Städte begrünen für den Gartenrotschwanz

    Im Siedlungsraum mit grossen Bäumen fühlt sich der Gartenrotschwanz wohl. Um diese potenziell gefährdete Art gezielt zu fördern, identifiziert ein neues Lebensraummodell seine Ansprüche.

    Der Gartenrotschwanz ist ein guter Indikator für Stadtquartiere mit vielen grossen Bäumen, die eine hohe Biodiversität aufweisen.
    Der Gartenrotschwanz ist ein guter Indikator für Stadtquartiere mit vielen grossen Bäumen, die eine hohe Biodiversität aufweisen.
    Foto © Ralph Martin
    Das Eignungsmodell für La Chaux-de-Fonds zeigt die derzeit geeigneten Flächen (orange), die erhalten werden sollten. Blau sind die Gebiete gekennzeichnet, die sich als potenziell geeignete Flächen anbieten, mit einem höheren Baumbestand die bisher isolierten Schwerpunktgebiete miteinander zu verbinden.
    Das Eignungsmodell für La Chaux-de-Fonds zeigt die derzeit geeigneten Flächen (orange), die erhalten werden sollten. Blau sind die Gebiete gekennzeichnet, die sich als potenziell geeignete Flächen anbieten, mit einem höheren Baumbestand die bisher isolierten Schwerpunktgebiete miteinander zu verbinden.
    Foto © swisstopo
    Der optimale Lebensraum des Gartenrotschwanzes umfasst einen Baumbestand auf etwa 35 % der Fläche, kombiniert mit einzelnen Gebäuden, insektenreichen Kleinstrukturen sowie Rasen und offenem Boden für die Jagd.
    Der optimale Lebensraum des Gartenrotschwanzes umfasst einen Baumbestand auf etwa 35 % der Fläche, kombiniert mit einzelnen Gebäuden, insektenreichen Kleinstrukturen sowie Rasen und offenem Boden für die Jagd.
    Foto © Jacques Laesser
    Der Gartenrotschwanz nimmt die für ihn aufgehängten Nisthilfen gern an. Er ist aber immer noch stark auf Nischen in Hausdächern angewiesen, die es zu erhalten gilt. Neben dem Gartenrotschwanz besiedeln auch Fledermäuse und andere Tiere diese Nischen.
    Der Gartenrotschwanz nimmt die für ihn aufgehängten Nisthilfen gern an. Er ist aber immer noch stark auf Nischen in Hausdächern angewiesen, die es zu erhalten gilt. Neben dem Gartenrotschwanz besiedeln auch Fledermäuse und andere Tiere diese Nischen.
    Foto © Robert Gross

    Um die Ausdehnung des Siedlungsraums zu begrenzen, verdichtet die Schweiz ihre bebauten Flächen. Dies geschieht aber allzu oft auf Kosten von Grünflächen. Auch wenn diese Entwicklung von der Politik unterstützt wird, darf das völlige Verschwinden von Grüninseln in Stadtvierteln mit hohem Artenreichtum nicht einfach so hingenommen werden. Vor allem Grünflächen mit alten Bäumen sind im Siedlungsgebiet von besonderer Bedeutung und daher schützenswert. Dies steht auch im Einklang mit der Biodiversitätsstrategie des Bundes, die vorsieht, dass der Erhalt von Flora und Fauna bei der Städteplanung berücksichtigt werden muss.

    Mit seinem exotischen Aussehen und seinem attraktiven und komplexen, an Imitationen reichen Gesang, ist der farbenprächtige Gartenrotschwanz ein Sympathieträger für Bevölkerung und Entscheidungsträger. Da er ein guter Indikator für naturnahe Grünflächen in Städten ist, kommt die Förderung des Gartenrotschwanzes auch allgemein der Natur im Siedlungsraum zugute.

    Ein Modell zeigt die Lebensraumansprüche

    Seit 20 Jahren überwacht die «Groupe rougequeue à front blanc» rund 50 Gartenrotschwanzreviere in La Chaux-de-Fonds. 2013 konnte die Gruppe mit Hilfe von Partnern ein Eignungsmodell erstellen, das ein besseres Verständnis der Ansprüche des Gartenrotschwanzes an seinen Lebensraum ermöglichte. Dank der Berücksichtigung verschiedener Umweltvariablen konnte das Eignungsmodell aufzeigen, welche Flächen für die Art derzeit günstig sind und somit als Schwerpunktgebiete gelten. Mithilfe einer Simulation konnten auch die Potenzialflächen ermittelt werden, die durch einen dichteren Baumbestand aufgewertet werden könnten, um den Ansprüchen des Gartenrotschwanzes besser gerecht zu werden.

    2021 beauftragte die Vogelwarte Boris Droz, der das Eignungsmodell entwickelt hatte, dieses auch auf andere Standorte zu übertragen. Projekte zur Förderung des Gartenrotschwanzes werden neben La Chaux-de-Fonds derzeit in den Naturpärken Parc Jura Vaudois und Parc Gruyère Paysd’Enhaut durchgeführt. Für die entsprechenden Gebiete wurden deshalb aktuelle Daten der relevanten Umweltvariablen gesammelt, um in allen Regionen die Datenstruktur zu vereinheitlichen. So konnten das Eignungsmodell, das auf den Habitatpräferenzen des Gartenrotschwanzes in La Chauxde- Fonds basiert, auf die anderen Regionen übertragen werden.

    Seit der Erstellung des Eignungsmodells im Jahr 2013 stehen auch Daten der Fernerkundung (das sogenannte remote sensing) zur Verfügung. Dabei wird, vereinfacht gesagt, mithilfe von Satelliten oder Flugzeugen die Erdoberfläche mittels Schall- oder anderer Wellen vermessen. Da diese Daten alle auf dieselbe Weise gesammelt werden, konnten die im Eignungsmodell verwendeten Daten der Umweltvariablen weiter vereinheitlicht und verbessert werden. Dadurch konnte der Einfluss der Baumkronenfläche, des offenen Bodens und der Kurzrasenvegetation auf die Habitatpräferenzen des Gartenrotschwanzes besser geschätzt werden. Die vorgenommenen Anpassungen hatten jedoch kaum einen Einfluss auf die Ausscheidung der Schwerpunktgebiete, was die hohe Qualität des anfänglichen Eignungsmodells bestätigt. Neu können so die Ergebnisse des Eignungsmodells in standardisierten Werten ausgedrückt werden und sind somit besser mit anderen Studien vergleichbar. Das Skript mit dem Code des Eignungsmodells ist öffentlich zugänglich, und eine Anleitung steht denen zur Verfügung, die daran interessiert sind, das Modell auf andere Städte zu übertragen.

    Ein Ansatz für alle Regionen

    Im Zusammenhang mit der Ortsplanung der beiden Städte La Chaux-de-Fonds und Le Locle soll ein Netzwerk an Grünzonen verwirklicht werden. Dieses könnte sich am Eignungsmodell orientieren. Die Verteilung der 19 Reviere des Gartenrotschwanzes, die von der «Groupe rougequeue à front blanc» in Le Locle erhoben worden ist, entspricht genau den durch das Eignungsmodell ermittelten Schwerpunktgebieten. Da sich die beiden Städte im Neuenburger Jura strukturell sehr ähnlich sind, hat die Übertragung des Eignungsmodells von der einen Stadt auf die andere sehr gut funktioniert. Wie La Chaux-de-Fonds verfügt nun auch Le Locle über eine Arbeitshilfe, um diejenigen Stadtteile zu identifizieren, die für den Gartenrotschwanz und für die Biodiversität von grosser Bedeutung sind. Die Vogelwarte ist im Lenkungsausschuss der Ortsplanung beider Städte vertreten, um die Erkenntnisse aus der Analyse bestmöglich in konkreten Massnahmen umzusetzen.

    Die Naturpärke Jura vaudois und Gruyère Pays-d’Enhaut begleiten die jeweiligen im Park liegenden Gemeinden bei der Planung und beim Unterhalt der Grünflächen im Siedlungsgebiet. In beiden Pärken befinden sich erfreulicherweise bedeutende Bestände des Gartenrotschwanzes: Im Vallée de Joux VD gibt es schätzungsweise 42 Reviere, der grösste Bestand im Kanton Waadt, und in Château- d’Oex VD wurden 11 Reviere gezählt. Das Eignungsmodell hilft den Naturparkverantwortlichen bei ihren Empfehlungen für die Gemeinde. Die Vogelwarte hat zudem ein Informationsblatt herausgegeben, das den Behörden und Verantwortlichen erklärt, wie die Ergebnisse des Eignungsmodells zu interpretieren sind. Ausserdem begleitet sie die Naturpärke bei ihren Projekten und bei der Beratung der Gemeinden.

    Massnahmen in Siedlungen

    Im Revier muss eine Vielzahl an Elementen vorhanden sein, damit sich der Gartenrotschwanz wohl fühlt und die Jungenaufzucht erfolgreich sein kann. Da der Gartenrotschwanz seine Beute bevorzugt auf vegetationsarmen Flächen jagt, sollte es in der Nähe von Rasenflächen, unbewachsenem Boden oder Kiesflächen Kleinstrukturen wie etwa Blumenwiesen und Holzstapel geben. Diese werden gerne von Insekten genutzt und liefern dem Gartenrotschwanz ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Als Höhlenbrüter nistet der Gartenrotschwanz beispielsweise unter angehobenen Dachziegeln. Solche bestehenden Nischen sollten daher an Gebäuden unbedingt erhalten werden. Er nimmt aber auch gerne Nisthilfen an, vor allem solche, die speziell seinen Bedürfnissen angepasst sind. Die oben erwähnten Massnahmen reichen aber nicht aus, um ihn in Siedlungen weitab von seinen Hauptverbreitungsgebieten zur Ansiedlung zu bewegen.

    Von zentraler Bedeutung für den Lebensraum des Gartenrotschwanzes sind grosse einheimische Bäume. Deshalb sind ihre Erhaltung und Förderung absolut entscheidend. Die Resultate des Eignungsmodells zeigen, dass der Baumbestand optimalerweise 35 % der Fläche ausmachen sollte, um ein urbanes Areal für die Ansiedlung des Gartenrotschwanzes attraktiv zu machen. Eine solche Baumdichte entspricht ungefähr den Werten, die verschiedene Städte in ihren Entwicklungskonzepten anstreben. Ein alter, gut vernetzter Baumbestand in städtischen Gebieten kommt aber nicht nur dem Gartenrotschwanz und der Biodiversität allgemein zugute, sondern erbringt auch zahlreiche Ökosystemleistungen: Regulierung des städtischen Mikroklimas, Bindung von Kohlenstoff und Feinstaub, Rückhaltung und Versickerung von Regenwasser, Lärmreduktion und nicht zuletzt die Gestaltung des Ortsbildes und das Vorhandensein von Wohlfühloasen für die Stadtbevölkerung. Der Gartenrotschwanz trägt also dazu bei, Massnahmen zu ergreifen, die weit über den Artenschutz hinausgehen. Seine Bedürfnisse zu identifizieren, hilft uns, unsere eigenen zu verstehen.