Für die Dohle unterwegs: Radtour eines rastlosen Rentners

    Die Dohle ist ein spärlich brütender Jahresvogel und wird in der bald erscheinenden neuen Roten Liste als «potenziell gefährdet » gelistet. Seit 2020 wird diese Prioritätsart im Programm «Artenförderung Vögel Schweiz» verstärkt gefördert, neuerdings auch im Wald.

    Waldbrüter sind zur Brutzeit wenig auffällig und oft sehr scheu, deshalb werden sie oft übersehen. Erhebungen sind nur aussagekräftig, wenn sie mit Geduld und Rücksicht erfolgen.
    Waldbrüter sind zur Brutzeit wenig auffällig und oft sehr scheu, deshalb werden sie oft übersehen. Erhebungen sind nur aussagekräftig, wenn sie mit Geduld und Rücksicht erfolgen.
    Foto © Willy Jost-Badertscher
    Ein luftiger Arbeitsplatz! Hier war sogar die Feuerwehrleiter zu kurz: in der Deponie Unterkobel Oberriet kamen Höhenarbeiter zu einem nicht ganz alltäglichen Einsatz. Jetzt brüten dort Dohlen als Nachbarn zu Wanderfalke und Uhu.
    Ein luftiger Arbeitsplatz! Hier war sogar die Feuerwehrleiter zu kurz: in der Deponie Unterkobel Oberriet kamen Höhenarbeiter zu einem nicht ganz alltäglichen Einsatz. Jetzt brüten dort Dohlen als Nachbarn zu Wanderfalke und Uhu.
    Foto © Roland Thür & Dominik Suntinger
    Dohlen haben es gern hoch und luftig. Bei Massnahmen zugunsten von Waldbrütern muss hier ein Baumpfleger oder ein Förster mit Kletterausbildung und persönlicher Sicherheits-Ausrüstung an die Arbeit.
    Dohlen haben es gern hoch und luftig. Bei Massnahmen zugunsten von Waldbrütern muss hier ein Baumpfleger oder ein Förster mit Kletterausbildung und persönlicher Sicherheits-Ausrüstung an die Arbeit.
    Foto © Markus Blum-Graf
    Am Dorfrand von Oensingen besetzten Dohlen fast alle Nisthilfen für Turmfalke und Schleiereule. Der lokale Naturschutzverein montierte im Frühjahr 2020 mit Bewilligung der SBB Nistkästen an Strommasten; die ersten Paare brüten jetzt mitten im Kulturland.
    Am Dorfrand von Oensingen besetzten Dohlen fast alle Nisthilfen für Turmfalke und Schleiereule. Der lokale Naturschutzverein montierte im Frühjahr 2020 mit Bewilligung der SBB Nistkästen an Strommasten; die ersten Paare brüten jetzt mitten im Kulturland.
    Foto © Peter Bieli

    Bei den Arbeiten am Brutvogelatlas 2013–2016 wurde bei der Dohle gegenüber den 1990er- Jahren eine Tendenz zu grösseren Kolonien festgestellt. Der Zuwachs ging teilweise auf Kosten von Kleinkolonien und Einzelbrütern in Wäldern. Für die ganze Schweiz resultierte aber ein Bestandsanstieg um rund 40 %. Dies ist die Folge von Artenschutzprojekten, Fördermassnahmen an Gebäuden und rücksichtsvollen Sanierungen. An vielen dieser Projekte war der Dohlenflüsterer der Vogelwarte massgeblich beteiligt: Anlässlich der längst fälligen Sanierung konnten 2016 am Viaduc de Boudry NE 16 Nistkästen montiert werden. Die Wiederbesiedlung dieses attraktiven Bauwerks durch Dohlen wird sehnlichst erwartet. Die Erweiterung einer Kleinkolonie in Brückenpfeilern der historischen Napoleonsbrücke bei Brig VS dagegen gelang 2017 mit der Montage von 12 Nistkästen auf Anhieb: Die Kolonie umfasst jetzt 13 Paare. Im gleichen Jahr klappte das auch an den hohen Felsen der Deponie Unterkobel in Oberriet SG. Aktuell brüten dort in Felsspalten und Nistkästen 31 Paare.

    Förderung nur an geeigneten Orten

    Der gesellige Rabenvogel brütet in Kolonien und sucht die Nahrung für die Nestlinge in der Nähe der Nistplätze auf ungedüngten kurzrasigen Wiesen und Weiden mit grossem Insektenangebot. Der sich ausbreitende Siedlungsgürtel führt dazu, dass nahe liegende günstige Nahrungsflächen verschwinden. Die Folgen sind gravierend: «Stadtdohlen» müssen Nestlingsnahrung aus immer grösserer Distanz heranschleppen, oder sie weichen auf weggeworfene Essensreste aus. So sinkt entweder die Menge oder die Qualität der verfütterten Nahrung, was den Bruterfolg schmälert. Eine Studie der Vogelwarte (siehe Quelle am Ende des Artikels) bestätigt Untersuchungen an der Kolonie am Schloss Murten zu Beginn der 1990er-Jahre: Junge Dohlen überleben eher, wenn sie in erster Linie mit tierischen Proteinen gefüttert werden.

    Bei Fragen an die Vogelwarte zur Förderung der Dohle öffnen wir zunächst eine Landkarte oder das Satellitenbild der Region. Wenn ein angedachtes Projekt mitten in einer Siedlung und damit weit von optimalen Nahrungsflächen entfernt liegt, sind die Erfolgsaussichten gering, weshalb sich die Vogelwarte nicht an solchen Projekten beteiligt. Wir helfen aber gerne mit, wenn alles zusammenpasst: Geeignete Strukturen, ein initiativer Verein, aufgeschlossene Liegenschaftsbesitzer sowie nahe liegende Flächen, wo Dauergrünland und Weiden überwiegen. Moderne Dohlenförderung heisst das dann.

    Und die Baumbrüter? Während wir über Kolonien in Siedlungen, an historischen Bauwerken und an Felswänden gut Bescheid wissen, tappen wir bei Baumbrütern in Wirtschaftswäldern weitgehend im Dunkeln. Die Erfassung von Waldbrütern ist anspruchsvoll. Die Kolonien sind kleiner, die Dohlen weniger ruffreudig, ihre Fluchtdistanz kann 100 m und mehr betragen. Und genau hier setzt das jüngste Förderprojekt an. Das Ziel ist die Vergrösserung von Kleinkolonien in Waldrandnähe und damit in der Nähe von potenziellen Nahrungsflächen. Mit dieser Idee beschäftigt sich der Artverantwortliche Dohle mit grosser Begeisterung auch über die reguläre Pensionierung hinaus.

    Mit Detektivarbeit zu den Dohlen im Wald

    Mehrere Hinweise auf im Wald brütende Dohlen im Oberaargau und im angrenzenden Luzerner Hinterland lassen vermuten, dass zwischen den Flüsschen Langeten, Rot und Pfaffnern Waldbrüter in einer auffälligen Dichte leben. Ein Treffen mit Kennern dieser Region bestätigte diese Vermutung. Zu dritt beugten wir uns über die Kartenblätter «Murgenthal » und «Langenthal». Willy Jost und Manfred Steffen vom «Verein Lebendiges Rottal» nannten 25 Waldpartien mit konkreten Hinweisen auf Dohlenkolonien oder zumindest Brutverdacht.

    Für die Feldsaison 2021 wurden 12 bekannte oder vermutete Kolonien in den Gemeinden Madiswil und Melchnau ausgesucht. Diese Landschaft ist ein Mosaik aus Kulturland, zerstreuten Weilern sowie Waldflächen mit grosser Hangneigung. Die steilsten Waldpartien sind wenig durchforstet und beeindrucken mit prächtigen Rotbuchen. In offenen Flächen mit geringer Hangneigung wird Getreide angebaut, in den steileren Parzellen überwiegen Wiesen und Weiden.

    Der Entscheid, die Arbeit mit dem Fahrrad und zu Fuss zu bewältigen, hatte neben sportlichen und ökologischen aber auch handfeste faunistische Gründe. Die lautlose und eher gemächliche Fortbewegungsart garantierte, dass keine Bruthinweise übersehen bzw. überhört wurden. In Anlehnung an die bewährte Methode der Bestandserfassung gliederte sich die Feldarbeit in zwei Phasen. Zunächst galt es, die Existenz einer Kolonie zu bestätigen sowie die Koloniegrösse zu schätzen. An drei Tagen zwischen Mitte März und Mitte April wurden die Hinweise überprüft. In dieser Phase der Brutzeit sind die Dohlen bei der Nistplatzwahl und beim Nestbau besonders laut und daher auffällig, und die Laubbäume noch wenig belaubt. Von den 12 kontrollierten Stellen waren ganze neun besetzt, zwei weitere Kleinkolonien wurden entdeckt. Auf eine systematische Suche nach Höhlenbäumen wurde verzichtet, um Störungen auf ein Minimum zu reduzieren.

    Zuerst finden, dann fördern

    Ab Mitte Mai wurde versucht, indirekte Brutnachweise zu erbringen, was sich dann etwas schwieriger gestaltete, da Dohlen in der Nestlingsphase sehr vorsichtig sind und schnell auf Störungen reagieren. Als Brutnachweise gelten Bettelrufe von Nestlingen, Futter eintragende Altvögel, aber auch der feine, weiche Lockruf des Altvogels. Dieses «dschock» entspricht dem bekannten, hellen Kontaktruf «kjack», tönt aber wegen des gefüllten Kehlsackes etwas gedämpfter – Sprechen mit vollem Schnabel, quasi. Der Ansitz erfolgte in gebotener Distanz und aus der Deckung.

    Festgehalten wurden neben den Beobachtungen auch die Kulturen in Kolonienähe, die Distanz zum nächsten Verkehrsweg wegen Materialtransporten, das Störungspotenzial, mögliche Kontakte sowie zu ergreifende Massnahmen. Die Resultate sind sehr erfreulich: in dieser eher kleinen Geländekammer im Oberaargau lebten 2021 mindestens 59 Dohlen in 11 Kolonien. Alle angeflogenen Höhlen sind Schwarzspechthöhlen in Rotbuchen. Im Sunnewald bei Madiswil tummelten sich Ende März in der Nähe von vier Höhlen gleichzeitig drei Schwarzspechte, sechs Dohlen, zwei Hohltauben und ein Bienenvolk. Die Tiere gaben ein Lehrstück zur Abhängigkeit von Höhlenbewohnern von Aktivitäten des Schwarzspechts!

    Und nun? Im Keller des rastlosen Rentners lagern 50 von einem Schreinermeister im aargauischen Wiggertal gebaute Nistkästen. Für die Montage wird eine baumschonende Technik entwickelt, welche ohne Schrauben, Nägel und Säge auskommt. Zunächst müssen aber die Waldeigentümer angefragt werden, ob die Montage von Nistkästen erwünscht ist. Dann werden Förster, Baumwärter oder Höhenarbeiter engagiert, welche Erfahrung mit Arbeiten am oberen Ende einer Leiter haben. Und im besten Fall darf sich der Artverantwortliche Dohle bereits im Frühjahr 2022 wieder auf sein Mountainbike schwingen und überprüfen, ob die Massnahmen richtig geplant und realisiert wurden.

    Meyrier, E., L. Jenni, Y. Bötsch, S. Strebel, B. Erne & Z. Tablado (2017): Happy to breed in the city? Urban food resources limit reproductive output in Western Jackdaws. Ecol. Evol. 7: 1363–1374. https://doi.org/10.1002/ece3.2733