Mehr Nistkästen braucht das Land

      Nisthilfen – in natürlicherweise geeigneten oder in aufgewerteten Gebieten eingesetzt – sind eine einfache, aber wirksame Hilfe, um Vogelbestände zu stärken. Moderne Nistkästen sind neuen Erkenntnissen angepasst und erfüllen die Bedürfnisse ihrer Bewohner.

      Nicht zuletzt dank Nistkästen haben Turmfalken in der Schweiz einen grossen Aufschwung erlebt. Mit Hilfe von artspezifischen Nistkästen brüten Turmfalken wieder häufiger. Zudem ist ihr Bruterfolg in Kästen wesentlich höher als in Naturhöhlen.
      Nicht zuletzt dank Nistkästen haben Turmfalken in der Schweiz einen grossen Aufschwung erlebt. Mit Hilfe von artspezifischen Nistkästen brüten Turmfalken wieder häufiger. Zudem ist ihr Bruterfolg in Kästen wesentlich höher als in Naturhöhlen.
      Foto © Folkert Christoffers
      Kleiber optimieren ihre Bruthöhle selber: Der Kleiber kleistert den Eingang seiner Höhle mit Lehm soweit zu, dass er sich gerade noch hineinzwängen kann. Grösseren Konkurrenten und Räubern bleibt damit der Zugang zur Höhle verwehrt.
      Kleiber optimieren ihre Bruthöhle selber: Der Kleiber kleistert den Eingang seiner Höhle mit Lehm soweit zu, dass er sich gerade noch hineinzwängen kann. Grösseren Konkurrenten und Räubern bleibt damit der Zugang zur Höhle verwehrt.
      Foto © Andrea Louis Capol
      Dank neuen Erkenntnissen wurde der Mauerseglerkasten der Schweizerischen Vogelwarte optimiert. Ausserhalb der Mauersegler-Brutzeit kann die Besetzung durch Haussperlinge mit einem Schieber verhindert werden. «Starenbremse» wird die Vorrichtung gleich hinter dem Einflugloch genannt. Sie verhindert, dass die Vögel im vorderen Teil des Kastens aufrecht stehen können. Für Mauersegler kein Problem, Stare hingegen mögen dies gar nicht.
      Dank neuen Erkenntnissen wurde der Mauerseglerkasten der Schweizerischen Vogelwarte optimiert. Ausserhalb der Mauersegler-Brutzeit kann die Besetzung durch Haussperlinge mit einem Schieber verhindert werden. «Starenbremse» wird die Vorrichtung gleich hinter dem Einflugloch genannt. Sie verhindert, dass die Vögel im vorderen Teil des Kastens aufrecht stehen können. Für Mauersegler kein Problem, Stare hingegen mögen dies gar nicht.

      Gefährdete oder abnehmende Vogelbestände zu fördern, ist eine grosse Herausforderung. Für höhlenbrütende Arten kann das Aufhängen geeigneter Nisthilfen ein probates Mittel sein, um eine Trendwende herbeizuführen. Dies haben zahlreiche regionale Projekte gezeigt, die alle eines gemeinsam haben: Die Nistkästen wurden in mehr oder weniger geeigneten Habitaten eingesetzt oder die Lebensräume wurden für die zu fördernde Art zuvor gezielt aufgewertet.

      Der Mangel an Nistplätzen in der Nähe der Nahrungsgründe wurde von Raphaël Arlettaz als Hauptursache für den Rückgang der Wiedehopfe im Unterwallis eruiert. Und tatsächlich: Nachdem die Vogelwarte in den Jahren 1999–2002 in den Obstplantagen des unteren Rhonetals hunderte von Nistkästen montiert hatte, erholte sich der Bestand des Wiedehopfs im Gebiet deutlich. Ähnliches gelang bei den Dohlen im Seeland BE/FR. Dank der an Strommasten im Kulturland angebotenen Nistkästen besiedeln die Dohlen nun das Kulturland wieder in grösserer Zahl. Gleiches gilt für die Walliser Zwergohreulen, die früher in der traditionell genutzten Kulturlandschaft zu Hause waren. Der Mangel an Grossinsekten und Bruthöhlen hat diese Art in Randlagen abgedrängt. In der Nähe von extensiven Wiesen stellte die Vogelwarte der Zwergohreule Nistkästen bereit, welche diese gerne annimmt. Ihr Bestand hat sich in den letzten Jahren deutlich positiv entwickelt.

      Strukturreiche Rebberge bieten dem Wendehals geeigneten Lebensraum. Dort gibt es viele bodenlebende Ameisen, seine Hauptnahrung, die er in lückiger Vegetation und an offenen Bodenstellen erbeuten kann. Als einzige Spechtart der Schweiz, die sich ihre Höhlen nicht selber zimmert, ist auch der Wendehals auf ein ausreichendes Angebot an natürlichen oder künstlichen Höhlen angewiesen. 2005 wurde in den Rebbergen am Bielersee, erstmals nach Jahrzehnten, eine Wendehalsbrut in einer natürlichen Höhle entdeckt. Ab 2007 hat Hans Rudolf Pauli im Rahmen eines Nistkastenprojektes der Association SORBUS Neuchâtel auf einer Fläche von 220 ha 80 Nistkästen aufgehängt. 2016 gab es dort bereits 13 Bruten.

      Auch dem Turmfalken im St. Galler Rheintal mangelte es offensichtlich an Nistmöglichkeiten. 2007 hat der Verein Pro Riet Rheintal zusammen mit der Vogelwarte und der lokalen Bauernschaft das Angebot für Turmfalken und Schleiereulen auf einer Fläche von 64 km2 von 23 auf 160 Nistkästen erweitert. Parallel konnten Lebensraumaufwertungen erfolgen, denn die beiden Arten sind gute «Türöffner», um Landwirte für die Anlage von Blumenwiesen und Hecken zu gewinnen. Dank diesen Massnahmen hat sich die Anzahl erfolgreicher Bruten von anfänglich 23 innert 10 Jahren mehr als verdoppelt!

      Nistkästen dienen auch häufigen Arten

      Viele Vogelarten haben sich auf das Brüten in Baumhöhlen und Astlöchern spezialisiert. Diese Strategie bringt offensichtliche Vorteile mit sich. Eine Höhle bietet Schutz vor Witterung und erschwert Feinden den Zugang zum Nest. Sie ermöglicht eine längere Nestlingszeit, so dass die Jungvögel bereits weiter entwickelt sind, wenn sie ausfliegen, als dies etwa bei Bodenbrütern der Fall ist. Nur Spechte zimmern sich die Nisthöhlen selber. Die anderen Höhlenbrüter sind auf ein ausreichendes Nistplatzangebot angewiesen. Die Konkurrenz um Höhlen ist oft gross. Die Knappheit an natürlichen Höhlen hat sich mit der zunehmenden Rodung hochstämmiger Obstbäumen und der Bewirtschaftung von Wäldern weiter zugespitzt. Heute herrscht in Wald und Flur vielerorts Wohnungsnot, aber auch in Privatgärten und Stadtparks mangelt es an Baumhöhlen. Deshalb profitieren auch häufige, weniger anspruchsvolle Arten wie Kohlmeise, Blaumeise, Trauerschnäpper, Kleiber und Feldsperling von Nistkästen. In Nistkästen ist der Bruterfolg meist höher als in natürlichen Bruthöhlen. Gründe dafür sind ein besserer Schutz vor Nässe, Kälte und Beutegreifern. Häufig sind Nistkästen mit Abwehrmechanismen wie einem Vorbau oder einer Zwischenwand ausgestattet, welche Beutegreifern den Zugriff zur Brut im Kasten verwehren. Auch die Wahl des Standorts und die Art der Montage entscheiden darüber, welchen Schutz ein Nistkasten bietet.

      Vögel nutzen Baumhöhlen und Nistkästen auch ausserhalb der Brutzeit. Vor allem kleine Vogelarten, aber auch Steinkauz oder Turmfalke, machen sich den Isolationseffekt zu Nutze. Sie sparen wertvolle Energie, wenn sie die kühlen Winternächte in einer Höhle oder in einem Nistkasten verbringen.

       

      1 Million Nistkästen für Finnland
      Eine Erhebung der Brutvögel in Finnland 2015 hat ergeben, dass sich viele Vogelarten im Rückgang befinden. Daraufhin hat der finnische Fernsehsender Yle gemeinsam mit dem finnischen Umweltamt SYKE die Kampagne «1 Million Nistkästen für Finnland» ins Leben gerufen. Die ganze Bevölkerung hat geholfen, dieses Ziel zu realisieren. Innerhalb eines Jahres wurde das Ziel mit 1,3 Millionen Nistkästen sogar übertroffen. Mit dieser Aktion wurde die einhundertjährige Unabhängigkeit des finnischen Staates gefeiert.

       

      Massgeschneiderte Nistkästen

      Mangels Wissen über die Ansprüche verschiedener Arten wurden früher Nistkästen mit ganz unterschiedlichen Dimensionen und Lochgrössen erstellt und aufgehängt. Ganz nach dem Ansatz: «Natürliche Höhlen folgen auch keinen Regeln und sind unterschiedlich gross». Dank genauen Beobachtungen und Untersuchungen ist heute eine viel gezieltere Förderung einzelner Arten möglich. Beim Wendehals beispielsweise, der kein Nest macht, drohen die Eier wegzurollen. Indem man den Kastenboden mit einer Mulde oder einer Häckselschicht versieht, lässt sich dies verhindern.

      Laufend kommen neue Erkenntnisse dazu. Die Besetzungsrate von Mauerseglerkästen erwies sich gebietsweise als eher gering, weil die Kästen oft durch Stare oder Haussperlinge besetzt waren. Deshalb wurde das Vogelwarte-Modell des Mauerseglerkastens mit einer «Starenbremse» ergänzt sowie mit einem Metallschieber, der das Einflugloch bis zur Rückkehr der Mauersegler verschliesst und dann leicht beiseitegeschoben werden kann. Diese beiden Vorrichtungen verwehren möglichen Nistplatzkonkurrenten den Zugang. Zusätzlich ist das Einflugloch neu oval. So ist es optimal auf die Körperform des Mauerseglers abgestimmt und hält erst noch grössere Arten vom Eindringen in den Nistkasten ab. Und dank einem Nesteinsatz bleibt den Seglern der für sie sehr aufwändige Bau eines Brutnapfs erspart.

      Nistkästen als Ursprung des Vogelschutzes

      Nistkästen wurden ursprünglich gar nicht zum Schutz von Vögeln eingesetzt, im Gegenteil: Quellen aus dem 16. Jahrhundert geben Preis, dass man damals Nistkästen (sogenannte «Starentöpfe» aus Ton) aufhängte, um letztlich die Jungvögel zu schmackhaften Suppen zu verarbeiten.

      Im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Idee, Vögel als insektenverzehrende Nützlinge zu fördern. Im Zuge dieser Annahme hängte man in Obstgärten und Wäldern zahlreiche Nistkästen auf, in der Hoffnung, mit der Zunahme der Vögel einen Rückgang der Schadinsekten zu bewirken.

      Erst im 19. Jahrhundert entwarf man Nistkästen nach dem Vorbild von Spechthöhlen. Ein Pionier in dieser Beziehung war Hans Freiherr von Berlepsch aus Seebach in Thüringen. Er stellte genaue Beobachtungen an und entwickelte zusammen mit einem Holzschuhmacher die ersten Prototypen der heutigen Nistkastenmodelle. Derselbe Freiherr von Berlepsch gründete 1908 auch die erste deutsche Vogelschutzwarte.

      So waren es auch die Nistkästen, um welche sich die anfängliche Hauptaktivität von Vogelschutzvereinen drehte. Grosse Bau- und Aufhängaktionen wurden damals lanciert, und noch heute gehören der Unterhalt und die Kontrolle von Nistkästen und weiteren Nisthilfen zu den wichtigen Aufgaben vieler Vogelschutzvereine.

      Ihre grosse Bedeutung für die Artenförderung haben Nisthilfen bis heute behalten. Am meisten Wirkung entfalten sie dort, wo man diese Aktivitäten mit der Aufwertung von Lebensräumen kombiniert.

       

      Wie viele Nistkästen hängen in der Schweiz?
      In der Schweiz spielen Natur- und Vogelschutzvereine eine Schlüsselrolle beim Aufhängen und Unterhalt von Nisthilfen. BirdLife Schweiz führt ein Register mit den betreuten Nisthilfen in der Deutschschweiz. 2016 waren es gegen 150 000. Hinzu kommen schätzungsweise 50 000 Nisthilfen in der West- und Südschweiz sowie zahllose Nisthilfen von Privaten. Wir schätzen die Gesamtzahl der Nisthilfen in der Schweiz auf rund 250 000