Wo ist die Windenergienutzung für Vögel verträglich?

      Im Zuge der Energiewende werden immer mehr Standorte für Windenergieanlagen gesucht, seit 2012 vermehrt auch im Wald. Aus Sicht der Vogelwarte ist sowohl im Wald wie auch im Offenland eine sorgfältige Abklärung jedes Standorts unumgänglich, um negative Auswirkungen auf die Vogelwelt möglichst gering zu halten.

      Die letzten Schweizer Vorkommen des Auerhuhns müssten für Windenergieanlagen tabu sein
      Die letzten Schweizer Vorkommen des Auerhuhns müssten für Windenergieanlagen tabu sein
      Foto © Olivier Born
      Bei Windenergieanlagen im Wald geht der Flächenbedarf weit über den Fundamentgrundriss des Turms hinaus, denn zur Anlage gehören auch Flächen für den Montagekran, das Materiallager und für die Zufahrtsstrasse. Das Bild stammt aus dem Bundesland Rheinland-Pfalz und wurde während der Bauarbeiten des Hunsrück-Windparks Ellern gemacht
      Bei Windenergieanlagen im Wald geht der Flächenbedarf weit über den Fundamentgrundriss des Turms hinaus, denn zur Anlage gehören auch Flächen für den Montagekran, das Materiallager und für die Zufahrtsstrasse. Das Bild stammt aus dem Bundesland Rheinland-Pfalz und wurde während der Bauarbeiten des Hunsrück-Windparks Ellern gemacht
      Foto © Demian Bölsterli
      In den Voralpen gibt es Balzplätze von Birkhähnen, die durch den Bau einer Windenergieanlage bedroht werden. Eine sorgfältige Standortevaluation ist daher unverzichtbar
      In den Voralpen gibt es Balzplätze von Birkhähnen, die durch den Bau einer Windenergieanlage bedroht werden. Eine sorgfältige Standortevaluation ist daher unverzichtbar
      Foto © Olivier Born
      Nur in zwei Regionen der Schweiz gibt es heute noch grössere Bestände der Heidelerche. Eine sind die Jurahöhen im westlichen Jurabogen. Die gleichen Juraweiden sind auch als mögliche Standorte für Windenergieanlagen im Gespräch
      Nur in zwei Regionen der Schweiz gibt es heute noch grössere Bestände der Heidelerche. Eine sind die Jurahöhen im westlichen Jurabogen. Die gleichen Juraweiden sind auch als mögliche Standorte für Windenergieanlagen im Gespräch
      Foto © Matthias Schäf

      Im Zuge der Energiewende werden immer mehr Standorte für Windenergieanlagen gesucht, seit 2012 vermehrt auch im Wald. Aus Sicht der Vogelwarte ist sowohl im Wald wie auch im Offenland eine sorgfältige Abklärung jedes Standorts unumgänglich, um negative Auswirkungen auf die Vogelwelt möglichst gering zu halten.

      Die Vogelwarte befürwortet eine vogelverträgliche Nutzung der Windenergie. Mit ihrer langjährigen Erfahrung im Bereich der Radarornithologie war es für die Vogelwarte naheliegend, sich einem Teilaspekt der Thematik anzunehmen. Im Auftrag von Projektanten oder Behörden klären wir ab, wieviel Vogelzug und wie viele Kollisionen an einem bestimmten Standort zu erwarten sind. Neben Abklärungen im Vorfeld haben wir für bereits bestehende Anlagen Methoden entwickelt und erprobt, die es erlauben, das Zugaufkommen in Echtzeit zu erkennen, so dass mittels temporärer Abschaltung der Anlagen darauf reagiert werden kann. Über diesen Weg versucht die Vogelwarte einen Beitrag zu leisten, die Nutzung der Windenergie vogelverträglich zu gestalten.

      Auch in die öffentliche Diskussion haben die Auswirkungen von Windenergieanlagen auf Zugvögel längst Einzug gehalten. Noch wenig bekannt ist hingegen, dass der Bau und der Betrieb einer Windenergieanlage Probleme nicht nur für Zugvögel, sondern auch für ortsansässige Vögel nach sich ziehen kann. Probleme, die bei schlecht gewählten Standorten äusserst gravierend sein können. Durch den Bau und Betrieb einer Windenergieanlage inklusive deren Erschliessung können Lebensräume bedrohter Vogelarten direkt oder indirekt dauerhaft beeinträchtigt oder gar zerstört werden. Zusätzlich laufen ortsansässige Vögel Gefahr, während der Balz oder auf der Nahrungssuche mit einer Windenergieanlage zu kollidieren. Deshalb ist schon sehr frühzeitig bei der Evaluation von Standorten darauf zu achten, dass derartige Konflikte erkannt und vermieden werden. Wo einschneidende Folgen voraussehbar sind, müssen an gewissen Standorten die Pläne wieder fallengelassen werden.

      Die Suche nach passenden Standorten für Windenergieanlagen hat sich in jüngster Zeit auch auf den Wald ausgedehnt. In der Antwort auf ein Postulat machte der Bund 2012 klar, dass er den Wald als Standort für Windenergieanlagen nicht ausschliesst. Für den Bau einer Windenergieanlage ist aber eine Rodungsbewilligung nötig, die unter bestimmten Auflagen erteilt wird. Dabei ist auch dem Natur- und Heimatschutz Rechnung zu tragen. Bezüglich Auswirkungen auf die Artenvielfalt ist ein besonderer Fokus auf Vögel und Fledermäuse zu richten, wie der Bundesrat in seiner Antwort auf das Postulat Cramer festhielt. Im Wald sind Windenergieanlagen besser versteckt als im Offenland. Das Landschaftsbild würde weniger verändert und es entstündenweniger Konflikte mit der lokalen Bevölkerung. Diese Argumente dominieren die politische Debatte und scheinen speziell für Waldstandorte zu sprechen. Die Verlockung, Waldstandorte zu wählen, ist also gross – das Schadenspotenzial für die Natur je nach Standortwahl auch. Denn der Wald ist wichtig für die Erhaltung der Biodiversität in der Schweiz und geniesst einen besonderen gesetzlichen Schutz. Jede Rodung, die für die Erschliessung eines Gebietes, Erstellung von Baupisten und Fundamenten der Windenergieanlage notwendig ist, bedeutet einen starken Eingriff in den Lebensraum der Waldvögel. Zusammenhängende Waldflächen werden zerschnitten, Feuchtflächen gestört, Brutplätze auf Bäumen und in Baumhöhlen gehen verloren.

      Eine Studienarbeit der Berner Fachhochschule von 2013 zeigt auf, was der Bau und Betrieb einer Windenergieanlage im Wald konkret bedeutet. Der naive Gedanke, man rode ein Dutzend Bäume, um an deren Stelle eine Windenergieanlage aufzustellen, wird dabei rasch zunichte gemacht. Die dauerhafte Rodungsfläche übersteigt den Fundamentgrundriss des Turmes um ein Vielfaches und liegt bei 0,3–1,3 ha, also einer Fläche von 1–3 Fussballfeldern pro Windturbine. Waldfläche geht auch bei Ausbau der Zufahrtswege verloren, der für den Transport der teils über 100 Tonnen schweren Bauteilen unweigerlich anfällt. Zudem setzt der Transport der langen Rotoren in Kurven eine weitere Rodung entlang der Strasse voraus. Bei einer Gesamtlänge des Transportgefährts von 60 m kann dies bei kleinen Kurvenradien bis 11 m Wald betreffen. Die während der gesamten Bauzeit vorherrschende Störung ist danach wohl nicht beendet, denn die Bereitschaft, derart ausgebaute Strassen für den Privatverkehr zu sperren, darf bereits heute in Frage gestellt werden.

      Grundsätzlich gelten die Empfehlungen der Vogelwarte zur Auswahl von Standorten für die Windenergienutzung auch im Wald. Aus unserer Sicht sind Waldstandorte nicht zwingend schlechter als solche im Offenland. Weder Rodung noch zunehmende Störung im Wald muss in jedem Fall eine Bedrohung für die Vogelwelt bedeuten. Wo hingegen Arten der Rote Liste oder Prioritätsarten tangiert werden oder wo seltene Waldarten gefördert werden, sollte keine Nutzung der Windenergie erlaubt werden und damit keine Ausnahmebewilligung für eine Rodung erteilt werden.

      Moderne Windenergieanlagen reichen weit über die Baumkronen hinaus. Es besteht eine Kollisionsgefahr für Vögel, die den Luftraum über den Baumkronen zur Nahrungs- und Nistplatzsuche, für Balzflüge oder während des Vogelzugs nutzen. Besonders hoch ist das Gefahrenpotenzial an bewaldeten Hängen, Hügeln und in Kretenlagen. Die hier entstehenden thermischen Aufwinde werden von kreisenden Greifvögeln überdurchschnittlich oft genutzt. Rodungen schaffen zudem Waldränder und Lichtungen, die insbesondere Greifvögel in den Gefahrenbereich der Windenergieanlagen locken können.

      Der Betrieb einer Windenergieanlage könnte durch die Bewegung der Rotoren, durch Wartungsarbeiten und erhöhtes Verkehrs- und Besucheraufkommen Unruhe in ein vorher kaum oder wenig erschlossenes Waldgebiet bringen, so dass störungssensible Vogelarten langfristig aus einem Gebiet verschwinden werden. Besonders empfindlich reagieren das Auerhuhn mit einem sehr tiefen Bestand und die Waldschnepfe mit einem stark rückläufigen Bestand.

      Die Vogelwarte hat gezeigt, dass Auerhühner umso höhere Stresshormonwerte aufweisen, je intensiver ihr Lebensraum im Winter durch den Menschen genutzt wird. Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, Auerhuhn-Lebensräume gegen Störung aller Art zu schützen. Mehrere Kantone unternehmen grosse Anstrengungen, um das auf der Roten Liste als «stark gefährdet» eingestufte Auerhuhn zu fördern. Waldreservate wurden eingerichtet oder sind in Planung. Die Vogelwarte hat bei der Erarbeitung der Massnahmen in den Reservaten und bei der Planung der Erfolgskontrolle jeweils mitgearbeitet. Zusätzlich beraten wir Forstdienste und Waldeigentümer und erstellen Gutachten zu Projekten wie Erschliessungen oder Orientierungslauf-Karten, immer mit dem Ziel, jegliche Formen von Störungen möglichst zu minimieren. Der Bau von Windenergieanlagen in solchen Gebieten würde den Zielen der Artenförderung zuwiderlaufen und viel Erreichtes zunichtemachen.

      Störungsanfällig ist auch die Waldschnepfe, wie eine von 2006–2008 im Nordschwarzwald durchgeführte Studie belegt. Sie führt die Abnahme der Flugbalzaktivität um 88 % auf den Bau von Windenergieanlagen zurück. Die an 15 Standorten mit Synchronzählungen geschätzte Anzahl männlicher Waldschnepfen im Untersuchungsgebiet lag 2006 bei ca. 30 Individuen. Nach dem Bau der Windenergieanlagen nutzten 2007 und 2008 nur noch 3–4 Individuen das Untersuchungsgebiet. Die Autoren schliessen daraus folgerichtig, dass die Waldschnepfe als windkraftsensible Art einzustufen und bei der Planung und Beurteilung von Windenergieanlagen entsprechend zu berücksichtigen ist. Von Kritikern der Studie vorgebrachte Alternativursachen können den Rückgang nicht erklären. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass Waldschnepfen in der Schweiz, wo die Art auf der Roten Liste als «verletzlich» eingestuft wird, anders reagieren würden. Anzunehmen ist hingegen, dass mit der Zunahme von Windenergieanlagen im Wald noch weitere Vogelarten sensibler reagieren als dies bisher bekannt war.

      Die noch vorhandenen Vorkommen von Auerhuhn und Waldschnepfe konzentrieren sich im Wesentlichen auf Gebiete in den Voralpen, Alpen sowie im Jurabogen. In den gleichen Gegenden werden auch besonders viele Standorte für Windenergieanlagen evaluiert. Zielkonflikte sind vorprogrammiert.

      Windenergienutzung und Vögel
      Der Standpunkt der Schweizerischen Vogelwarte Sempach

      Die Vogelwarte befürwortet grundsätzlich die Nutzung erneuerbarer Energie. Negative Auswirkungen auf Vögel durch den Bau und Betrieb von Windenergieanlagen sind aber zu vermeiden. Die Hauptrisiken für Vögel sind Lebensraumverlust und Kollisionen. Schutzgebiete, Gebiete mit Konzentrationen von ziehenden, rastenden oder nächtigenden Vögeln und Gebiete mit Vorkommen von bedrohten, besonders störungssensiblen Vogelarten sind von Windenergieanlagen frei zu halten. In allen anderen Fällen ist eine sorgfältige Evaluation des Standorts unerlässlich. Vollständiger Wortlaut unter:

      www.vogelwarte.ch/de/vogelwarte/ueber-uns/standpunkte/