Internationaler Zugvogelschutz in Sempach

    Der Schutz unserer Zugvögel hat eine hohe Dringlichkeit. Insbesondere die Bestände von Langstreckenziehern haben sowohl in der Schweiz als auch in weiten Teilen Europas besorgniserregend abgenommen. Die Schweizerische Vogelwarte engagiert sich nun auf internationalem Parkett im Rahmen eines UNO-Mandats für den Schutz ziehender Landvögel entlang der Flugrouten.

    Diese immature, mausernde Rauchschwalbe verbringt den Winter im tropischen Afrika. Als Langstreckenzieher ist sie auf intakte Lebensräume und Schutz sowohl in Eurasien als auch in Afrika angewiesen.
    Diese immature, mausernde Rauchschwalbe verbringt den Winter im tropischen Afrika. Als Langstreckenzieher ist sie auf intakte Lebensräume und Schutz sowohl in Eurasien als auch in Afrika angewiesen.
    Foto © Alain Jacot
    Der Ortolan leidet unter Lebensraumverlust in den Brutgebieten, wird im Mittelmeerraum illegal gefangen und überwintert in Afrika. Um ihn erhalten zu können, ist internationale Zusammenarbeit essenziell.
    Der Ortolan leidet unter Lebensraumverlust in den Brutgebieten, wird im Mittelmeerraum illegal gefangen und überwintert in Afrika. Um ihn erhalten zu können, ist internationale Zusammenarbeit essenziell.
    Foto © Marcel Burkhardt
    Der Seggenrohrsänger brütet in Osteuropa und überwintert in nur zwei Feuchtgebieten, im Nigerdelta in Nigeria und im Djoudjdelta im Senegal. Deren Erhaltung ist für den Schutz des weltweit bedrohten Zugvogels entscheidend.
    Der Seggenrohrsänger brütet in Osteuropa und überwintert in nur zwei Feuchtgebieten, im Nigerdelta in Nigeria und im Djoudjdelta im Senegal. Deren Erhaltung ist für den Schutz des weltweit bedrohten Zugvogels entscheidend.
    Foto © Ralph Martin
    Einzäunungen schützen vor Tierverbiss und ermöglichen eine natürliche und nachhaltige Landnutzung. Von solchen Projekten profitiert nicht nur die lokale Bevölkerung, sondern auch die Zugvögel.
    Einzäunungen schützen vor Tierverbiss und ermöglichen eine natürliche und nachhaltige Landnutzung. Von solchen Projekten profitiert nicht nur die lokale Bevölkerung, sondern auch die Zugvögel.
    Foto © Alain Jacot

    Eine Beobachtung des Ortolans zur Zugzeit ist in der Schweiz schon fast ein kleiner Glücksfall geworden, der gleichzeitig auch nachdenklich stimmt. Seine Bestände haben in den letzten Jahrzehnten in ganz Europa dramatisch abgenommen, aus mehreren mittel- und nordeuropäischen Ländern, auch der Schweiz, ist er als Brutvogel sogar ganz verschwunden. Gründe dafür sind neben der illegalen Jagd, wie etwa in Frankreich, auch grossräumige Lebensraumveränderungen. Auch das einst häufige Gurren der Turteltaube ist bei uns heutzutage nur noch an wenigen Orten zu hören. Auch diesem grazilen Langstreckenzieher, welcher den Winter in der westafrikanischen Savanne verbringt, haben die Jagd im Mittelmeerraum und der Lebensraumverlust arg zugesetzt. Die Bestände sind um rund 80 % geschrumpft, und dies in nur wenigen Jahrzehnten! Diese Beispiele zeigen exemplarisch auf, dass der Schutz von Vogelarten, welche in Europa brüten und südlich der Sahara überwintern, die sogenannten Langstreckenzieher, eine grosse Herausforderung darstellt. Das weltweit grösste Zugvogelsystem mit mehr als 2 Milliarden Landvögeln kommt ins Wanken.

    Internationale Zusammenarbeit essenziell

    Der Schutz der Langstreckenzieher ist komplex: Zugvögel halten sich nicht an politische Grenzen, überwinden biogeografische Regionen und sind unterschiedlichsten menschlichen und natürlichen Gefahren ausgesetzt. Sie sind somit abhängig von optimalen Lebensräumen in ihren Brutgebieten, sicheren Rastgebieten entlang der Zugrouten und nahrungsreichen Überwinterungsgebieten in Afrika.

    Im Vergleich zu ziehenden Greifvögeln oder Störchen, welche thermische Aufwinde nutzen und im Segelflug über die engen Landbrücken zwischen Eurasien und Afrika ziehen, fliegt die Mehrzahl der kleinen Zugvögel auf breiter Front über die Kontinente und verteilt sich auf einer riesigen Fläche im Winterquartier. Daraus wird ersichtlich, dass der Schutz ziehender Landvögel geeignete naturschutzpolitische Rahmenbedingungen erfordert, welche nur durch eine enge internationale Zusammenarbeit ermöglicht werden können. Hier spielen internationale Konventionen, welche von Vertragsstaaten unterzeichnet sind und vertraglich bindende Instrumente darstellen, eine zentrale Rolle.

    AEMLAP, ein Aktionsplan für ziehende Afrikanisch- Eurasische Landvögel

    Das Übereinkommen zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten (CMS, Convention on the Conservation of Migratory Species of Wild Animals, www.cms.int) hat zum Ziel, Massnahmen zum weltweiten Schutz und zur Erhaltung wildlebender wandernder Tierarten zu treffen. Ein Hauptaugenmerk liegt auf den faszinierenden Zugsystemen der Vögel. Der Schutz ziehender Landvögel zwischen ihren Brutgebieten in Eurasien und den Überwinterungsgebieten in Afrika und teilweise Indien wird durch den AEMLAP geregelt. Dieses Kürzel bedeutet «African-Eurasian Migratory Landbirds Action Plan» und umfasst rund 550 Vogelarten, welche alljährlich innerhalb oder zwischen den Kontinenten migrieren. Die Vogelwarte hat die Koordination dieses Aktionsplans im Rahmen eines UN-Mandats übernommen und sich damit das längerfristige Ziel gesetzt, im internationalen Zugvogelschutz eine Schlüsselrolle einzunehmen und gezielte Impulse sowohl in der Koordination als auch bezüglich Forschung- und Umsetzungsprojekten zu setzen. Diese Projekte sollen wichtige Grundlagen für das Schaffen politischer Rahmenbedingungen liefern und aufzeigen, was für den Schutz entlang der Flugrouten erforderlich ist. Oft sind artspezifische Betrachtungen nötig, da sich die Gefahren und Herausforderungen zwischen Arten stark unterscheiden können. Scheinen der Jagddruck und das illegale Töten bei der Turteltaube und dem Ortolan ein Schlüsselfaktor zu sein, ist die Landnutzung und der Lebensraumverlust in der Sahelzone wohl entscheidend für einen Grossteil der ziehenden Kleinvögel wie Laubsänger, Grasmücken und Fliegenschnäpper. Bei vielen Arten indes sind die Zugrouten und die Überwinterungsgebiete noch weitestgehend unbekannt, was ein verstärktes Monitoring auf dem afrikanischen Kontinent erfordert.

    Vogelwarte goes Africa

    Das Engagement der Vogelwarte für Langstreckenzieher hat eine lange Tradition. Insbesondere die Geolokatorstudien, welche an einer Vielzahl von kleinen Vogelarten durchgeführt werden konnten, haben die verborgenen und weit entfernten Überwinterungsgebiete für uns in eine nie geahnte Nähe gerückt. So wissen wir heutzutage, dass ein Grossteil der Walliser Wendehälse auf der Iberischen Halbinsel und nicht in der Sahelzone überwintern. Wiedehopfe, welche in der Schweiz brüten, verteilen sich hingegen in einem breiten Gebiet Westafrikas. Andere Forschungsgruppen haben aufgezeigt, dass der in Osteuropa brütende und weltweit bedrohte Seggenrohrsänger ausschliesslich in Feuchtgebieten im Niger- und Djoudjdelta (Nigeria bzw. Senegal) überwintert und dementsprechend auf Schutz in genau diesen Gebieten angewiesen ist. Dank dieser faszinierenden Resultate verfügen wir nicht nur über räumliche und zeitliche Angaben der Aufenthaltsorte, sondern können auch Schlüsse über die Lebensraumanforderungen und Landnutzungen in den Zugund Überwinterungsgebieten ziehen. Ein wichtiger Faktor zum langfristigen Schutz der Zugvögel scheint die Förderung multifunktionaler Landschaften zu sein, welche die lokale Bevölkerung nachhaltig nutzen kann und gleichzeitig von den Ökosystemdienstleistungen einer intakten Biodiversität profitiert, wie etwa Bestäubung, Bodenfruchtbarkeit und Wasserfiltration.

    Genau darauf zielt ein neues Projekt der Vogelwarte ab, welches wir zusammen mit den zwei NGOs «New Tree» und «Tiipalga» angehen: In Burkina Faso, einem wichtigen Zug- und Überwinterungsgebiet unserer Zugvögel in der Sahelzone, realisieren New Tree und Tiipalga mehrere hundert gut 3 ha grosse Umzäunungen landwirtschaftlicher Flächen, welche so dem zunehmenden Druck der Weidetiere nicht mehr ausgesetzt sind und die es den lokalen Bauern erlauben, eine vielfältige und nachhaltige Forst- und Landwirtschaft zu betreiben. Dieser Ansatz der Landnutzung scheint auch für Langstreckenzieher vielversprechend zu sein, da viele Zugvögel im Winterquartier eine reich strukturierte Baum- und Strauchschicht mit einer hohen Nahrungsdichte benötigen. Mittels detaillierten Felduntersuchungen wollen wir bestimmen, welchen Mehrwert die Umzäunungen im Verlauf des Jahres für die lokale Avifauna und für die eurasischen Langstreckenzieher bieten.

    Welche Nahrungsressourcen unsere Zugvögel in den Winterquartieren und während des Zugs benötigen, ist immer noch weitgehend unbekannt. Darauf zielt ein weiteres künftiges Projekt der Vogelwarte ab: Mittels Kombination aus Felderhebungen und genetischer Analysen des Vogelkots kann die Wichtigkeit bestimmter Nahrungskomponenten wie Insekten, aber auch pflanzliche Produkte wie Nektar und Früchte einheimischer und kultivierter Pflanzen untersucht werden. Mit diesem Projekt wollen wir die wichtigen Nahrungshabitate unserer Zugvögel in Afrika besser kennen und Schutz- und Fördermassnahmen vorschlagen können, von denen sowohl die lokale Bevölkerung als auch die Biodiversität profitieren.