Würdigung von Susi Jenni-Eiermann

    Ende Juni ging Susi Jenni-Eiermann in Pension. Die international renommierte Ökophysiologin hat an der Vogelwarte Pionierarbeit geleistet.

    Susi Jenni-Eiermann, hier im Besuchszentrum der Vogelwarte, verstand es als gefragte Interviewpartnerin, komplexe ökophysiologische Fragen verständlich zu erklären.
    Susi Jenni-Eiermann, hier im Besuchszentrum der Vogelwarte, verstand es als gefragte Interviewpartnerin, komplexe ökophysiologische Fragen verständlich zu erklären.
    Foto © Dominique Meienberg / Der Bund
    Susi Jenni-Eiermann zusammen mit ihrer Mitarbeitern Juanita Olano im heutigen modernen Labor der Vogelwarte.
    Susi Jenni-Eiermann zusammen mit ihrer Mitarbeitern Juanita Olano im heutigen modernen Labor der Vogelwarte.
    Foto © Archiv Vogelwarte

    Als Susi Jenni-Eiermann 1985 nach Sempach kam, nahm sie eine grosse Herausforderung an. Eben hatte sie an der Universität Basel ihre Doktorarbeit über die Rolle von Neurotransmittern bei der Alzheimer Krankheit abgeschlossen. Jetzt stand sie in einem normalen Raum mit Wasseranschluss, von Labor keine Spur. Für ihre ornithologische Forschung galt es sukzessive ein richtiges Labor einzurichten, zuerst in der alten Vogelwarte am See, später in einer Wohnung am Bach und schliesslich im heutigen Bürogebäude Seerose. Dank ihrer Aufbauarbeit verfügt die Vogelwarte über ein modern ausgestattetes Labor, in dem winzige Blut-, Kot- oder Federproben analysiert werden.

    Ein erstes grosses Thema der Forschung von Susi Jenni waren die Vergiftungen von Milanen und Bussarden durch Carbofuran. Sie konnte nachweisen, dass diese Greifvögel tatsächlich an diesem auf Mais- und Zuckerrübenfeldern eingesetzten Pestizid starben, das sie durch den Verzehr von Regenwürmern aufnahmen. Später fokussierte sich Susi auf Untersuchungen zum Fett- und Protein- Stoffwechsel von rastenden und fliegenden Zugvögeln. Einmalig in diesem Zusammenhang sind die Untersuchungen auf dem aktiven Zug. Susi sass nächtelang auf dem Col de Bretolet direkt bei den Netzen, um Vögel, die ins Netz flogen, in Sekundenschnelle in der Hand zu haben und untersuchen zu können. So war sie weltweit die Erste, welche die physiologischen Prozesse, die während des Fluges ablaufen, an frei fliegenden Vögeln untersuchte. Ihre Arbeit war bahnbrechend und fand weltweit viele Nachahmer.

    Ihr zweites wichtiges Thema war die Stressphysiologie, insbesondere die Messung von Stresshormonen oder deren Abbauprodukten in verschiedenen Substanzen wie Blut, Federn oder Kot. Neben methodischen Entwicklungen zur Quantifizierung untersuchte sie, wie Stress sich auf die Fitness der Vögel auswirkt und welchen Einfluss menschliche Störungen auf die Vögel haben. Allein aus gesammelten Kotproben konnte sie aufzeigen, wie stark unsere Freizeitaktivitäten den Auer- und Birkhühnern zusetzen. Auch aus Federn lassen sich heute dank ihrer Arbeit zeigen, welchen Stressbelastungen die Vögel im Jahresverlauf ausgesetzt sind. Damit gibt sie den jungen Forschern ein Werkzeug in die Hand, welches erlaubt, auch unterschwellige, langfristige Belastungen durch menschliche Tätigkeiten zu messen und aufzuzeigen, was zu tun ist um die negativen Auswirkungen zu vermindern.

    37 Jahre arbeitete Susi Jenni- Eiermann an der Vogelwarte und prägte dabei ganz wesentlich die Forschung zur Physiologie der Vögel in Sempach. In dieser Zeit hat sie erfolgreich Familie und Beruf unter einem Hut gebracht – eine Pionierleistung an der damals noch sehr «männlichen » Vogelwarte. Längst ist sie eine international weitherum anerkannte Expertin, wenn es um Ökophysiologie und Stress bei Vögeln geht. Ein Zeuge ihrer internationalen Bekanntheit ist auch, dass Susi als Generalsekretärin sowohl der European als auch der International Ornithologist‘s Union amtet. Diese ehrenvollen, aber arbeitsintensiven Aufgaben wird sie zum Glück auch über ihre Pensionierung hinaus ausüben.

    Die Vogelwarte ist Susi Jenni- Eiermann sehr dankbar, dass sie mit ihrer Experimentierfreudigkeit und ihren Innovationen die Forschung an der Vogelwarte über Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt und der Ornithologie damit neue Perspektiven eröffnet hat.