Ein internationales Grossprojekt vor dem Abschluss

    Der zweite europäische Brutvogelatlas, an welchem auch die Vogelwarte tatkräftig mitwirkte, ist beinahe abgeschlossen. Gespannt warten wir auf die gedruckten Exemplare des rund 1'000-seitigen Buchs.

    Raubseeschwalbe
    Raubseeschwalbe
    Foto © Laurent Willenegger
    Mönchsmeise
    Mönchsmeise
    Foto © Paola Ricceri
    Verbreitungsmodelle basierend auf standardisiert erhobenen Daten sind die Basis für die ersten modellierten Karten für ganz Europa. Beim Hausrotschwanz zeigen sie, dass die Schweiz im Verbreitungszentrum liegt.
    Verbreitungsmodelle basierend auf standardisiert erhobenen Daten sind die Basis für die ersten modellierten Karten für ganz Europa. Beim Hausrotschwanz zeigen sie, dass die Schweiz im Verbreitungszentrum liegt.
    Der Vergleich mit dem ersten EBCC-Atlas von 1997 zeigt, dass das Birkhuhn aus vielen tief gelegenen Regionen Mitteleuropas verschwunden ist.
    Der Vergleich mit dem ersten EBCC-Atlas von 1997 zeigt, dass das Birkhuhn aus vielen tief gelegenen Regionen Mitteleuropas verschwunden ist.
    Steinschmätzer
    Steinschmätzer
    Foto © Jacques Laesser
    Steinwälzer
    Steinwälzer
    Foto © Diana Höhlig

    Der 1997 publizierte erste europäische Verbreitungsatlas der Brutvögel stellte für die Ornithologie in Europa einen Meilenstein dar. Bereits damals war die Vogelwarte am Projekt beteiligt, indem sie Daten aus der Schweiz bereitstellte sowie Porträts zu verschiedenen europäischen Brutvogelarten verfasste und übersetzte.

    Für den zweiten europäischen Brutvogelatlas (European Breeding Bird Atlas, kurz EBBA2), welcher Ende 2020 publiziert wird, intensivierte die Vogelwarte ihre Anstrengungen nochmals. So übernahm Verena Keller, Vorstandsmitglied des European Bird Census Council EBCC, die Leitung des Koordinationsteams, während Pietro Milanesi sämtliche Verbreitungsmodelle erstellte.

    Der EBCC besteht aus einem Netzwerk von Institutionen sowie Ornithologinnen und Ornithologen aus ganz Europa. Am Atlasprojekt beteiligten sich schliesslich Partner aus 48 Ländern, was nicht nur mit unterschiedlichen personellen, technischen und finanziellen Möglichkeiten, sondern auch mit verschiedenartigen Erfahrungen und Mentalitäten einherging. Die Zusammenführung dieser europäischen Vielfalt zu einem möglichst einheitlichen Vorgehen stellte folglich eine besondere Herausforderung dar.

    Im Gegensatz zu den meisten westeuropäischen Ländern, welche auf bereits für nationale Projekte gesammelte Daten zurückgreifen konnten, mussten gezielte Verbreitungsdaten in etlichen osteuropäischen Ländern zunächst erhoben werden. Hier bot die Arbeit am EBBA2 indessen auch eine einmalige Chance! Erschwerend kam allerdings hinzu, dass gerade in diesen Ländern oftmals die finanziellen Ressourcen für die Durchführung fehlten. Glücklicherweise schuf die MAVA-Stiftung Abhilfe, indem sie die nationalen Koordinationsstellen finanziell unterstützte und Beiträge an die im Rahmen der Feldarbeit anfallenden Reisespesen sowie Expeditionskosten in abgelegene Gegenden leistete.

    Die Anstrengungen trugen schliesslich Früchte, denn am Schluss lagen Daten aus 5 110 Atlasquadraten à 50 × 50 km vor. Dies entspricht stolzen 96 % der riesigen, im Osten bis zum Kaspischen Meer und zum Ural reichenden Untersuchungsfläche!

    Nach zwei Jahren Planung, fünf Jahren Feldarbeit durch rund 120 000 Personen, der Sammlung und Verifizierung der Daten, vielen Tests zur Erstellung der Karten sowie der Auswertungen konnten 2019 schliesslich die Resultate zusammengestellt werden. Mit Lynx Edicions, in Ornithologenkreisen bekannt als Herausgeber der Ornithologenbibel «Handbooks of the Birds of the World», wurde ein erfahrener Verlag gefunden. Die Zahlen zum Inhalt sind eindrücklich und zeigen, wieviel Herzblut in diesem umfangreichen Nachschlagewerk steckt: So enthält der EBBA2 Angaben zu sage und schreibe 625 Brutvogelarten, davon 556 mit einem eigenen Artkapitel. Die Arttexte wurden von 348 Autorinnen und Autoren geschrieben, wobei die Artkapitel mit Illustrationen ergänzt wurden, welche 45 Künstlerinnen und Künstlern aus Europa kostenlos zur Verfügung gestellt hatten. Nebst den Arttexten enthält der Atlas 683 50-km-Karten zur Häufigkeit oder Brutwahrscheinlichkeit, 224 modellierte Karten mit einer Auflösung von 10 × 10 km sowie 445 Karten, welche die Veränderung zwischen den beiden Atlasperioden aufzeigen.

    Somit stehen nun erstmals Verbreitungskarten für ganz Europa zur Verfügung. Der EBBA2 erlaubt es ferner, Veränderungen der Brutvogelbestände über eine Zeitspanne von rund 30 Jahren erkennen. Dazu zählen die Ausbreitungstendenzen vieler Arten nach Norden, aber auch Verluste im Süden oder in landwirtschaftlich geprägten Regionen. Obwohl das Buch fast 1 000 Seiten umfasst, fanden nicht alle Resultate darin Platz. Die Daten stehen jedoch auch für Spezialauswertungen zur Verfügung. Geplant ist ferner eine Online- Publikation.

    European Breeding Bird Atlas 2: Distribution, Abundance and Change
    Der neue europäische Brutvogelatlas wird Ende 2020 im Lynx- Verlag erscheinen. Es ist dem EBCC ein Anliegen, den Betrag für den Atlas so festzusetzen, dass er auch in wirtschaftlich schlechter gestellten Ländern bezahlbar ist. Damit ein Preis von unter 100 Euro erreicht werden kann, ist der EBCC auch in dieser letzten Projektphase auf Unterstützung angewiesen. Möglich ist dies beispielsweise über das Artensponsoring. Helfen Sie mit: www.ebba2.info/supportebba2/ebba2-species-sponsorship/

    Originale Art-Porträts zu verkaufen
    44 europäische Künstlerinnen und Künstler, darunter vier in der Schweiz ansässige, haben kostenlos Bilder für den europäischen Atlas beigesteuert. Nun stehen fast 300 davon zum Verkauf. Eine Chance für ein spezielles Geschenk und gleichzeitig eine Unterstützung für den Atlas – viele Künstler werden einen Teil ihres Erlöses für EBBA2 spenden. www.ebba2.info/support-ebba2-2/illustrations-for-ebba2/ (nur auf Englisch)