliche Unkraut. Doch in den letzten Jahren konnte vermehrt ein Richtungswechsel zu umweltfreundlicheren Bewirtschaftungsmethoden festgestellt werden, welche eine Bodenbegrünung zulassen. Seither nimmt die Anzahl begrünter Weinberge im Wallis zu, was zum heutigen, kontrastierenden Landschaftsbild führt: Begrünte Parzellen stehen oftmals wie Oasen in herbizidbehandelten, kargen Flächen. Je nach Region sind sie jedoch häufig isoliert von anderen begrünten Weinbergen. Die Tatsache, dass ein Grossteil des Schweizer Heidelerchenbestandes in einem solch extremen Lebensraum brütet, warf eine Reihe von Forschungsfragen auf, welchen die Vogelwarte zusammen mit der Universität Bern in den letzten Jahren nachging.

    Heidelerchen mögen begrünte, artenreiche Weinberge

    In einem ersten Schritt wollte das Forscherteam verstehen, in welchen Weinbergen sich die Heidelerchen bevorzugt aufhalten, respektive ob sie eine Vorliebe für eine der beiden Bewirtschaftungstypen «begrünt» oder «unbegrünt » haben. Da die Vögel mit dem Beginn der Brutzeit schwierig zu entdecken und zu beobachten sind, wurden ihre Aufenthaltsorte während drei Brutsaisons mittels Radiotelemetrie bestimmt. Gleichzeitig wurden die Nester in den Weinbergen gesucht, um so wichtige Informationen über ihre Vorlieben bei der Wahl des Neststandortes zu gewinnen. Zudem wurde die Insektendichte in den verschiedenen Weinbergen untersucht, da die Lebensraumnutzung der insektenfressenden Vögel zu einem Grossteil vom Nahrungsangebot und dessen Verfügbarkeit bestimmt wird. Die Forschenden fanden heraus, dass je stärker begrünt und je vielfältiger die Begrünung war, umso höhere Insektendichten konnten in den Weinbergen gefunden werden konnten. Dies wiederum erklärt die entsprechende Lebensraumnutzung der Heidelerche. Die Resultate zeigten nämlich deutlich, dass Heidelerchen bei der Wahl der Reviere nicht nur begrünte Weinberge bevorzugten, sondern vor allem diejenigen, die eine artenreichere Pflanzengesellschaft aufwiesen. Weiter schien die strukturelle Vielfalt der Bodenvegetation wichtig, um den unterschiedlichen Ansprüchen der Heidelerche zu genügen. Bei der Nahrungssuche wählten Heidelerchen begrünte Parzellen mit einer lückigen Vegetation, welche einen hohen Anteil an offenen Bodenstellen aufwiesen. Dies ermöglicht einen besseren Zugang zur Beute. Bei der Wahl des Neststandortes zeigte sich aber, dass die Heidelerchen Stellen mit möglichst dichtem und hohem Pflanzenwuchs bevorzugten. Im Schutz der Vegetation scheinen Gelegeverluste durch tagaktive Rabenvögel und nachtaktive Füchse tiefer zu sein.

    Aus der Vogelperspektive: Mosaikartige Lebensräume sind erwünscht

    Wenn man die Landschaft der Walliser Weinberge aus der Vogelperspektive betrachtet, stellt sich weiter die Frage, welchen Effekt der Anteil an begrünten Flächen und deren Vernetzung innerhalb eines möglichen Reviers hat. Die Anzahl Insekten in einem Gebiet wurde stark von der Fläche begrünter Weinberge beeinflusst. Am meisten Insekten wurden bei einem relativ hohen Anteil (60 %) an begrünten Flächen gefunden. Die begrünte Fläche und ihre Anordnung spielten auch bei der Lebensraumnutzung der Heidelerche eine wichtige Rolle. Wenn nur ein geringer Prozentsatz (10– 20 %) der Fläche begrünt ist, bevorzugten Heidelerchen Landschaften, in denen begrünte Parzellen gut miteinander vernetzt sind. Sobald jedoch ein Gebiet einen hohen Anteil an begrünten Parzellen aufwies, bevorzugten die Vögel eine stärkere Fragmentierung. Dies bedeutet, dass die begrünten Parzellen nicht eine zusammenhängende Fläche bilden, sondern im Zusammenspiel mit anderen Elementen ein mosaikartiges und vielfältiges Landschaftsbild erzeugen sollten.

    Bedeutung für die Praxis

    Im nächsten Schritt sollen nun die Forschungsergebnisse in den Walliser Weinbergen Schritt für Schritt in die Tat umgesetzt werden, um die Heidelerche und die lokale Artenvielfalt gemeinsam durch gezielte Massnahmen zu fördern. Hierzu wurde ein Projekt der Vogelwarte in Zusammenarbeit mit dem Naturpark Pfyn-Finges lanciert. Ziel ist es, die begrünte Fläche in den Weinbergen zu erhöhen, besser zu vernetzen und mit speziellen Saatmischungen vielfältiger zu gestalten. Zusätzlich werden in diversen kleinen Projekten mit interessierten Betrieben biodiversitätsfördernde natürliche Strukturen wie Niederhecken oder Steinhaufen geschaffen. Weinbauern, die sich für einen nachhaltigen und naturnahen Weinbau interessieren, wird empfohlen, die Fahrgassen zu begrünen und den Unterstockbereich vegetationsfrei zu halten, um so ein Mosaik aus begrünten Flächen und offenem Boden zu schaffen. Um eine artenreiche Begrünung zu erreichen, sollte je nach Parzelle eine spontane Vegetationsentwicklung gefördert oder eine artenreiche, an den Standort angepasste Saatmischung eingesät werden. Mit dem derzeitigen Wandel zu einer nachhaltigeren Bewirtschaftung der Weinberge blicken wir in eine spannende und hoffnungsvolle Zukunft, in der die melodiöse Stimme der Heidelerche hoffentlich wieder vielerorts zu hören sein wird.

    Heidelerche

    Die Vogelwarte engagiert sich

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